Benjamin Bergmann
Aqua Strana, 2020
Video, Dauer 1:58 min

Benjamin Bergmann beschäftigt sich in seinen Skulpturen und raumgreifenden Installationen mit alltäglichen Gegenständen, Handlungen oder Begegnungen. Dabei spielt der Künstler mit Elementen des Absurden, mit Realitätsverschiebungen oder Irritationen, bricht so geläufige Sehmuster und Vorstellungen auf und stellt herkömmliche Herangehensweisen in Frage. Auf vielfältige Weise lotet er immer wieder die Grenzen des Möglichen und Vorstellbaren aus und erweitert sie. Er erforscht neue Denk- oder Handlungsmuster und lädt den Betrachter zugleich ein, selbst andere Perspektiven einzunehmen, neue Denkstrategien zu entwickeln und scheinbar Gegebenes zu hinterfragen.

„Aqua Strana“ (dt: fließendes Wasser) lautet der Titel einer Videoarbeit aus dem Jahr 2019, bei der die statische Kameraeinstellung auf ein architektonisches Detail fokussiert ist, dessen Oberfläche in Bewegung zu sein scheint. Untermalt wird diese Einstellung durch Naturgeräusche, insbesondere durch Wasser und Vogelgezwitscher.

Eine hell glitzernde Wasseroberfläche und deren Lichtreflexionen sind von einem dichten Teppich aus Blättern umgeben. Dieser bewegt sich gleichsam sanft und unmerklich im Wind: Eine Bühne aus fließendem Wasser und saftigem Grün, vergleichbar mit einer Momentaufnahme aus der romantischen Landschaftsmalerei.

Und doch regt sich Zweifel an dem, was uns hier begegnet. Das Wasserbassin scheint magisch zu schweben, ab und an blitzt gar der Himmel unter diesem auf, und auch die Bewegung des Blattwerks scheint der Logik von Schwerkraft und Natur enthoben.

Der Gesamtsituation haftet etwas Absurdes an

Helmut Braun im Gespräch mit Benjamin Bergmann

Wie kam es zu dieser Arbeit und wie siehst du diese vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Corona-Krise?

Bei „Aqua Strana“ handelt es sich nicht um ein gebautes beziehungsweise inszeniertes Bild, so wie man es eigentlich von mir gewohnt ist. Vielmehr begegnete mir diese Szene in einem besonderen, geradezu magischen Augenblick an einem Ort, den viele kunstinteressierte Menschen kennen, wenngleich sie diesen in der Videoarbeit nicht zwingend wieder erkennen. Es ist ein besonderer Ort der Stille, inmitten einer ruhelosen Umgebung und Bewegtheit.

„Aqua Strana“ ist ein meditatives Bild. Ein Bild, das individuell gelesen und interpretiert werden kann und offenkundig ein Rätsel in sich birgt. Ein Sinnbild für eine Zeit, in der wir mehr Fragen als Antworten haben.

Wie reagierst du auf diese besondere Zeit?

Seit einigen Jahren haben meine Frau und ich einen zweiten Wohnsitz in den Bergen, an den wir uns regelmäßig zurückziehen. Seit Beginn der Einschränkungen leben und arbeiten wir nahezu ausschließlich an diesem Ort. Ein Privileg, das in der gegenwärtigen Situation fast nicht mit Worten zu beschreiben ist. Die Einschränkungen im Alltag und im Umgang mit anderen sind hier vergleichsweise überschaubar.

Umso mehr haftet der Gesamtsituation etwas Absurdes an. Denn in der Natur mit ihrer ungebändigten Kraft des erwachenden Frühlings, begleitet von wunderbarem Wetter, ist von einer derart massiven Krise nichts zu bemerken. Für die Natur scheint es schlichtweg keine Krise zu geben. Beim Blick auf das Weltgeschehen könnte der Kontrast also nicht stärker sein!

Was gibt dir Kraft und Hoffnung?

Wie bei vielen anderen Künstlerinnen und Künstlern sind auch bei mir Ausstellungen und Projekte abgesagt oder zumindest verschoben worden. Ein Anfang des Jahres dichter Zeitplan ermöglicht  nun plötzlich Raum für andere Dinge.

So beschäftige ich mich gerade mit einer Publikation, für die ich lange keine Zeit finden konnte. Es handelt sich um eine monographische Zusammenstellung meiner Arbeiten aus den vergangenen zwanzig Jahren. Dieser konzentrierte Rückblick in einer Zeit, in der man mit einem mulmigen Gefühl in die Zukunft lauscht, hat auch etwas durchaus Positives. Zum einen sehe ich, dass es in der Vergangenheit immer wieder Hindernisse, aber auch Lösungen gab. Zum anderen braucht man im Leben und in der Kunst Pausen und Momente des Innehaltens. Innovation und Kreativität entstehen ja nicht zwangsläufig als Folge körperlicher Anstrengung oder verkrampfter, aufreibender Denkprozesse. Vielmehr überfallen uns neue, besondere Gedanken und Ideen häufig vor allem in der sprichwörtlichen Langeweile. Oder anders gesagt: Uns kommt etwas in den Sinn, wenn der Kopf mal leer ist.

Was wünschst du dir für die Gesellschaft nach der Krise?

Das ist eine Frage maßgeschneidert für ein Orakel! Erkenntnisse!?

Benjamin Bergmann (*1968 in Würzburg) studierte nach einer Ausbildung zum Holzbildhauer an der Akademie der Bildenden Künste in München Bildhauerei. Seine Arbeiten werden seit 2002 in Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland gezeigt, wie beispielsweise 2007 bei „Made in Germany“ im Sprengel Museum in Hannover, 2009 auf der Biennale in Moskau, 2008 bis 2010 in der Pinakothek der Moderne in München, 2016 bei der Emscherkunst in Dortmund sowie 2018 in der Ausstellung „Höhenrausch“ am OK Linz. Eine Auswahl großformatiger Arbeiten und Installationen wurde zuletzt im Rahmen der Einzelausstellung „Revolution Will Not Be Televised“ im Sprengel Museum Hannover von 2018 bis 2019 präsentiert.

Der Künstler erhielt mehrere renommierte Kunstpreise, darunter 2011 „Künstler des Jahres der VHV“, 2012 den „Preis der Stadt Nordhorn“ sowie Stipendien in USA, Russland und Kanada. 2015 absolvierte er ein Stipendium der Bundeskulturstiftung im Palazzo Barbarigo della Terrazza in Venedig.

Werke von Benjamin Bergmann sind in zahlreichen privaten und öffentlichen Sammlungen vertreten. www.benjaminbergmann.de

Kirchenrat Helmut Braun M.A., Kunsthistoriker, Leiter des Kunstreferats der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Landeskirchenamt München.

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