Hubert Hasler
Kiss Kiss, 2018
aus der Serie „Happy End“
Giclée-Print auf Hahnemühle Papier
70 x 50 cm, Edition 3 + 1 AP

Der Fotokünstler Hubert Hasler untersucht in einer Serie die Sinnbilder von Schweinen. Im Mittelalter verkörperte das Schwein Gefräßigkeit, Habgier, Laster, Niedrigkeit und Wollust. Im Alten Testament wurde das Schwein als unrein angesehen und durfte weder gegessen noch geopfert werden. Während der Reformation galt das Schwein hingegen als eine beliebte Speise für Adlige und den Klerus. Auch Martin Luther, der ansonsten einen gemäßigten Lebensstil predigte, frönte einem exzessiven Konsum von Schweinefleisch. Gegenwärtig ist speziell der Schweinekopf mit starker Symbolik aufgeladen. Als 2013 der Bau der ersten Moschee in Leipzig geplant wurde, spießten extremistische Islamgegner fünf blutige Schweineköpfe auf dem Baugrundstück auf. Ähnliche Attacken fanden u.a. an Asylbewerber-Einrichtungen statt. Die Zurschaustellung der Schweine steht in diesem Zusammenhang für Protest und Kritik an der aktuellen deutschen und europäischen Flüchtlingspolitik. Die Bildästhetik und malerische Farbgebung dieser Fotografie reduzieren das Schwein im zeitgenössischen Kontext aber noch auf etwas anderes: das, was übrig bleibt, wenn der Mensch sich dem Fleischkonsum hingegeben hat. Es ist zwar nur noch Abfall, erinnert aber roh und unverfälscht an das Lebewesen, das das Schwein einmal war.

 

Jede Veränderung bringt Neues mit sich

Nina Holm im Gespräch mit Hubert Hasler

Wie kam es zu dieser Arbeit und wie siehst du diese vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Krise?

Diese Fotoarbeit entstand als Teil einer Serie bei einem Artist-in-Residence-Aufenthalt in Schöppingen, Nordrheinwestfalen. Das ist ein kleiner, ländlich geprägter Ort nahe der holländischen Grenze. Auf Spazierfahrten in der Gegend kommen einem während der Erntezeit mehr tonnenschwere Mähdrescher auf der Straße entgegen als Personenfahrzeuge. Vor Ort gab es einen sehr großen Schlachtbetrieb, der jährlich 1,3 Millionen Schweine verarbeitet. Diese abstrus hohe Zahl wollte ich durch zwei sich küssende Schweineköpfe konterkarieren. Sich einfach so ein paar Tierköpfe aus dem Schlachthof zu organisieren, ist kein einfaches Unterfangen. Als ich die Köpfe im Studio auf einem Hintergrund positionierte, erschrak ich wegen der schonungslosen Brutalität, die diese Häupter ausstrahlten. Ohren, Zunge und Augen wurden vor dem Kauf entfernt, der Schädel mit einer Säge mittig zerteilt, das Gehirn entfernt. Die gegenwärtige Krise kann und wird den Umgang des Menschen speziell in Fragen des Konsums verändern. Ich bin kein Vegetarier, aber ich finde, dass diese Massentierhaltung, die schnelles, billiges Fleisch produziert, mit all seinen Auswirkungen auf Gesundheit, Gesellschaft, Klima und Natur hinterfragt werden muss und hier ein Umdenken vonnöten ist. Der aktuelle Diskurs lässt sich auch auf die wirtschaftliche Ausbeutung von osteuropäischen Arbeitskräften in der fleischverarbeitenden Industrie ausweiten. Kiss Kiss ist für mich eine Reflektion auf das Konsumverhalten einer gesättigten Gesellschaft, die in Krisenzeiten Klopapier hamstert.

Wie reagierst du auf diese besondere Zeit?

Verunsichert aber zuversichtlich – keine Jobs und keine Ausstellungen, aber viel mehr Zeit für mein 3-jähriges Kind als vor der Krise. Jede Veränderung, und sei sie noch so verordnet, spiegelt die eigene Flexibilität und bringt Neues mit sich.

Was gibt dir Kraft und Hoffnung?

Die Familie, ausgiebige Stunden in der Natur – und einfach das Weitermachen in der Kunst. 

Was wünschst du dir für die Gesellschaft nach der Krise? 

Ich wünsche mir ein humaneres Miteinander. Angesichts der nun sichtbaren globalen Verknüpfungen und der momentan erschreckenden Entwicklung von Nationalstaaten erhoffe ich mir ein sensibleres Zusammenwachsen und -handeln, unabhängig von Religion, politischen Ideologien und wirtschaftlichen Einflüssen.

Hubert Hasler, geboren 1975 in Bruck an der Mur, befasst sich in seinen Arbeiten mit Identität, Mitgefühl, Selbstreflexion, Tradition und Migration. Diese Themen werden mithilfe von Fotografie, Performance und Floristik visualisiert. Der Künstler verwendet diese künstlerischen Disziplinen getrennt, nebeneinander oder bringt sie in verbindender Aktion zusammen, um einen unverstellten Blick auf identitätsstiftende Vergangenheit, Möglichkeiten menschlichen Handelns und österreichische Tradition zu gewähren. Seit 2015 lebt er als freischaffender Künstler, Florist und Gärtner in Wien.

Nina Holm ist im Vorstand des Kunstraum München und lebt und arbeitet als freie Kuratorin und Künstlerberaterin in Wien.

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