‚Form must not be a vehicle for thought, it must be a way of thinking.‘ Mit diesem Satz aus dem Buch ‚Das offene Kunstwerk‘ von Umberto Eco könnte man das künstlerische Anliegen beider Künstlerinnen zusammenfassen: die Suche nicht nach einer, sondern nach der ästhetischen Form, die notwendigerweise verbunden ist mit der Suche nach den geeigneten künstlerischen Mitteln, Materialien und Arbeitsweisen, um die Form des Kunstwerks als eigenständige Denkweise zu bestimmen. Beide Arbeitsansätze sind getragen von einer künstlerischen Haltung, die nicht auf ein ‚Mehr‘ fokussieren, sondern ein ‚Weniger‘ anstreben. Kennzeichnend für beide Künstlerinnen ist die Reduktion der Mittel und die Beschränkung auf wesentliche Handlungen. Minimalistische Handlungen führen zu Kunstwerken, und künstlerische Eingriffe in den Raum verändern die Wahrnehmung des Raumes als Ganzen. Kunst ist keine Zutat zu dem, was sowieso schon besteht, kein Schnörkel, den die Gesellschaft noch zusätzlich braucht, sondern ein Hinschauen auf das, was man noch nicht gewusst hat, bevor man es durch die Augen der Kunst geschaut hat. Für das folgende Gespräch über die Videoarbeit haben wir uns kurzfristig zu einem Onlinemeeting getroffen.

Afra Dopfer, Katharina Weishäupl
cachemain, 2009
Video, Dauer 4.54 min
4:3 MPEG 2 Pal 625/50

alles, was wir abstreifen, macht uns zwar nackt – aber auch frei …

Karolina Sarbia im Gespräch mit Afra Dopfer und Katharina Weishäupl

Wie kam es zu dieser Gemeinschaftsarbeit? Was waren eure künstlerischen Ausgangsüberlegungen?

K: Die Entstehung der Arbeit fällt in einen Zeitraum, in dem wir gemeinsam ein Atelier geteilt haben. Wir haben viel miteinander über unsere Arbeiten gesprochen und uns künstlerisch sehr gut verstanden. Wir sahen da Verbindungen zwischen Afras Linien in ihren Zeichnungen und meinem Wollfaden, mit dem ich Formen wickelte.

A: Ja, mir sind vor allem ihre Bewegungen, ihre Gestik beim „Wickeln“ der Form aufgefallen. Das hatte etwas sehr Räumliches und Performatives. Wir haben viel ausprobiert, und irgendwann war Video das Medium, wo wir uns künstlerisch getroffen haben.
Der Handlungsablauf im Video selbst impliziert verschiedene Lesarten.

Wie seht ihr eure Arbeit vor dem Hintergrund der gegenwärtigen globalen Krise? Wirft sie ein neues Licht auf das, was ihr vor elf Jahren geschaffen habt?

K: Eine so außergewöhnliche, bisher auch nicht vorstellbare Situation, verändert den Blick auf das ganze Leben und natürlich auch auf diese Arbeit. Wir hatten damals bewusst keine Eindeutigkeit der Lesart gewünscht. Jetzt erscheint es mir so, dass die Form verschwindet und einfach nichts bleibt als die Hände. Ich bin kürzlich über einen Vortrag des Ökonomen Niko Paech gestolpert „All you need is less“. Darüber denke ich gerade ziemlich viel nach.

A: Mir geht es ähnlich. Ich bin total perplex, wie viele neue Inhalte ich seit Covid-19 in diese Arbeit hineinlegen kann. Als wir das Video damals das erste Mal angeschaut haben, ist mir die „Nacktheit“ der Hände am Schluss besonders aufgefallen. Jetzt macht das für mich viel mehr Sinn, denn alles was wir abstreifen, macht uns zwar nackt – aber auch frei. So erlebe ich die momentane Situation.

Ihr habt bisher nur eine künstlerische Arbeit gemeinsam realisiert. Sie war jedoch ein Baustein im Fortgang eurer künstlerischen Entwicklung. Was denkt ihr über die Zusammenarbeit damals und was gibt euch momentan Kraft und Hoffnung?

A: Dass die Arbeit zustande kam, lag an der besonderen Situation, in der wir beide damals waren und die uns das Momentum gegeben hat. Die Situation lässt sich nicht wiederholen. Das heisst aber nicht, dass ich es mir nicht wieder wünschen würde. Und die Arbeit reiht sich in mein Werk so nahtlos ein, wie in Katharinas, das glaube ich jedenfalls. Kraft gibt mir, dass ich in jeder Lebenslage und in jeder Form auf meine Arbeit zurückgreifen kann. Aber momentan denke ich auch, dass ich etwas tun sollte, das nicht nur mich befriedigt, sondern auch der Gemeinschaft zugutekommt.

K: Eine gute Zusammenarbeit öffnet den Raum für etwas, das ich alleine nicht machen kann. Es ist sehr schön, gemeinsam etwas zu entwickeln, und bei mir kommt das nicht oft vor. Im Moment sind es eher die kleinen Dinge und die Natur, die mir große Freude bereiten – ein Feld Schlüsselblumen an der Nymphenburger Straße zum Beispiel. Ich gehe viel zu Fuß, und das Trödeln tut mir unglaublich gut.
Der Gesundheitskrise wird wahrscheinlich eine Wirtschaftskrise folgen. Manche sehen schon eine Finanz- und Währungskrise am Horizont aufsteigen. Schreckliche Szenarien.

Ganz einfach gefragt: Was wünscht ihr euch für die Gesellschaft nach der Krise?

A: Auffällig ist doch, dass Populisten in dieser Krise nicht gefragt sind, weil sie eben nichts Konstruktives beizutragen haben. Ganz klar wünsche ich mir, dass diese Vernunft, die bei uns derzeit in Politik und Gesellschaft waltet, bestehen bleibt. Dass die Großzügigkeit, mit der wir gerade auf das Leben und auf Andere schauen, erhalten bleibt. Dass wir daraus lernen, dass eine Demokratie eine Pandemie bewältigen kann, und vielleicht sogar gestärkt aus ihr hervorgehen kann.

K: Ich würde mir wünschen, dass unsere globale Verbundenheit, die durch das Virus gerade negativ in Erscheinung tritt, sich in einer anderen positiven Form manifestieren könnte. Und dass die Angst nicht mehr so bestimmend in unserer Gesellschaft wirkt. Ich bin glühende Europäerin und hoffe, dass das, wovon Afra spricht, in Europa und überall gesehen werden kann.

Afra Dopfer (*1962) studierte Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste bei Leo Kornbrust und Cristina Iglesias, Lehrstuhl für Bildhauerei in Verbindung mit Architektur. Seit ihrer Jugend beschäftigt sie sich außerdem mit Tanz und Bewegung, Modern Dance und Kontaktimprovisation, seit 2014 mit den ‚movement studies‘ von Amos Hetz. Sie arbeitet multimedial, zunehmend im und bezogen auf den architektonischen Raum. Seit 2014 unterrichtet sie an der Architekturfakultät der Hochschule München.
www.afradopfer.de

Katharina Weishäupl (*1972) studierte an der ABK Stuttgart Bühnenbild bei Jürgen Rose, Video- und Performance-Kunst bei Joan Jonas, sowie freie Kunst an der Glasgow School of Art. Ihr Arbeitsspektrum bewegt sich von minimalistischen Objekten und temporären, ortsspezifischen Rauminstallationen zu konzeptuellen und kuratorischen Tätigkeiten im „Arbeitskreis zur Resozialisierung von gemeinem Grün“, dem Kunstpavillon im alten Botanischen Garten und der Galerie der Künstler. Sie lebt und arbeitet als freischaffende Künstlerin in München.

 

Karolina Sarbia (*1963) studierte Kunstgeschichte, M.A., an der LMU, und Kunsttherapie, Master of Arts, an der Akademie der Bildenden Künste in München. Sie macht Werkgespräche und Werkdokumentationen mit Künstlerinnen und unterrichtet an der Akademie im Fachbereich Kunsttherapie. Vor kurzem hat sie die Projektleitung KünstlerInnennachlässe beim BBK München übernommen.
www.werkgespraeche-kunst-sarbia.de

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