„Die Stunden! wo wir auf das helle Blauen des Meeres starren und den Tod verstehn“ – der Anfang der zweiten Terzine von Hugo von Hofmannsthal über Vergänglichkeit mag den Künstler für die Visualisierung seines Diptychons inspiriert haben. Ein junges Mädchen lauscht dem ewigen Rauschen der Wellen während es zur gleichen Zeit auf eine Stimme zu hören scheint, die trauernd den Tod eines geliebten Menschen beklagt. Hofmannsthal, ein wichtiger Vertreter der Wiener Moderne, schrieb die Terzinen als Zwanzigjähriger nach dem Verlust einer Freundin. Sehnsuchtsvoll sucht er darin nach einer Verbindung zwischen dem Lebenden und der Toten, deren Atem er noch spüren kann. Gelingt es, Vergänglichkeit wirklich wahrzunehmen, das eigene Erwachsenwerden zu verstehen, das nicht mehr Sein werden in der Zukunft zu akzeptieren?  Das Meer (la mer), die Mutter (la mère), das Bittere (l’amer) – sie alle sind im Kreislauf des Lebens eingebunden und bestimmen in unterschiedlicher Weise unsere Existenz.

Herbert Nauderer
La Mer, 2014
Video, Dauer 1:31 min

In Krisenzeiten wie jetzt hat man noch einen schärferen Blick auf die Fragen des Lebens

Dr. Barbara Fischer im Gespräch mit Herbert Nauderer

Wie kam es zu dieser Arbeit und wie siehst du diese vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Krise?

Ich habe „La Mer“ als Videoinstallation für die Artionale konzipiert. Mit den Terzinen über Vergänglichkeit von Hugo von Hofmannsthal habe ich mich allerdings schon sehr viel früher auseinandergesetzt, 1994 in Form eines Zeichentrickfilms. Das Gedicht hat mich seit dieser Zeit nie wirklich losgelassen und 2014 habe ich dann diese Arbeit daraus gemacht. Eine moderne Form des Altarbildes als Video-Diptychon, das war die Idee für die Installation in der Kreuzkirche in München. Zwei Video-Monitore, links die Meeresbrandung, rechts das Portrait eines Mädchens.

In Hofmannsthals Gedicht geht es um Existenz, Dasein, Werden, Entstehen und Vergehen. Ich glaube, es ist mir mit „La Mer“ gelungen, eine eindringliche Visualisierung dieser Thematik zu schaffen. Den Titel „La Mer“ habe ich wegen seiner Doppeldeutigkeit gewählt, der in diesem Zusammenhang sehr gut passt. „Mer(e)“: Meer und Mutter, Unendlichkeit und Geburt.

Grundsätzlich geht es mir in meiner Arbeit immer um Existentielles. In Krisenzeiten wie jetzt hat man noch einen schärferen Blick auf die Fragen des Lebens.

Wie reagierst du auf diese besondere Zeit?

Ich verbringe viel Zeit mit meiner Familie und in der Natur, mache Musik mit meiner Tochter und versuche, intensiv zu arbeiten. Eigentlich war ich bis vor zwei Wochen mit meinem neuen Filmprojekt „House Of Invention“ beschäftigt, wir hatten schon angefangen zu drehen.

Jetzt widme ich mich wieder der Zeichnung, das wirft zwar meine Planung etwas durcheinander, ist aber trotzdem gut und wichtig.

Was gibt dir Kraft und Hoffnung?

Meine Frau und meine beiden Kinder.

Was wünschst du dir für die Gesellschaft nach der Krise?

Ich wünsche mir Mut zur Veränderung, vor allem was die Klimapolitik betrifft. Der erzwungene Stillstand bedeutet für viele wirtschaftlich einen großen Einschnitt, kann uns aber auch eine neue Sicht auf die Dinge eröffnen.

Ich hoffe für unsere Gesellschaft auf eine Abkehr vom gegenwärtigen Turbokapitalismus und eine Hinwendung zu einem rücksichtsvollen Umgang der Menschen untereinander, mit sozialer Verantwortung.

Herbert Nauderer (*1958) lebt und arbeitet in Weipertshausen am Starnberger See und Maciarello, Elba. Er ist Zeichner, Fotograf, Videokünstler, Filmemacher und Musiker. Seine Arbeiten bewegen sich in rätselhaften, oft düsteren Welten, die von Vergangenheitsbewältigung, Gewalt und existenziellen Ängsten erzählen. Als verbindende Figur seiner Werkzyklen erscheint der maskierte Mausmann, den der Künstler zeichnerisch erforscht oder auch selbst darstellt.
Seit 1995 hat Herbert Nauderer einen Lehrauftrag an der Fachschule für Holzbildhauer und der Fachakademie für Raum- und Objektdesign in Garmisch-Partenkirchen. In den Jahren 2016 bis 2018 war er Professor für Zeichnung an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig.

Text zweite Terzine
www.herbertnauderer.de

Dr. Barbara Fischer ist Kunsthistorikerin und Psychologin. Sie lebt in München als freie Kunstpublizistin und Kuratorin.  

Rückmeldungen

„Manchmal gibt es seltsame Zufälle. Kurz bevor ich den Beitrag von Herbert Nauderer am Karfreitag gelesen habe, hat mir eine langjährige Freundin mitgeteilt, dass ihr Mann sehr plötzlich am Dienstag verstorben ist und bereits beerdigt wurde. Es war wie eine Fügung, dass ich genau da das Video von Nauderer und das Gedicht von Hoffmannsthal betrachtet habe! Das war eine Hilfe…“
E.S. am 10.04.2020

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