Carsten Fock
Ohne Titel, 2020
Mischtechnik auf Leinwand,
55 x 45cm

Das OEuvre von Carsten Fock (geb. 1968 in Weida/Thüringen) steht in der Tradition informeller und gestischer Kunst der Nachkriegszeit. Die beständige Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten zeitgenössischer Malerei ist der Motor für das künstlerische Schaffen von Carsten Fock, die den Meisterschüler Per Kirkebys zu abstrakten, dem malerischen Prozess unterworfenen Arbeiten führt. Wichtige Quellen seiner Inspiration sind neben der westeuropäischen Kunst seit 1945 biografisch motivierte Bezüge zur deutsch-deutschen Geschichte und eine starke Beziehung zur Ästhetik der Popkultur seit den 1980er Jahren.

Bergsilhouetten zählen zu den Topoi im Werk von Carsten Fock. Landschaft als kunsthistorisches Zitat überträgt ein expressiver Gestus in zarte, zum Teil farbintensive Pastell- und Ölmalereien. Fragen nach Abstraktion und Figuration rücken in den Hintergrund zugunsten des Ereignishaften, in dem das Malen als Handlung erkennbar und für die Betrachter*innen das eigene Sehen als Aktion unmittelbar erfahrbar wird. Auf dieser Ebene lassen sich diese Arbeiten als intensive, unermüdliche Auseinandersetzung mit existentiellen Fragen lesen, als Herausforderung, das eigene In-der-Welt-Sein zu reflektieren, auszuhalten und zu gestalten.

Der Watzmann, jenes ikonische Bergmassiv der Berchtesgadener Alpen, als Seins-Übung: Ein Berg dieses Kalibers, der sich uns sinnbildlich in den Weg schiebt, gerät zu einer kräftezehrenden Gratwanderung zwischen „Glaube und Verzweiflung“; Licht und unendliche Weiten, die das Erreichen des Gipfelkreuzes in Aussicht stellen, überschattet ein „Kosmos der Angst“ (um zwei Titel vergangener Ausstellungen von Carsten Fock zu zitieren). In der Annahme dieser Hürden als Elemente unserer inneren Landschaft und Biographie, liegen gleichermaßen Herausforderung und Erlösung. Als Betrachter*innen haben wir Anteil an diesen kathartischen Übungen.

Die hier vorgestellte Arbeit von Carsten Fock entstand im Rahmen seines derzeitigen Aufenthalts in den CCA Künstlerstudios auf Mallorca. Die spanische Insel zählt neben Berlin, München, Wien und Kopenhagen zu den regelmäßigen Schaffensorten des Künstlers.

Jage die Ängste fort

Nan Mellinger im Gespräch mit Carsten Fock

Wie kam es zu dieser Arbeit und wie siehst du diese vor dem  Hintergrund der gegenwärtigen Krise?

Hier in der Kunsthalle Andratx genieße ich die Ruhe in der Natur, eine Abgeschiedenheit von der „modernen“ Welt, von dem gewohnten, mir vertrauten Großstadtleben – naja, bis auf die Tatsache, dass ich ein Auto habe und auch benötige. Die vier Studios, die hinter der Kunsthalle liegen, sind großzügig und bieten sehr gute Rahmenbedingungen für konzentriertes Arbeiten. Und im besten Falle habe ich dazu inspirierende Künstler*innen als Nachbarn. Als ich hier im März ankam, arbeitete hier schon ein junger, sehr talentierter und dazu auch noch wundervoller Mensch – Jakob Steen – in einem der Studios. Wie immer vergeht die Zeit hier sehr schnell. Ich habe eine feste Struktur. Doch von einem auf den anderen Moment war vieles anders. Corona und die damit verbundene Ausnahmesituation kam auf der Insel an und bald auch bei mir. Verschärft noch durch die sehr rigiden Ausgangsbestimmungen hier in Spanien. Mein Nachbar Jakob musste abrupt zurück nach Dänemark, und ich blieb allein in der weitläufigen Anlage zurück. Bald war auch die Kunsthalle, die hinter den Studios liegt, für das Publikum geschlossen. Es ist hier seitdem menschenleer. An einem Abend, nach meinem täglichen Lauf, begann ich wie gewohnt zu arbeiten. Bis dahin sind vor allem Zeichnungen auf Papier und ein paar wenige kleinere Leinwände entstanden. Ich erinnere mich, wie ich beim Beginn des hier abgebildeten Gemäldes nicht nur die Anfangskomposition, sondern auch den weiteren Verlauf vor Augen hatte. Eigentlich ist es mir wichtig, diese Vorausplanung bewusst zu vermeiden. Als ich endlich im fortgeschrittenen Prozess angekommen war, gab es plötzlich ein lautstarkes Getöse, peitschenden Wind, Donnern … Türen und Fenster schlugen lautstark auf und zu – es herrschte eine für mich äußerst beängstigende Situation vor dem Studio. Was ich fühlte, klingt fast biblisch: Weltuntergang. Gleichzeitig mit dem beunruhigenden Geschehen im Außen hatte ich das Gemälde beendet.

Wie reagierst du auf diese besondere Zeit?

Ich spüre einerseits eine umfassende Machtlosigkeit, und auf einer persönlichen, täglichen Ebene: welche Bedeutung Menschen für mich haben, und ich für sie. Und ich erlebe gerade wieder einmal sehr intensiv die besondere Kraft der Kunst.

Was gibt dir Kraft und Hoffnung?

Wichtig ist mir das tägliche Gebet, der tägliche Kontakt zu guten Bekannten und vielen wunderbaren Freunden. Und immer wieder der Versuch, ins Vertrauen zu gehen. Vertrauen aufzubauen in mich und in die Welt, die mich umgibt. Vertrauen in ein besseres Danach. Und ein Vertrauen in Gott. Ich lese wieder Gedichte. Eines, welches mir eine Bekannte geschickt hat, begleitet mich jeden Tag. Ein Gedicht von Mascha Kaléko. Besonders der letzte Absatz berührt mich zutiefst – halte dich an kleine und große Wunder, klammere dich nicht an deine Wunden.

Rezept
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im großen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

(Mascha Kaléko)

Was wünschst du dir für die Gesellschaft nach der Krise? 

Das schrieb ich am 18. März 2020 in meine Notizen und auf Instagram:

Mehr und andere Inhalte
Mehr Wahrhaftigkeit
Mehr Selbstkritik
Mehr Information
Mehr Geduld und Demut
Weniger Besserwisserei
Weniger Aggressionen
Weniger Dekonstruktives
Weniger Neid und Zerstörung

Carsten Fock
Instagram: @carstenfock1968

Galerie Knust Kunz, München
VogelArt Editions, München
Galerie Jochen Hempel, Leipzig
Galerie Crone, Wien
Galerie Patricia Asbæk, Andratx und Kopenhagen

Nan Mellinger, Kulturwissenschaftlerin und Inhaberin von
NAN. Kulturkommunikation http://nanmellinger.de/

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