Denke ich zu viel an mich? Bin ich besser oder schlechter dran als die anderen? Was wäre mein Leben an einem anderen Ort? Wie wäre ein anderes Ich?
Die Videoreihe „Modelle der Wirklichkeit“ von Sandra Filić ist der Versuch, sich anderen Lebenswirklichkeiten zu nähern. Dafür begibt sich die Künstlerin für einen Tag an den Wohnort ihrer Protagonisten, taucht in ihren Alltag ein und übernimmt ihre Gewohnheiten. Im hier gezeigten fünften und letzten Teil der Reihe spürt sie so dem Alltag eines 93-jährigen, im 2. Weltkrieg erblindeten Mannes nach. Am Anfang des Videos ist er für einen kurzen Moment beim Verlassen des Hauses sichtbar, dann findet der Rollentausch statt und nur seine Stimme begleitet uns weiter aus dem Off. Er erzählt, dass er nachts oft schlaflos auf seinem Trampolin spazieren geht, die Zeit mit Meditation füllt und viel Radio hört, um die Welt zu sich zu holen. Er vergleicht seine Situation mit einer Freiheitsberaubung, mit Mauern, in denen er eingeschlossen ist, und findet dennoch einen Weg in die Freiheit.

Sandra Filić
Modelle der Wirklichkeit (Teil V), 2012
Video, 4:3 DV PAL, Dauer: 13:30 min

 

 

Die Solidarität hat an Bedeutung gewonnen

Jessica Krämer im Gespräch mit Sandra Filić

Wie kam es zu dieser Arbeit und wie siehst du diese vor dem 
Hintergrund der gegenwärtigen Krise?

Meine fünfteilige Videoreihe „Modelle der Wirklichkeit“ beschäftigt sich mit Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen dauerhaft am Rande unserer Gesellschaft leben. Mit den Videos möchte ich auf ihre Lage aufmerksam machen. Durch die Strategie der Aneignung, und zwar der Aneignung der Lebenssituation der dargestellten Personen, wurde ich zur Protagonistin meines Werkes in der Lebenswirklichkeit der dargestellten Person. In jedem Film werden die Figuren isoliert von Mitmenschen gezeigt und aus ihren beruflichen und familiären Strukturen entfernt, um herauszufinden, was sie als Person charakterisiert, was sie als Individuum in der Gesellschaft definiert. Ein entscheidender Punkt in dieser Arbeit ist dabei die Empathie mit den Protagonisten. Die Arbeit präsentiert ein künstlerisches Experiment, um das Konzept der Empathie mit dem anderen, mit einem Fremden, zu veranschaulichen.
Das hier gezeigte Video „Modelle der Wirklichkeit V“ beschäftigt sich mit dem Alltag eines erblindeten Menschen. Trotz der durch die Blindheit hervorgerufenen Isolation, schafft es der Mann bewundernswerterweise, positiv damit umzugehen. Ich denke, dass uns gerade in der gegenwärtigen Krise eine solche Einstellung eine Inspiration sein kann.

Wie reagierst du auf diese besondere Zeit?

Ausgangseinschränkung! Zunächst dachte ich, dass mir die Decke auf den Kopf fällt. Überraschenderweise ist das nicht der Fall. Ich nutzte die Zeit produktiv, um liegengebliebene Projekte voranzutreiben. Noch ist genug zu tun, aber wie lange kann es so weitergehen? Für mich als Künstlerin sind Reisen, Ausstellungsbesuche, der Austausch mit Kollegen und vielfältige Erlebnisse eine wichtige Quelle für die künstlerische Auseinandersetzung. Wie werde ich darauf reagieren, wenn aus der kurzzeitigen Kontakteinschränkung eine längere wird?
Freilich mache ich mir auch Gedanken über den jetzigen Zustand unserer Gesellschaft. Viele Menschen verlieren im Moment ihre Arbeit, Unternehmen gehen in Konkurs und unsere Freiheitsrechte wurden vorübergehend eingeschränkt. Welche wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen erwarten uns nach der Krise?

Was gibt dir Kraft und Hoffnung?

Freundschaften sind mir sehr wichtig, wegen der Kontaktsperre sind aber persönliche Treffen gegenwärtig nicht möglich. Erfreulicherweise gibt es heutzutage unterschiedlichste Kommunikationsmöglichkeiten. So hatte ich in den letzten Wochen viele inspirierende Gespräche mit Menschen, die mir wichtig sind. Obwohl ich meine Familie und Freunde auch gerne um mich hätte und es Tage gibt, an denen ich den persönlichen Kontakt sehr vermisse, stehen wir mehr denn je in intensivem Austausch. Daraus schöpfe ich immer wieder neue Kraft.

Was wünschst du dir für die Gesellschaft nach der Krise?

Durch die gegenwärtige Krise hat die Solidarität an Bedeutung gewonnen. Ich hoffe, dass uns diese auch zukünftig erhalten bleibt.

 

Sandra Filić (geb.1974 in Kroatien) lebt und arbeitet in München. 2000-2007 Studium der Bildhauerei an der Akademie der bildenden Künste in München bei Asta Gröting und Magdalena Jetelova
2007 Diplom, Meisterschülerin von Magdalena Jetelova
2016-2019 Studium der Kunstpädagogik in München bei Stephan Dillemuth

Sandra Filić war in vielen Gruppen- und Einzelausstellungen vertreten, unter anderem in London, Shanghai, Seoul, Mexiko City und Belgrad. Sie arbeitet mit unterschiedlichen Medien wie Fotografie, Skulptur, Video, Performance etc.. Mit der Strategie der Aneignung untersucht sie die eigene Biografie, aber auch gesellschaftliche Themenzusammenhänge und ihre Kehrseiten. Dabei liegt der Fokus stets auf der Suche nach verschiedenen Wirklichkeiten und Möglichkeiten, diese zu lesen, zu interpretieren und so eine Aufmerksamkeit für die Phänomene des Alltags zu schaffen.

Jessica Krämer arbeitet als freie Autorin und Kunstvermittlerin in München.

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

© 2020         Impressum         Datenschutz