Katharina Gaenssler
17.03.03 – 17.03.04, 2004

Buchobjekt, 18 × 15 × 4 cm
2 × 365 Fotografien
Farblaserdruck, Umschlag Leinen geprägt

Was ist diese Welt? Wie ist diese Welt? Die äußere, und die innere? Was sehen wir, nehmen wir wahr? Die Flut des Wahrnehmbaren, des Errechenbaren, ist nahezu unendlich. „Die Vermessung der Welt“ nannte der Schriftsteller Daniel Kehlmann sein romanhaftes Doppelportrait des Mathematikers Carl Friedrich Gauß und des Naturforschers Alexander von Humboldt. Allein: Wer die Welt vermisst, hofft feststellen zu können, dass sie so oder so ist. Hofft auf Ordnung, mithin auf Berechenbarkeit und damit Beherrschbarkeit. Das Corona-Virus führt uns vor Augen, wie vergeblich die Hoffnung ist, dass die Welt durchwegs beherrschbar ist.
Die Weltwahrnehmung ist Katharina Gaensslers Thema. Den Milliarden und Abermilliarden von Bildern, gesehenen, fotografierten, erdichteten, berechneten oder auch verborgenen Bildern, all diesen Vermessungen, diesen Gestaltungen setzt sie mit ihren Projekten ihre eigene, poetische Fülle entgegen.
Mache dir ein – mache dir kein Bild! Sie versucht in ihrer Arbeit bis an den äußersten Rand, auch in die Extreme zu gehen (etwa in ihrem 48-bändigen Buchobjekt ‚HD 12.12.2011 – 24.12.2011‘. Es zeigt 23.380 Fotografien des Hauses von Hanne Darboven in Hamburg-Harburg). Und sie versucht, was sie wahrnimmt, zu vermessen, es in tausende von Teil-Sichten zu zerlegen und, es verwandelnd, neu zu fügen. Der Begriff „Collagen“ drückt das nur unzureichend aus. Sie, könnte man denken, will über das Gesehene, Auf-Genommene, vielleicht auch Gebannte, verfügen. Aber vielleicht stimmt das auch nicht, gleiten doch die Einzelbilder in die Abstraktion. Das Wahrgenommene nimmt andere Formen an, bildet andere, eigene Räume und Bewegungen, die dadurch eine andere Zeit zeigen.
Auch die Corona-Pandemie zeitigt ihre Dynamik und eigene Bilder. Sie zwingt uns in die nächste, scheinbar bekannte Umgebung. Längst vermessen? Nein, weil andere Lebensumstände neue Wahrnehmungen ermöglichen. Manch Selbstverständliches, Alltägliches, wird zum Besonderen.

Dass wir nun diese sehr andere, frühe Arbeit ausgesucht haben, liegt daran, dass es sich um eine so merkwürdige Koinzidenz handelt:

Auswahl 24 / 365 Polaroids Ingeborg Gaenssler

17.3.03, 7:00 Uhr, Nr. 1 — Tulpen auf dem Frühstückstisch
18.3.03, 11:30 Uhr, Nr. 2 — Transsibirische Eisenbahn – Bericht
23.3.03, 7:05 Uhr, Nr. 7 — Blick aus dem Badezimmer
24.3.03, 7:10 Uhr, Nr. 8 — Design of Gisela: ‚Birkenstock‘ Hausschuh (gebraucht)
26.3.03, 7:10 Uhr, Nr. 10 — Hibiskus
28.3.03, 8:15 Uhr, Nr. 12 — Das Küchenfenster
29.3.03, 10:30 Uhr, Nr. 13 — Blick aus der Küche
3.4.03, 14:10 Uhr, Nr. 18 — Ich nähe mal wieder
9.4.03, 14:00 Uhr, Nr. 25 — Blick in Nachbars Garten
1.5.03, 9:30 Uhr, Nr. 46 — Meine Tomate
7.6.03, 8:30 Uhr, Nr. 83 — Brotzeit!
10.6.03, 15:30 Uhr, Nr. 86 — Eiskaffee bei 30°
2.7.03, 9:00 Uhr, Nr. 108 — Der Glücksgott
16.7.03, 7:00 Uhr, Nr. 122 — im Morgenlicht
29.7.03, 9:30 Uhr, Nr. 135 — Mein Terrassen-Besen!
4.8.03, 14:45 Uhr, Nr. 141 — Gondel in Donau
23.8.03, 11:30 Uhr, Nr. 160 — Katharina kommt
30.8.03, 15:00 Uhr, Nr. 167 — Meine neue Leidenschaft!
9.9.03, 12:45 Uhr, Nr. 177 — Starkbier zur Beruhigung!
21.10.03, 14:45 Uhr, Nr. 219 — Versuch eines Selbstportraits
26.11.03, 12:30 Uhr, Nr. 254 — Dinner for One!
28.11.03, 09:45 Uhr, Nr. 256 — Ich brauche eine neue Brille!
30.1.04, 09:15 Uhr, Nr. 320 — Es gibt schon Tulpen!!
24.2.04, 15:00 Uhr, Nr. 345 — Fasching!

Dialog auf Distanz

Wilhelm Christoph Warning im Gespräch mit Katharina Gaenssler

Wie kam es zu dieser Arbeit und wie siehst du diese vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Corona-Krise?

Im Jahr 2003, nach dem Tod meines Großvaters, schickte ich meiner Großmutter, Ingeborg Gaenssler, zunächst ’nur‘ um sie zu beschäftigen, einen Stapel Polaroid-Filme und bat sie, mir täglich ein Foto zu machen und per Post zu schicken. Das wollte ich auch für sie tun. Es galt, nur einmal auszulösen und das Bild noch am selben Tag zum Briefkasten zu bringen. Aus den Bildern wurde ein kleines Künstlerbuch, den Fotos meiner Großmutter sind Tag für Tag meine Bilder gegenübergestellt. Das Buch ist eines von meinen 143 Büchern, die im Herbst zur Paris Photo am Goethe-Institut Paris gezeigt werden sollen.
Es war ein Dialog auf Distanz. Wir starteten dieses Experiment am 17. März 2003. 17 Jahre später, ziemlich auf den Tag genau, wurde in München und weltweit das öffentliche und soziale Leben förmlich stillgelegt. Das Leben während des ‚Lockdown’ ähnelt vielerorts dem meiner Großmutter damals. Sie bewegte sich ausschließlich in den eigenen vier Wänden und auf ihrer kleinen Terrasse. Sie verließ im Alter von 86 Jahren ihr Haus lediglich, um einzukaufen und eben für den Gang zum Briefkasten. Sie hatte kaum soziale Kontakte, nur sehr selten Besuch. Das Projekt hielten wir durch, ein Jahr lang.

Wie reagierst du auf diese besondere Zeit?

Die Reaktion ist in meiner Situation vorgegeben: Völlige Konzentration auf die Familie. Und das in einer Lage, die ich als besonders privilegiert empfinde. Zur Corona-Krise kommen zwei Herausforderungen, die für mich momentan einen noch weiteren zeitlichen Bogen spannen. Zum einen beendet Barbara Gross, meine langjährige Galeristin, ihre Galerietätigkeit. Zum anderen bin ich aus bestimmten Gründen gezwungen, meine Arbeitsweise grundlegend zu ändern, ein anderes, neues Leben einzurichten. Das ist ein langsamer, aber sehr spannender, noch unabgeschlossener, offener Prozess. Corona ist darin momentan wie ein Einschnitt, ein Intervall, eine Atem- und Gedankenpause.

Was gibt dir Kraft und Hoffnung?

Ich habe keine Angst, aber immer Zuversicht.

Was wünschst du dir für die Gesellschaft nach der Krise?

Ein neues Bewußtsein über die Funktion von Kunst und Begegnung mit Kunst.

Katharina Gaenssler, 1974 in München geboren, studierte nach einer Ausbildung an der Berufsfachschule Neugablonz zur Silberschmiedin an der Akademie der Bildenden Künste in München. Seit 2003 werden ihre Arbeiten national und international gezeigt in Ausstellungen wie ‚Favoriten 08 — Neue Kunst in München‘, Galerie im Lenbachhaus / Kunstbau (2008), ‚Werkschau‘, Sprengel Museum Hannover (2010), ‚Sixtina 2012‘, Staatliche Kunstsammlungen Dresden (2012), ‚Les Roncontres Arles Photographie‘ (2014), ‚(Mis)Understanding Photography — Werke und Manifeste‘, Museum Folkwang Essen (2014), ‚Ocean of Images: New Photography 2015‘, Museum of Modern Art, New York (2014), ‚Chicago Architecture Biennial‘ (2017). Sie erhielt den 2009 den Bayerischen Kunstförderpreis für Bildende Kunst, 2010 das USA-Reisestipendium des Bayerischen Staatsministeriums, 2011 bis 2013 hatte sie ein Stipendium des Dorothea Erxleben-Programms an der HBK Braunschweig, 2013 bis 2015 eine Gastprofessur an der HFBK Hamburg und 2014 ein Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds, Bonn. Seit 2017 ist sie Ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. www.katharinagaenssler.de

Wilhelm Christoph Warning, 1948 in München geboren, ist Kunstkritiker, Essayist, Kolumnist und Autor, und war für die Sender der ARD, insbesondere für den Bayerischen Rundfunk tätig. Er ist u.a. Mitglied im Kuratorium des Fördervereins des Architekturmuseums der TU München, seit 2016 Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und dort seit 2019 Direktor der Abteilung Bildende Kunst.

Weiter Beitrag

Antworten

© 2020         Impressum         Datenschutz