Corbinian Böhm und Michael Gruber arbeiten seit 2000 unter dem Namen „Empfangshalle“ zusammen, da das erste gemeinsame Atelier am Hauptbahnhof in einer ehemaligen Empfangshalle untergebracht war. In ihren künstlerischen Projekten, die auf einer sorgfältigen Analyse der sozialen Kontexte basieren, in denen sie entstehen, werden oftmals Außenstehende mit einbezogen, so auch in der Videoarbeit „Hausordnung“. Die Kamera fokussiert in den ersten zehn Sekunden regungslos auf ein Punkthochhaus mit umlaufenden Balkonen aus Beton. Nach und nach treten die Bewohner auf ihre Balkone und rufen Vorschriften der Hausordnung ins Leere. Die Kameraeinstellungen wechseln, das Geschrei schwillt an, jeder scheint den anderen übertönen zu wollen. Die einzelnen Botschaften sind akustisch nicht mehr zu verstehen. So plötzlich, wie die Unruhe aufkam, verschwindet sie auch wieder. Die surreale Situation der räumlichen Trennung der Mieter wirkt in diesen Tagen auch wie eine Metapher für die verordnete Anonymität durch die Kontaktsperre. Der einzelne verschafft sich Gehör, doch gibt er dabei nur etwas wieder, das ihn einschränkt, ohne die anderen wahrzunehmen. 

Empfangshalle
Hausordnung, 2005
Video, Dauer 1:26 min

(Abzuspielen auf einem hochkant gedrehten Display)

 

vielleicht eine Entladung,
aufgestaut aus dem Gefühl der Machtlosigkeit …

Benita Meißner im Gespräch mit Empfangshalle

Wie kam es zu dieser Arbeit und wie seht ihr diese vor dem 
Hintergrund der gegenwärtigen Krise?

Die Arbeit ist spontan nach der Fertigstellung des Petueltunnels entstanden. Die auf dem Tunnel neu entstandene Grünfläche wurde im Rahmen des Kunst-am-Bau-Programms zum Skulpturenpark mit Kunstcafé. Bewohner aus den drei unmittelbar angrenzenden Hochhäusern beschwerten sich wegen der neuen Lärmbelästigung. Zuvor waren sie jahrzehntelang vom Verkehr des Mittleren Rings umtost worden, jetzt störten in der Stille die Spaziergänger und das Klappern des Geschirrs der Café-Besucher. Woher kam das? Vielleicht eine Entladung, aufgestaut aus dem Gefühl der Machtlosigkeit zuvor? Hier kann man Parallelen finden: Wie geht eine Gemeinschaft mit einer ungewohnten Situation um?
 
Wie reagiert ihr auf diese besondere Zeit?

Es gibt so einiges, um das wir uns kümmern müssen. Die EMPFANGSHALLE ist ja viel mehr als das Künstlerduo. Viele andere sind mit im Boot: Kollegen, die mit uns an Jobs arbeiten, gemeinsam Atelierräume nutzen oder unsere non-profit Galerie bespielen. Dazu haben wir feste Mitarbeiter*innen und eine Auszubildende. Da gilt es, den Laden zusammenzuhalten und darauf zu achten, dass niemand zurückbleibt. Ganz einfach wird das nicht.

Was gibt euch Kraft und Hoffnung? 

Unser großes Netzwerk aus Kunstschaffenden, Freunden und Partnern. Man hilft sich aus. Und die Hoffnung, dass die Gesellschaft mit der Krise ihre Werte überdenkt und damit Kunst und Kultur gebührlich schätzen lernt.

Was wünscht ihr euch für die Gesellschaft nach der Krise? 

Ein Ende des Stillstandes. Dass all das Steuergeld und all die Anstrengungen auch dafür genutzt werden, die anderen großen Krisen mit der gleichen Energie ernsthaft anzugehen: Klimawandel, Nachhaltigkeit, Umwelt, Bürgerrechte.

Corbinian Böhm, geboren 1966 in München
1988 bis 1990 Studium der Kunstgeschichte an der LMU München
Ausbildung zum Holz- und Steinbildhauer
Studium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste, München bei Hans Ladner, Anthony Gormley, Pia Stadtbäumer, Timm Ulrichs, Asta Gröting, Rita McBride
2000 Meisterschüler, Diplom

Michael Gruber, geboren 1965 in Mallersdorf
Ausbildung zum Holz- und Steinbildhauer
Studium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste, München bei Hans Ladner, Anthony Gormley, Pia Stadtbäumer, Timm Ulrichs, Asta Gröting, Rita McBride.
1999 Meisterschüler, Diplom

www.empfangshalle.de

Benita Meißner ist Kuratorin und Geschäftsführerin des DG Kunstraums. www.dg-kunstraum.de

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