Gretta Louw
Einen Riesigen Schwarm, 2019
Immersive Installation aus 6-Tonspuren, digital gedruckten Bannern,
Video Animation und Wandbildern, Dauer 6:43 min

Das Projekt Einen Riesigen Schwarm ist eine multi-media Recherche, bestehend aus Stoffbannern, Wandmalerei sowie Multi-Kanal-Sound-Installationen. Es ist eine offen angelegte Arbeit und wird vermutlich auch nie zu einem Ende finden. Vielmehr ist es ein Verweben von unterschiedlichen Diskursen und Narrativen zum Thema Klimawandel, Quallen und futuristischem Nachdenken.

Einen Riesigen Schwarm reiht sich in den poetischen Bereich der spekulative Fiction ein, der über potenzielle Zukunftsszenarien nachdenkt. Unser Philosophieren über die Welt ist häufig vom modernen Heldenepos des Menschen, oder sagen wir des Mannes, geprägt. In allen futuristischen apokalyptischen Szenarien taucht ein Held auf, der eingreift und am Ende die Welt rettet. Was dabei jedoch meist unterschätzt wird ist, dass die Natur selbst auf Veränderungen mit Anpassungen reagiert. Die Menschheitsgeschichte ist immer auch eine Evolutionsgeschichte, bei der es nicht um Kontrolle durch den Menschen geht. Unserem futuristischen Denken fehlt häufig die pragmatische Komponente, der Aspekt von Fürsorge. Gretta Louws Arbeit interessiert sich weniger für den Helden, als vielmehr für den Aspekt der Symbiose und der Fürsorge. Die Arbeit Einen Riesigen Schwarm ist eine andere Sichtweise auf die Zukunft, bei der nicht der Mensch im Vordergrund steht; es ist eher ein anarcho-feministisches Netzwerk und Ökosystem, das sich hier zeigt und über neue Lebensformen nachdenkt, die sich überraschend an eine post-anthropozäne Umgebung angepasst haben und dort gedeihen. Die Künstlerin hat über sechs Jahre nach einer Ikonographie für ihre Arbeit im Digitalen gesucht und dabei beobachtet, dass Menschen beim Einführen von Innovation auf bekannte Metaphern zurückgreifen: Gängige Gedankenbilder erleichtern das Verständnis für alle und zeigen doch, dass genau diese Konnotationen subtil versuchen, über Sprache zu manipulieren. In Grettas neueren Arbeiten tauchen Quallen und Kraken auf. Im Deutschen gibt es in Anlehnung an das Digitale das Bild der Datenkrake, ein Schlagwort aus der politischen Diskussion um den Datenschutz. Der Begriff steht für Systeme und Organisationen, die personenbezogene Informationen auswerten oder an Dritte verkaufen. Die Qualle wird zu einem zentralen Bereich im Narrativ von Einen Riesigen Schwarm, als ästhetisches und zugleich gefährliches Meerestier. In ihrer Recherche ergaben sich plötzlich immer mehr Schnittmengen mit den Tieren. Die Arbeit verwebt Texte von Autorinnen wie Ursula K. Le Guin und Donna Haraway mit anderen Erzählungen und Geschichten und sprengt intelligent das Gedankenmonopol, wer über die Zukunft nachdenkt. Gretta Louws Arbeit stellt wichtige Fragen, die wir gerade in der aktuellen Situation benötigen: Welche Narrative dominieren in unserem Nachdenken über die Zukunft? Wer hat das Gedankenmonopol im futuristischen Denken? Wie kann der Mensch in eine bessere Symbiose mit der Welt treten? Welche Annahmen über die Zukunft beeinflussen unser Handeln im Augenblick? Welche solidarischen Systeme benötigen wir, um besser auf drastische Veränderungen zu reagieren?

Diese verbindende und stützende Verwebung erleben wir momentan hautnah

Anabel Roque Rodríguez im Gespräch mit Gretta Louw

Wie kam es zu dieser Arbeit und wie siehst du diese vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Krise?

Einen Riesigen Schwarm ist die Kulmination aus den letzten sechs Jahren meiner Arbeit. Ich arbeite seit 2014 mit der Bildsprache des Digitalen und bin auf der Suche nach neuen visuellen Metaphern. Meine Recherche hat mich immer tiefer zu den Verbindungen zwischen dem Ozean, der Digitalisierung und dem Klimawandel geführt – oder, anders gesagt, zu den Überschneidungen von der ‘Technosphere’ und der ‘Biosphere’. Die jetzige Krise unterstreicht diese Verbindungen.

Zoonotische Viren sind eine der viele Folgen von umweltschädigendem Handeln. Was aber zudem in Einen Riesigen Schwarm sehr wichtig ist, sind die Netzwerke, die Zusammenhänge, die Netze, in denen wir alle in Beziehung zueinander und zu anderen Lebewesen stehen, innerhalb eines komplex verflochtenen Systems. Diese verbindende und stützende Verwebung erleben wir momentan hautnah, im Positiven wie im Negativen.

Wie reagierst du auf diese besondere Zeit?

Die jetzige Krise macht auf einmal vieles klar, was bereits vor Corona in einem Krisenzustand war. Auf einmal nehmen wir unsere Erschöpfung wahr und möchten den permanenten Leistungsdruck überdenken. Lang existierende Ungleichheiten werden durch die Krise verschärft und können nicht mehr übersehen werden. Mich nimmt das schon mit. Diese Krise hat einige Dinge verändert: der Konsumwahn wurde mit einem Schlag eingestellt und wir sehen, was übrig bleibt. Wir merken, was uns wirklich wichtig ist. Wir hadern mit tiefliegenden Bedürfnissen. Diese weitverbreitete Introspektive finde ich sehr konstruktiv.

Was gibt dir Kraft und Hoffnung?

Familie. Frühling. Meditation. Sticken und Backen. Schriftsteller und Denker wie Arundhati Roy, die einen wundervollen und erschreckenden Artikel über die Corona Krise und die Chance, die sie bietet, die Welt neu auszurichten, geschrieben hat. Gespräche mit Freunde und Kollegen und die Solidarität und Fürsorglichkeit, die durch diese Netzwerke fliesst.

Was wünschst du dir für die Gesellschaft nach der Krise? 

Mehr Zusammenhalt und Anteilnahme. Ich hoffe sehr, dass durch diese Krise neue Bewegungen geboren werden, die eine Neuverteilung von Macht und Ressourcen fordern. Ich hoffe auch, dass extrem wichtige existierende Bewegungen zu Themen wie Klimaschutz und Diversität verstärkt werden.

Lasst uns zusammen überlegen, was wir aus dieser Zeit gelernt haben, und wie wir diese Einsichten auch in der Zeit danach umsetzen können. Ich wünsche mir, dass wir dadurch alle nachhaltig verändert werden und, dass wir diese Verwandlung erlauben.

Gretta Louw ist 1981 in Südafrika geboren und in Australien aufgewachsen. Die multidisziplinäre Künstlerin und Kuratorin arbeitet in unterschiedlichen Medien mit und über Digitalität zu Themen wie u.a. feministischer Handwerkstradition, die Natur und das Digitale, und wie digitale Technologien unsere zeitgenössische Erfahrungswelt prägen. Sie lebt und arbeitet in Deutschland und Australien. http://www.grettalouw.com/

Anabel Roque Rodríguez ist freie Kunsthistorikerin und Kuratorin. Ihre Schwerpunkte liegen auf Themen aus den Bereichen Feminismus, der politischen Kunst sowie Kunst und das Soziale. Im Augenblick kuratiert sie das Projekt Mycelia: Über die Vernetzung als Künstlerin zu Themen wie Erfolg, Netzwerk und Ökosystem. Sie lebt und arbeitet in Winterthur (CH) und München. www.anabelroro.com

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