Robert Keil
Große Rose, 2018
gefärbtes Wachs geformt durch Fingerabdrücke (Installation)
Robert ist seit sieben Jahren mein Partner, und für die „Große Rose“ habe ich meine Daumen für ihn in heißes Wachs getaucht. Die „Große Rose“ ist eine Referenz, die sich unendlich erstrecken kann und hauptsächlich über das Wissen der Dinge in der Welt formuliert wird. Robert Keil extrahiert indexialische Essenzen der Alltagsdinge mit bildhauerischer Finesse und holt sie in aller Schlichtheit in den Ausstellungsraum. Indem er die einzelnen Rosenblätter über Fenstersimse und Vorsprünge rieseln lässt, legt er mit jedem Blütenblatt eine festgeschriebene Bedeutungsvariante aus. Die Rose ist zerlegt in die Bestandteile ihrer strapazierten Rolle, die ihr die jahrhundertelange Kulturgeschichte eingeschrieben hat (Kitsch) – doch kehrt sich dies durch die Installation und den Titel wieder in eine neue, größere Vorstellung.
Ein Spiel der Bedeutungen; zwischen formulierter, faktischer Klarheit und mitunter romantischer Verschwommenheit. Diesen Rahmen steckt zum einen das nachgebende Wachs, in klassischer Bildhauerei eigentlich ein Material der Formfindung, zum anderen die Einordnung des radikal individuellen Fingerabdrückens als Fließbandarbeit der künstlerischen Geste. Material, das durch eine Form als etwas Eigenes beansprucht wird: eintauchen, ablösen.

das Objekt ist ein komplexer Mittler für menschliche Beziehungen

Helin Alas im Gespräch mit Robert Keil

Wie kam es zu dieser Arbeit und wie siehst du diese vor dem 
Hintergrund der gegenwärtigen Krise?

Ich sehe es noch vor mir, wie die Leute meiner Wohngemeinschaft auf dem Campus in New York ihre Daumen mit Wachs benetzt in der Gruppe hochhielten, als ob sie sich mit dieser zufälligen Geste immer wieder gegenseitig bestätigen wollten… In meiner bildhauerischen Arbeit geht es mir auch immer um menschliche Beziehungen: Wie wir miteinander umgehen, was wir wollen und wie wir versuchen, es zu erreichen. Das Objekt ist ein komplexer Mittler für menschliche Beziehungen, die durch das außenstehende Dritte weiter befragt werden können. Paradoxe können sich dadurch materialisieren und tatsächlich abgebildet werden — nicht, dass eine menschliche Existenz nicht auch paradox sein kann —, aber am Objekt habe ich das Gefühl, radikaler damit umgehen zu können. Stehen Objekte und Produkte nicht schon seit jeher für die menschliche Verwirklichung ein? Das Objekt ist auch sein eigener Körper, der eine selbstständige materielle Agenda hat, aber gleichzeitig auch von allen und mir mit Vorstellung belegt wird. Mittlerweile können Gegenstände in der Welt auf eine ausgeprägte Bedeutungsgeschichte zurückblicken, so stark verknüpft mit Wünschen oder Bedürfnissen, in einem Ausmaß,  dass – bildhaft gesprochen – unser Planet die Kompensation nicht mehr leisten kann. Diese Grenze zu sehen, finde ich interessant und als Idee fruchtbar, im Angesicht der gegenwärtigen Krise.

Wie reagierst du auf diese besondere Zeit?

Ich neige dazu, meine Distanz zu einem Betrachtungsgegenstand zu kuratieren. Erst betrachte ich aus der Entfernung, wie von einem anderen Dorf oder aus der Draufsicht, und im nächsten Moment zoome ich ultratief hinein, werde eins mit dem Zusammenhang. Eine Herangehensweise, die sowohl auf künstlerische Arbeiten als auch auf das alltägliche Leben zu überführen ist. Etwas, von dem man eine allzu gefestigte Vorstellung hat, definiert diese Distanz eigenständig. Ich möchte die Krise aber nicht stilisieren, bevor ich sie mir nicht genau angesehen habe.

Was gibt dir Kraft und Hoffnung?

Krise bedeutet auch, dass sich etwas ändert, von dem man ausgegangen ist, es wäre statisch und dauerhaft. In mir würde die Idee der Statik einer Krise erst Angst auslösen. Ich versuche also, eine Krise als etwas zu sehen, mit dem ich mich bewegen kann.

Was wünschst du dir für die Gesellschaft nach der Krise?

Wenn Krise als Neuordnung von starren Vorstellungen in einer sich bewegenden Welt gesehen wird, einer Art Umgewichtung von Aufmerksamkeit und Bedeutung, dann: Einem*r jedem*r seine*ihre Krise.

Robert Keil 
Robert Keils Arbeitsgrundlage ist das Unsichtbare, und wie sich das Nicht-Gesehene aus unserem unmittelbaren sozialen und ökonomischen Umfeld physisch konstituiert. Er arbeitet dabei mit klassischen Materialien, aber auch mit programmierter Software, magnetischer Kraft, Performance und vierblättrigen Kleeblättern.

Geboren 1987 in Penzberg, absolvierte Robert Keil 2018 als Meisterschüler von Prof. Olaf Nicolai sein Diplom an der Kunstakademie München und seinen MFA in Sculpture am Bard College NY im darauffolgenden Jahr. Er war Stipendiat des DAAD und der Studienstiftung des Deutschen Volkes. www.robert-keil.de

Helin Alas ist studierte Kunstpädagogin und bildende Künstlerin. Sie schreibt Anträge, Konzepte, Motivationsschreiben, artist statements sowie in ihrer künstlerischen Praxis. www.helinalas.de

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