Elke Dreier
Explanation and Some Clouds, 2017
Videoinstallation, Full HD, 3:18 min

Elke Dreier setzt sich in ihren Arbeiten mit Körpersprache im Kontext permanenter Interaktion auseinander. Sie konfrontiert den Betrachter mit Bewegungen des Körpers und einer Verortung des Menschen in einer digitalisierten Welt.

Vor dem azurblauen Himmel in Rom erklärt ein Astronom die tagesaktuellen Sternbilder und Konstellationen, die am Nachthimmel sichtbar sind. Das Video „Explanation and Some Clouds“ von Elke Dreier zeigt sieben Videosequenzen, in denen die Konstellationen des Sommerhimmels verortet werden. Als Sommersternbilder werden die Konstellationen bezeichnet, die in Sommernächten zu sehen sind, abhängig vom geographischen Breitengrad. Über Rom (41° 54′ 10.021″ N) sind beispielsweise das Sommerdreieck, bestehend aus den Hauptsternen des Schwan, Adler und der Leier, zu sehen.

Durch die sichtbaren Gesten, die zwischen Zeigen, Deuten und Erklären variieren, entstehen Zusammenhänge, Bilder und Erzählungen. Vor dem Tageshimmel entspinnt sich eine Narration über Wahrnehmung, Vorstellung und Interpretation. Die Videoarbeit von Elke Dreier, in der Mimik, Gestik und Haltung eine bedeutende Rolle einnehmen, macht auch deutlich, dass Glaubwürdigkeit und Wirkung einer Person davon abhängen, ob eine Kongruenz zwischen verbaler und nonverbaler Kommunikation gelingt.

Wie entscheidend nonverbale Kommunikation für uns ist, merken wir in Zeiten von Corona umso mehr, wenn die Signale, die für uns so wichtig sind, fehlen: Verzicht auf körperliche Nähe und eingeschränkte Mimik aufgrund von Masken.

Bedeutungsverschiebung von „Körperlichkeit“

Dr. Karin Wimmer im Gespräch mit Elke Dreier

Wie kam es zu dieser Arbeit und wie siehst du diese vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Krise?

Die Videoarbeit „Explanation and Some Clouds“ entstand während eines Aufenthaltes in Rom 2017. Ich habe mich oft verlaufen, in den pulsierenden Straßen Roms. Alle Sinne sind aktiv und werden permanent von etwas in den Bann gezogen: Verkehr, Menschen, Gerüche. Gestik und Mimik waren es, die mir bei Fragen nach dem Weg die Orientierung erleichterten oder eine Ahnung davon vermittelten, wann der nächste Bus kommen wird. Ein weiterer einprägender Moment war in den Vatikanischen Museen in der Stanza Della Segnatura vor dem bekannten Fresko von Raffael „La scuola di Atene“, der Darstellung einer Versammlung von Wissenschaftler*innen, Philosophen und Künstlern der Antike bis zur Renaissance. Im Raum der Stanza Della Segnatura ist viel Gedränge, die Perspektive ändert sich ständig, alle zeigen auf irgendetwas, die Besuchergruppen vermischen sich, erklären gestikulierend, was zu sehen ist oder was sie sehen. Mittig im Fresko ist Platon dargestellt, der zum Himmel deutet, während er gemeinsam mit Aristoteles aus dem Torbogen tritt. Wenn aktuell Bilder der Stadt, der leeren Straßen und Plätze zu sehen sind, denke ich unmittelbar an die Erfahrung vor Ort und wie die gegenwärtige Situation Austausch, Begegnung und zwischenmenschliche Kommunikation verändert.

Wie reagierst du auf diese besondere Zeit?

Es findet gerade eine Bedeutungsverschiebung von „Körperlichkeit“, zwischenmenschlicher Nähe, der Berührung von Materialien und der Nutzung des privaten Raumes statt, die mich sehr interessiert.
Konkret versuche ich nicht die Luft anzuhalten, sondern beobachte Atmung, taktiles Empfinden und Kontakt und versuche herauszufinden, wie man „Atmungsmisstrauen“ entgegenwirken
kann.
Was gibt dir Kraft und Hoffnung?

Die existenzielle Rolle und Präsenz von Kunst und Kultur und das tiefe menschliche Bedürfnis nach Kommunikation und Austausch mit anderen Personen zu sehen.

Was wünschst du dir für die Gesellschaft nach der Krise?

Die Situation ist auch eine Chance für individuelle und gesellschaftliche Reflexion und eine Möglichkeit, neue Routinen zu entwickeln. Besonders wichtig erscheinen mir umsichtige politische Entscheidungen und globaler Zusammenhalt. Ich wünsche mir eine empathische Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit und Rücksicht Standard sind.

Elke Dreier (*1984) hat an der Akademie der Bildenden Künste als Meisterschülerin von Prof. Olaf Nicolai studiert und lebt in München. 2017 erhielt sie ein Stipendium an der Fondazione Pastificio Cerere in Rom und wurde 2018 mit dem Projektstipendium für Bildende Kunst der Landeshauptstadt München ausgezeichnet. www.elkedreier.de

Dr. Karin Wimmer ist Kunsthistorikerin. Seit 2018 leitet und kuratiert sie das Projekt Digital Art Space in München.
Karin Wimmer studierte Kunstgeschichte in Wien, Siena und Florenz und promovierte in Wien über einen italienischen Maler des 20. Jahrhunderts. Sie arbeitete in verschiedenen Ausstellungshäusern wie der Pinakothek der Moderne oder dem Franz Marc Museum in Kochel. Ab 2009 war sie als wissenschaftliche Assistentin an der LMU München am Institut für Kunstgeschichte tätig. Von 2014 bis 2018 leitete sie eine eigene Galerie mit dem Schwerpunkt Münchner Künstler*innen. www.digitalartspace.de

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