Manuela Hartel, Video- und Performancekünstlerin aus München, spürt in ihren Arbeiten immer wieder neu den eigenen Zuständen nach. Bewusste Momente der inneren Einkehr, mit dem pendelartigen Schwingen zwischen Glauben, Fragen und Zweifeln, werden dabei in Formen, Farben und Musik übertragen. Neben ihrem eigenen Körper nutzt die ausgebildete Sängerin dazu auch ihre Stimme.

Die Arbeit „TV SHOW“ fordert auf, sich einzulassen und einzuschwingen in eine Selbstbefragung. In einem Fernseher, der auf Skiern fixiert ist, erscheint das Bildnis der Performerin. Die „Show“ dient sowohl der Darstellung als auch der geradezu obsessiven Beobachtung. Wie nehme ich mich selbst in meiner Melancholie wahr? Und wie verändert sich meine Gemütslage beim Singen eines Psalm Verses (in moderner Übertragung), in dem der Psalmist seine Seele zur Besinnung und zur Hoffnung aufruft? „Why are you down in the dumps dear soul? Why are you crying the blues? … Fix your eyes on Jesus, soon I’ll be praising again. You put a smile on my face! You are my God“ (Psalm 42,5 MSG). Das Wiegenlied verfehlt seine Wirkung nicht. Die Sängerin wird zur Betenden. Das lärmende Durcheinander der vielen Stimmen formt sich nach einer langgezogenen Stille zu einem mehrstimmigen Gospel-Chor. Kann man der sich zugesprochenen Freude trauen? Unsicherheit darf bleiben.

 

Manuela Hartel
TV SHOW, 2017
Video Collage, Dauer  10:47 min
Animation, Musik: Manuela Hartel

Wir treiben alle auf demselben Meer des Lebens

Dr. Richard Graupner im Gespräch mit Manuela Hartel

Wie kam es zu dieser Arbeit und wie siehst du diese vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Corona-Krise?

Vor einigen Jahren verbrachte ich mehrere Wochen auf der griechischen Insel Euböa und lebte dort in einem sehr einsam gelegenen Haus. Die Umgebung war voll von ungewohnten Tiergeräuschen, vorbeiziehende Schafherden zum Beispiel – die kann man in der Arbeit ja noch hören. Ich brauchte jedenfalls eine Weile, um mich dort wohlzufühlen. Ich denke, viele Menschen sind in der gegenwärtigen Krise ziemlich niedergeschlagen und kämpfen mit ihren Ängsten. Nicht zuletzt diese Reduktion sozialer Kontakte durch die Ausgangsbeschränkung muss man erst einmal aushalten können.

Wie reagierst du auf diese besondere Zeit?

Natürlich vermisse auch ich die Freiheit, die Bewegung und den Kontakt mit anderen Menschen, die meine Arbeit sonst inspirieren. Ich versuche die Zeit zu nutzen, um Liegengebliebenes abzuarbeiten. Aber letztlich suche ich in meinem Leben schon immer ganz bewusst solche Situationen von Fremdheit und Einsamkeit auf und verarbeite das in meiner Kunst. Ganz konkret versuche ich, diszipliniert zu sein und eine gesunde Mischung aus Ablenkung und Produktivität zu schaffen, ohne meinen Beobachtungsposten auf diesen neuen Zustand zu verlieren.

Was gibt dir Kraft und Hoffnung?

Vor allem würde ich meinen Glauben nennen. Gerade jetzt sind für mich viele Bibeltexte wie dieser Psalm 43 Hoffnungstexte, die mir Mut machen. In Psalm 91 heißt es, dass Gott mich schützt „unter seinen Fittichen“. Das gibt mir Kraft, und ich gebe solche Texte auch gern an andere weiter. So etwas zaubert dann oft ein „Lächeln ins Gesicht“, wie es der Psalm beschreibt, auf den ich mich in „TV SHOW“ beziehe.

Was wünschst du dir für die Gesellschaft nach der Krise?

Zuerst hoffe ich, dass diese Entschleunigung, die ich jetzt erlebe, zumindest ein bisschen erhalten bleibt. Denn ich glaube, das kann uns helfen, unsere Aufmerksamkeit zu trainieren. Auch meine Arbeiten sind ja so angelegt, dass man Geduld braucht und wirklich einen inneren Antrieb, diese langsamen Bewegungen und Bilder auf sich wirken zu lassen. Ich denke, dass diese Zeit vielleicht auch eine Chance ist, Gott zu begegnen, gerade in der Zurückgezogenheit und gerade auch angesichts der Zerbrechlichkeit des Lebens. Denn diese Tatsache verdrängen wir schnell, dass das was uns ausmacht, nicht allein unser Beruf ist oder das, womit wir uns beschäftigen – was ja alles im Moment für viele wegfällt. Auch den letzten Kampf, das Sterben, müssen wir alleine kämpfen. Es ist wahrscheinlich gut zu lernen, es mit sich selbst auszuhalten. Dabei erkennt man auch, dass wir alle auf demselben Meer des Lebens treiben – so könnte man das Schlussbild in der Arbeit ja auch sehen. Und schließlich hoffe ich, dass die Menschen am Ende der Krise umso kulturfreudiger sind, weil sie das jetzt so richtig vermissen.

Manuela Hartel
Die vielseitig digital arbeitende Künstlerin studierte Medienkunst an der Akademie der Bildenden Künste München, Gesang und Performance am American Institute Wien und am Centro Professione Musica in Mailand. Sie realisiert Videoinstallationen für Ausstellungen, Theater und Opernbühnen (u.a. Bayerische Staatsoper, ETA Hoffmann Theater Bamberg u.a.). Während der documenta14 in Athen 2017 entwickelte sie BELOVED! und war im gleichen Jahr auf der Biennale von Venedig vertreten. Ihre Video-Musik-Performances inszeniert sie auf internationalem Terrain und verwandelt Kirchen, Wälder, Ruinen und Kulissen durch Videomapping in illusionistische Orte.
https://manuelahartel.de/
https://www.unpainted.net/kunstwerke/kuenstler/manuela-hartel-de/

Richard Graupner ist Pfarrer in Großkarolinenfeld und Kunstbeauftragter der Evangelisch-Lutherischen Kirche für München & Oberbayern.

 

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