Judith Egger
Transmission Waves, 2019
Video, Dauer 7:06 min

Mit ihren experimentellen Arbeiten versucht sich die Münchner Installations- und Performancekünstlerin Judith Egger auf unterschiedliche Art und Weise den Urkräften der Natur anzunähern, diese zu beobachten und auszuloten. Stets tritt der Mensch dabei in ein Spannungsfeld aus Verbundenheit und Entfremdung von der Natur, aus innerer und äußerer Welt.

In ihrer 2019 in Alicante entstandenen Videoarbeit „Transmission Waves“ versucht sich die Künstlerin durch den Aspekt des „Lauschens“ an das Element Wasser anzunähern, mit ihm eine Kommunikation aufzubauen. Sie begreift sich als Teil dieser Natur und begegnet ihr auf Augenhöhe. Ihre „Antennen“ bilden dabei an ihren eigenen Körper angebundene Angelruten, an denen Unterwassermikrofone und Schwimmer befestigt sind. Ins Meerwasser gehalten, nehmen diese die Schwingungen des Wellengangs auf und lassen uns durch die akustische Dimension, aber auch durch das Vibrieren der Angeln in Beziehung mit der Natur treten. Eine ganze Weile lauschen wir dem mal tösenden, mal sanften Rauschen, bis wir wieder in die uns vertraute Geräuschwelt zurückgeholt werden.

In dieser Selbsterfahrung sind unsere menschlichen Urinstinkte ebenso zentral, wie das Schärfen unserer Sinnesorgane. Diese hier erfahrbar gemachte, nicht kontrollierbare Naturkraft, ständigen Transformationsprozessen unterliegend, gilt Judith Eggers Aufmerksamkeit.

Zu lauschen ist ein guter Anfang

Dr. Polina Gedova im Gespräch mit Judith Egger

Wie kam es zu dieser Arbeit und wie siehst du diese vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Corona-Krise?

Das Video „Transmission Waves“ ist der zweite Teil einer Video-Installation, die ich in meiner Ausstellung „Lauschen & Lauern“ im MaximiliansForum in München vergangenen Dezember gezeigt habe. Beim ersten Teil „Transmission Wood“ wandere ich mit an meinen Körper geschnallten Ast-Antennen durchs nächtliche Paris, um Verbindung mit den Bäumen aufzunehmen. In der hier gezeigten Arbeit „Transmission Waves“ habe ich eine eigene Methode entwickelt, die Bewegungen des Wassers mit mehreren Techniken aufzunehmen und zu kommunizieren.
Beide Videos haben in der Ausstellung den Aspekt des „Lauschens“ behandelt. Damit wollte ich zeigen, dass es unterschiedliche Methoden gibt, sich der Natur anzunähern… als Jägerin und Sammlerin oder als Fühlende, die sich als Teil der Natur begreift.

Ich empfinde, dass sich große Teile der heutigen Menschheit von der Natur entfremdet haben, abgeschnitten sind und die Natur selbst und sogar andere Menschen „objektifiziert“ haben.
In „Transmission Waves“ geht es um das Wasserelement, aber auch um den emotionalen Aspekt. Inwieweit erlauben wir uns, alles zu fühlen und eine tiefere Verbindung mit uns selbst und der Welt einzugehen? Es geht also um eine Verfeinerung unserer Sinne, um eine neue Beziehung zur Welt um und in uns zu kultivieren…
Meine persönliche Erfahrung in der Krise bestärkt mich in der Ansicht, dass nichts so lebenswichtig ist wie unsere Beziehungen. Wirklich hinzuhören und zu lauschen ist ein guter Anfang.

Wie reagierst du auf diese besondere Zeit?

Künstler sind geübt darin, mit dem Ungewissen zu leben – von daher war ich, oberflächlich gesehen, schon ganz gut darauf vorbereitet. Gerade in meiner künstlerischen Arbeit habe ich mich viel mit dem anarchischen Wachstum von Lebensformen beschäftigt, die dem Menschen nicht immer angenehm sind. Auch darin habe ich einen Ausdruck der universellen Lebenskraft (von mir „Schwellkraft“ genannt) gesehen. Doch dass die ganze Welt von Corona betroffen ist und sich wirklich so viele Koordinaten auf eine Weise verschieben, die ich zu meinen Lebzeiten noch nicht erlebt habe, gibt der Situation eine ganz andere Qualität, die mich sehr tief berührt und aufwühlt – mit jetzt noch nicht absehbaren Folgen! Ich verstehe die Geschehnisse als Aufruf, unser Leben als Individuum aber auch als Weltgemeinschaft auf den Prüfstein zu stellen.

Und so zwingt uns Corona auf eine radikale Weise, all unsere Beziehungen – auch die zur Natur – zu hinterfragen.

Was gibt dir Kraft und Hoffnung?

Es ist gut, dass die Dinge in Bewegung kommen und es niemanden gibt, der sich komplett in einer „gated community“ verschanzen kann, also alle betroffen sind. Auch wenn enorm viel Leid in diesem Wandel entsteht, glaube ich, dass darin auch eine große Chance liegt. Obwohl ich oft den Eindruck habe, dass wirtschaftliches Wachstum, Gewinn und Profit letztendlich doch Priorität gegenüber vielen anderen lebenswichtigen Themen haben, erfüllt mich die Tatsache, dass die Regierungen und Gemeinschaften unter großen Entbehrungen dem Schutz der Schwächeren alles andere unterordnen, mit Hoffnung. Wenn diese Haltung auch auf die Klimakrise und andere brisante Probleme der Weltgemeinschaft übertragen werden könnte, wäre dies der Beginn eines ganz neuen Wertesystems.

Judith Egger (*1973) lebt und arbeitet in München. Sie schloss ihre Studien 2001 mit einem Masters am Royal College of Art in London ab und erhielt seitdem zahlreiche Stipendien und Förderpreise, darunter ein einjähriges DAAD-Stipendium für London, ein Arbeitsstipendium der Bundeskulturstiftung Bonn, sowie 2015 den erstmals verliehenen interdisziplinären Kunstpreis „zwei:eins“.
Unkontrolliertes organisches Wachstum, parasitäre Organismen und Insektenvölker gehören schon lange Zeit zu ihren Forschungsgebieten – seit 2004 recherchiert sie als Direktorin des parasitären Instituts für Hybristik und empirische Schwellkörperforschung die alles antreibende Lebenskraft, die Schwellkraft, die jedem Organismus innewohnt und die der Mensch in letzter Konsequenz nicht kontrollieren kann. Dabei bewegt sie sich mit Vorliebe in den Grenzbereichen von bildender Kunst, Installation und Performance. www.judithegger.de
TED Talk „Science, Art and the Big Bang“
Galéria Aural

Dr. Polina Gedova ist Kunsthistorikerin und Kunstvermittlerin.
Sie arbeitet als kuratorische Assistentin an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.

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