Camill von Egloffstein
Plan A, 2020
Stuhlrohrgeflecht, Stahl, Kunststoff, Holz Tapete
Skulptural-malerische Installation
Größe variabel

Plan A wird vom Raum gehalten, bildet ein Raster, reflektiert zugleich nach innen und außen, entwickelt sich aus der doppelten Optik von malerischem Sehen und bildhauerischem Gestalten. Der Raum als Schauplatz eines Dialoges zwischen Tradition und Gegenwart, zwischen intellektuellem Spannungsfeld und handwerklicher Präzision. Das Wiener Geflecht, einst Synonym für die Modernität des 19. Jahrhunderts, weist historisch zurück auf eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit: Das Flechten, Knüpfen, Weben. Verknüpft Materialien zu einem Raumvolumen und macht dessen Erfahrung abhängig vom Standpunkt des Betrachters, der angesichts der Größe der Arbeit, stets nur einen Ausschnitt wahrnimmt, während er Innen- und Rückseite der Installation, als Bild suggeriert. Aus gewohntem Schubladendenken herauszuführen, um Bekanntes neu zu sehen, bewirkt oftmals eine Neuschreibung von Geschichte.

Wir erleben Teile der Welt im Pausenmodus

Daniela Thiel im Gespräch mit Camill von Egloffstein

Die Auseinandersetzung mit der Bibel, ihren theologischen und menschlichen Inhalten, begleitet mich schon sehr lange und der Dialog zwischen Literatur, Philosophie und Kunst gehört dazu. Die Erschütterungen durch die Corona-Pandemie spiegeln sich assoziativ auch in Plan A wider. Sie entstand als Diplomarbeit an der Akademie der Bildenden Künste München. Corona gab es da schon, erschien aber sehr weit weg.

Die Arbeit umspannte einen meterhohen Raum und bestand aus einem Stuhlrohrgeflecht, einer großformatigen Stahlrohrinstallation und einem Paravent mit Südseetapete. Ihre Dimension veränderte die heute übliche Wahrnehmung eines Bildes in Handygröße. Durch seine räumliche Ausdehnung konnte das Bild zugleich als Raum erfahrbar werden. Zusammen mit dem Fotografen Florian Huth, habe ich die Installation in bestimmten Einstellungen festgehalten. Nach ihrem physischen Ende ist sie nunmehr nur noch digital, d. h. als Bild, erlebbar. Welch ein Unterschied. Und diesen Unterschied spüren wir doch gerade alle: Museen und Kunstgalerien sind geschlossen und Kunst kann nicht mehr körperlich erlebt und haptisch gespürt werden. Stattdessen ihren digitalen Fußabdruck anzuklicken, ist kein Ersatz; genauso wenig, wie ein Skypegespräch die physische Zweisamkeit ersetzen kann. Doch es überspannt Räume, schafft als weltweites digitales Netz Verbindungen, wenn auch anderer Natur, denn es fehlt die Aura des Einzigartigen, auch des unwiederholbar körperlichen Momentes, sich selbst in einem Raum zu erleben.

Und darum geht es. Plan A aus indonesischem Rattan als Wiener Geflecht war ein analoges „Netzwerk“, das auf der ebenmäßigen Verspannung im Raum beruhte. Lockert oder kappt man eines der Spannseile, verzerrt sich das Netz oder fällt zusammen: Ein Bild dafür, was wir mit Corona gerade weltweit erleben. Ein zum äußersten gespanntes Netzwerk verliert seine Zugkraft und damit seinen Halt. Darin keine Schwäche zu sehen, sondern ein Moment des Innehaltens und Nachdenkens, auch über die Stärke der verbliebenen Spannkräfte, ist für mich ein Gebot der Stunde.

Wir erleben Teile der Welt im Pausenmodus, alles scheint verlangsamt. Die Zeit dehnt sich, zwei, drei Wochen werden unendlich. Für manchen wird daraus eine Lebenszäsur. Für mich schafft diese Form der empfundenen Verlangsamung auch eine Brücke zu meinem eigenen künstlerischen Arbeiten: Was ich tue enthält Dynamik, meist die der ersten Idee, doch ihr folgt die deutlich langsamere, handwerkliche Umsetzung. Die Haptik der oft traditionell bearbeiteten Oberflächen, die nahbare Betrachtung, die bewusst bis ins kleinste Teil ausgereizte Inszenierung. Da begegnen sich Geschichte von Materialien, kulturhistorische Bedeutung und Erfahrung der eigenen Gegenwart. Durch den Standortwechsel entsteht ein neues Bild – wie bei Plan A oder wie bei Corona.

Indem wir Werk und Zeit körperlich erleben, gewinnen wir einen neuen Blick. Der wird anders sein, aber nicht schlechter. Vielleicht erkennen wir dann sogar, wie systemrelevant Kunst ist.

Camill von Egloffstein (*1988) lebt und arbeitet in München. Studium bei Franz Wanner und Jorinde Voigt, Meisterschüler von Olaf Metzel. Als Bildhauer und Maler arbeitet der Künstler im Kontext von gesellschaftlichen und kunstimmanenten Fragen. Seine oft großformatigen Arbeiten spiegeln die Auseinandersetzung zwischen den haptisch erfahrenen Oberflächen und ihren malerischen Aspekten von Farbe, Kontrast, Komposition, Licht und Schatten wider. Kirche und Kunstgeschichte, Verbundenheit mit den großen historischen Fragen, Aktualisierung von handwerklichen Traditionen – sind Kerngedanken seiner Arbeit.

Daniela Thiel arbeitet als freie Autorin und Kunstvermittlerin in München.

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