Eveline Kooijman
EVE, 2013
Fotografie mit Vektorgrafik
Fine Art Print auf Epson Semigloss Papier kaschiert auf Forex
59 x 46 cm, Auflage 5

Der gebeugte Rückenakt einer jungen Frau, ihre rechte verschattete Schulter wie ein Felsmassiv nach oben gezogen, zeigt von ihrem Kopf lediglich den blonden Haarschopf. Der Hintergrund ist nackt und blank wie der Körper. Die zarte Haut wirkt taktil verletzbar. Über dem Rücken spannt sich auf zweiter Bildebene eine Vektorgrafik aus weißen Linien und Punkten. Die Muttermale auf dem Rücken sind zu einem Sternzeichen verbunden. Das Bild gehört einer Fotoserie von Freundschaftsporträts an, mit dem Titel „C6“: die chemische Formel für Kohlenstoff, aus dem sowohl der Mensch als auch die Sterne zusammengesetzt sind. Der abgebildete Rücken gehört der Künstlerin, von ihren Freunden EVE genannt.
Eveline Kooijman (geb. 1980) ist eine niederländische Fotokünstlerin, die seit 2010 in Deutschland lebt und arbeitet. Sie studierte Journalistik in Utrecht und war an der Fotofachschule in Amsterdam. Die Künstlerin verbindet in ihren Fotoserien naturwissenschaftlich technische Fakten mit historischen und philosophischen Fragestellungen.

In jedem Menschen steckt ein Teilchen von einem Stern und umgekehrt

Gabriele Kunkel im Gespräch mit Eveline Kooijman

Wie kam es zu dieser Arbeit und wie siehst du diese vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Corona-Krise?

Die Fotografie EVE gehört zu einer Serie von Bildern mit meinen Freunden MONI, ALBERT, STEFAN und weiteren. Sie zeigen alle den Rücken, nie das Gesicht. Ausgelöst wurde die Arbeit durch einen wissenschaftlichen Artikel, in dem ich erfahren habe, dass das Kohlenstoff-Atom unseres Körpers aus dem Inneren eines Sterns stammt. Die chemische Formel für Kohlenstoff ist C6. Kohlenstoff ermöglicht Leben auf der Erde. In jedem Menschen steckt ein Teilchen von einem Stern und umgekehrt. Wir sind alle miteinander verbunden. Mit einer Vektorgrafik habe ich die Muttermale auf dem Rücken zu Sternzeichen verbunden.

Die vorgebeugte Haltung drückt Demut und Belastung aus. Die Perspektive auf den Rücken ruft Verletzlichkeit hervor, weil man nicht weiß, was kommt. Obwohl das Risiko für einen Virus wie Corona immer schon da war, auch geschichtlich gesehen, waren wir uns über dessen Gefahr nicht bewusst. Dazu kommt, dass jeder jeden tödlich anstecken kann. Das verbindet uns und fordert zum Abstand halten auf, als zwingende Maßnahme gegen die Gefahr der Ansteckung. Der Corona-Virus macht uns durch das Kontaktverbot bewusst, dass die nicht berechenbare Gefahr uns bedroht und unser Handeln Konsequenzen hat. So wie der Kohlenstoff zum großen Ganzen gehört, erinnert uns der Corona-Virus daran, dass wir Teil eines großen Ganzen sind. Unser Handeln zieht Konsequenzen nach sich.

Wie reagierst du auf diese besondere Zeit?

Wir haben nur dieses eine Leben. Wie haben sehr viele Einschränkungen unseres Lebens als Maßnahme verordnet bekommen, aber wir haben genug Essen und ein Dach über dem Kopf. Damit können wir überleben. Ich reagiere, indem ich versuche zu helfen, wo immer es möglich ist. Ich arbeite nebenher bei der Ökokiste eines niederbayerischen Kirchdorfs (Kößnach) und der Bedarf zur Corona-Zeit ist enorm hoch. 1900 Haushalte werden von einem Team von rund 30 Mitarbeitern versorgt. Wir arbeiten im Moment unter extremem Hochdruck. Auch hier bin ich mir sehr bewusst, wie verletzlich unser Ökosystem bzw. unsere Lebensmittelversorgung ist. Unser Ökosystem ist nicht im Gleichgewicht.

Was gibt dir Kraft und Hoffnung?

Mein Tatendrang, zu helfen. Dass ich helfen kann, gibt mir Hoffnung. Ich packe gerne zu. Da komme ich raus aus dem Grübeln. Die Freude und Dankbarkeit, die ich ernte, nährt meine Hoffnung.

Was wünschst du dir für die Gesellschaft nach der Krise?

Die Gesellschaft wird nach der Erfahrung des Kontaktverbots ein Potenzial entwickelt haben, dass sie bereit ist, bewusster zu handeln. Wir sind Teil des Ganzen, nicht die Meister des Ganzen. Die Existenz dieses Virus ist für mich ein Zeichen, dass unser Ökosystem nicht im Gleichgewicht ist. Die Natur sagt uns, dass wir zu viel Druck auf unsere Welt ausüben, was zu einer Gegenreaktion führt. Dafür tragen wir alle die Verantwortung. Noch nie waren wir gezwungen und meiner Meinung nach auch bereit, auf so viel zu verzichten. Darin steckt viel Potenzial, um Dinge zu verändern. Ich hoffe, wir nehmen die Aufgabe, Corona zu überleben oder zu überstehen, als Herausforderung und Chance in Demut an. Es könnte sich dadurch eine Kraft und eine Energie entwickeln, die wir aus der Verbindung schöpfen, so wie die Muttermale sich zu Sternzeichen verbinden. Die Hoffnung führt zur Zuversicht, stets zum Wohl und Heil aller zu handeln.

Eveline Kooijman wurde 1980 in Dordrecht in den Niederlanden geboren. Seit 2010 lebt und arbeitet sie als freischaffende Fotografin in Bayern. Vor ihrer Fachausbildung zur Fotografin studierte Eveline Kooijman Journalistik. Die dazu nötige Neugier, ihre Leidenschaft für Recherchearbeiten und klare Konzepte schlagen sich auch in ihrem fotografischen Werk nieder.
Die Künstlerin verbindet in ihren Fotoserien technische Fakten der Naturwissenschaften mit geschichtlichen und philosophischen Fragestellungen. Kooijman zeigt in ihren Fotos leise Spuren und subtile Hinweise einer vordergründig unscheinbaren Realität und zieht darin Parallelen zwischen Begriffen wie Zeit, Raum, Ursprung und Materie. https://de.m.wikipedia.org/wiki/Eveline_Kooijman

Gabriele Kunkel M.A. (*1967) arbeitet als freie Kunsthistorikerin seit 2002 in der Kunstvermittlung in den Münchner Museen und Ausstellungshäusern, ebenso für Volkshochschulen und den Kunsthandel. www.kunst-begreifen.de

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