Bea Meyer
Rauschen #3, 2020
Seide bedruckt, mit Wolle händisch verfilzt
320 x 442 cm
Installationsansicht „jaja neinnein vielleicht“ 15. RischArt_Projekt
Fotos: Bernd Borchardt

 

Tanzende Bildpunkte, Schneetreiben, abstrakte Hieroglyphen
Rauschen #3 ein Vorhang aus Mitteilungsbedürfnis und Verweigerung. (Michael Grzesiak)

Bea Meyer verkleinert und verdichtet die digitalisierten Schriftbilder ihrer handschriftlichen Kalendernotizen der letzten fünfzehn Jahre zu einem textilen, wandfüllenden Display und hängt es in die Öffentlichkeit.

Lebensläufe sind sprudelnde Datenquellen geworden. „Daten seien das neue Öl“, ein neuer gewinnbringender Rohstoff. Unser Online-Alltag fließt rund um die Uhr in digitalen Häppchen in die Speicherkammern fremder Firmen. Unser Ich verdichtet sich woanders als digitales Abbild, um in Echtzeit zum Steinbruch Künstlicher Intelligenzen zu werden. Wir sind jetzt Verfügungsmasse aktiver Algorithmen, die uns Loyalität heucheln, während sie sich an unseren Datenkörpern unbeobachtet vergreifen. Längst sind wir nachlässig und durchsichtig. Smartphones und iBooks führen automatisiert Buch über unser Tun und Lassen. Daran, dass Maschinen mehr über uns wissen als wir selbst, haben wir uns längst gewöhnt. Bea Meyer gibt ihren Daten eine neue Form und eigene Materialität.

 

 

Jeder sucht seinen Platz aufs Neue

Katharina Keller im Gespräch mit Bea Meyer

Vor über einem Jahr haben wir uns im Gasteig getroffen, um ein Konzept zu besprechen. Was hat dich dazu bewogen, diese Arbeit zu entwickeln?

Mich hat dieser Raum fasziniert. Im Gasteig war eine Lebhaftigkeit und ein Begegnen unterschiedlichster Menschen. Das fand ich großartig. Und gleichzeitig die entspannte Atmosphäre, wie wenn der erste Schnee fällt.

Das Thema der Ausstellung war ja Kommunikation im weitesten Sinne.

Ich habe fünfzehn Jahre meines Lebens in eine digitalisierte Form gebracht, und dann zu einem großen, weichen, rechteckigen Daten-Bild verdichtet.

Hat das Abtippen etwas mit dir gemacht?

Durch das Abtippen der Kalender konnte ich das Notierte mit den Erinnerungen abgleichen. Ich war oft überrascht, was da stand. Manches war in meinem Gedächtnis anders abgelegt. An vieles konnte ich mich gar nicht mehr erinnern.

Was bedeutet diese Arbeit für dich in dieser Zeit von Corona?

Was gerade passiert, kann ich gar nicht wirklich verarbeiten. Meine persönlichen Erfahrungen mit Gesellschaft sind die Impulse für meine Arbeit. Im Moment fehlt es mir an Reflektion. Ich sehne mich nach dem direkten Gespräch mit anderen Menschen. Mir fehlt der direkte Austausch.

Du bist jetzt seit ein paar Wochen wieder aus München zurück. Hast du schon neue Einträge in deine Kalender gemacht?

Ich bin planlos. Die Impulse meiner Lebensgestaltung, Routinen, Abläufe sind hinfällig. Mein Kalender verändert sich. In den ersten Wochen gab es viele Streichungen, Raum entstand. Aus meinem Kalender wird nun eher eine Chronik. Ich beobachte und staune.

Du bist ja in der ehemaligen DDR geboren und hast mir erzählt, dass du diese Situation mit der Nachwende vergleichst. Was bedeutet das für dich?

Im Moment werden die Strukturen unseres Lebensalltags in Frage gestellt, unsere Weltsicht. Ich spüre Unsicherheit. Jeder sucht seinen Platz auf’s Neue. Was war davor und was danach?

Mich fasziniert an Künstler*innen schon immer, dass Krisen in Form von Kunst bewältigt werden könnenWas wünschst du dir für die Gesellschaft nach der Krise?

Ich wünsche mir, dass wir die Bewußtheit, die Wachheit, die wir gerade an den Tag legen, für das Miteinander, für Solidarität, für unsere Gewohnheiten und damit auch für unsere Umwelt, erhalten können. Ich hoffe, daß die Wertschätzung des persönlichen analogen Kontaktes wiederbelebt wird. Der persönliche analoge Kontakt, zum Beispiel Blicke und Umarmungen, können nicht digital ersetzt werden. Wir brauchen das gemeinsame Erleben, sonst bekommen wir ein gesellschaftliches Problem.

Ich bin gerade zeitlich sehr eingeschränkt, da ich drei Schulkinder zu Hause habe. Mein Hirn arbeitet trotzdem weiter. Es kommen viele neue Themen auf mich zu: Attention Trecking, zum Beispiel, oder die Mundschutz-Bilder, die ich täglich sehe. Da fehlt die Spiegelung der Gesichtsmimik, die Emotionen, die unser Gegenüber braucht, um das Gesagte oder Getane lesen zu können. Ich habe vor einiger Zeit einen Artikel über Botox gelesen. Da passiert ähnliches: keine neuronale Spiegelung, weil die Gesichtsmuskulatur nicht mehr wie gewohnt arbeitet. Diese Wahrnehmungen werden in meine Arbeiten einfließen. Ich bin gespannt!

Bea Meyer, geb.1969 in Karl-Marx-Stadt, lebt und arbeitet in Leipzig. Textildesignerin, 1994 bis 2000 Studium der Medienkunst, HGB Leipzig. 1997 bis 1998 Studium der Medienkunst, Kongelige Danske Kunstakademi Kopenhagen.
2000 Diplom für Interdisziplinäre Kunst, 2003 Meisterschülerin.
Letzte Ausstellungen: 2020 15. RischArt_Projekt JAJA NEINNEIN VIELLEICHT, Gasteig München MIT STICH UND FADEN – Textile Positionen expressionistischer und zeitgenössischer Kunst im Gegenüber, August Macke Haus Bonn, 2019, SCHRIFT, Kunsthalle der Sparkasse, Leipzig, BAND, 2019, JETZT, 2018, VOR, 2016, Eine Frage der Zeit, 2014, Galerie b2_ Leipzig, TeleGen, 2015, Kunstmuseum Bonn, Was Zählt, 2014, Weltecho Chemnitz. www.beameyer.de

Katharina Keller ist freie Kuratorin. Seit 1983 kuratiert sie die Rischart_Projekte in München. Ihre Schwerpunkte liegen auf thematischen Ausstellungen im öffentlichen Raum. Sie lebt und arbeitet in Eichelhardt bei Köln. www.rischart.de/art

 

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