Zwei Arme, zwei Hände streben zueinander, möchten sich berühren. Eine Berührung, die nie erfolgen wird. Die Videoinstallation von Pfeifer&Kreutzer möchte zur Metapher werden für die aktuelle Situation, für die Lebensbeschränkung in aller Welt. Die beinahe Berührung der Hand Gottes und Adams in dem Fresko Michelangelos in der Sixtina klingt bilderinnernd an. Doch die Lücke zwischen den Händen hier, in zwei getrennten Monitoren, verweist nicht auf den Abstand zwischen Gott und Mensch. Pfeifer&Keutzer setzen das authentische, persönliche Erlebnis in Szene, auch in einem spezifisch für diesen Zusammenhang gewählten Medium.

Die Begegnung mit dem Werk des Münchner Künstlerduos Pfeifer&Kreutzer –  kinetische Objekte aus den Werkstoffen Metall und Glas – ist in ihrer unmittelbaren Direktheit und verblüffenden Aktualität beeindruckend und erschütternd zugleich. Der Assoziationsraum, den diese Objekte aufmachen, konfrontiert uns mit aktuellsten Themen – Irritation, Erschütterung der Koordinaten unseres gesellschaftlichen Lebens, Disruption und Angst – den großen Themen der zeitgenössischen Kunst des 21. Jahrhunderts. In technischer und handwerklicher Perfektion, mit minimalistischer, kühler Glattheit, schaffen sie Gesten des Getrenntseins und schmerzlicher Isolation.

Das Werk ist in Resonanz mit unserer aktuellen Gegenwart – auch im subtilen Bezug vielfältiger kunsthistorischer Zitate. „Distance“ heute: Grunderfahrung der Immanenz, der Abstand der Menschen bezeichnet Lebensrealität.

Pfeifer&Kreutzer
Distance, 2019
2 Kanal Videoinstallation, Dauer 1:30 min

 

Wie weit reicht die künstlerische Sprache

Sibylle Thebe im Gespräch mit Anne Pfeifer und Bernhard Kreutzer

Wie kam es zu dieser Arbeit und wie seht ihr diese vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Corona-Krise?

„Distance“ – eine eindrückliche Geste – dieses Video: Zwei Hände suchen sich zu fassen, zu berühren – eine Berührung, die nie geschehen wird. Allein der Rahmen des Monitors weist auf die Unmöglichkeit: Im Kontext der gegenwärtigen emotionalen Herausforderungen gewinnt die Pathos-Geste der Kunst eine spezifische Intensität. Erreichen wir uns eigentlich noch? Und wie weit reicht die künstlerische Sprache?

Der Bezug auf Michelangelos Fresko in der Sixtina, die beinahe Berührung der Hand Gottes und Adams ja, dieser ist schnell erkannt, und doch steckt etwas anderes hinter der Arbeit. Hintergrund ist der Tod von Anne Pfeifers Vater im Jahr 2019. Sich berühren wollen, es aber nicht können – ein symbolisches Bild für die Grenzen des Todes, aber auch ein Verweis auf die Zeit danach, in der Trauernde und Tröstende es schwer haben sich zu erreichen und einander zu helfen. Eine authentische Aktion, denn es sind darüber hinaus die Hände von Anne Pfeifer und Bernhard Kreutzer, die in den Videos zu sehen sind.

Wie reagiert ihr auf diese besondere Zeit?

Entsprechend der Situation arbeiten Anne Pfeifer und Bernhard Kreutzer zurückgezogen im Atelier. Angesammelte Ideen werden endlich realisiert, neue Konzeptionen entwickelt, selbst und besonders, angesichts der Unsicherheit: „ Niemand weiß genau, wo das gerade hinführt.“

Zeit, zur Ruhe zu kommen; denn hier können neue Ideen entstehen. So entwickelte sich die Idee zu der Arbeit „Streicheleinheiten“ während einer langen, verregneten Busfahrt. Es handelt sich um eine Installation aus zwei Scheibenwischern, die sich „streichelnd“ über Kunstfell bewegen. Der Scheibenwischer, mechanisch, hart, transportiert aber auch Zärtliches. Die Ambivalenz des Emotionalen beschreibt  viel in der Differenz und wird noch stärker erlebbar im Rückzug. Polarität ist überhaupt ein wichtiges Element der Arbeiten. Zwischen den Positionen, in den Gegensätzen, wird Leben verhandelt. 

Die  Arbeit „Splitterstücke“ und ihre Reflexion von Verletzbarkeit, den Fragmenten der Identität, die sich erst konstituiert in der Begegnung mit dem Anderen – in der Spiegelung mag diese Ambivalenz sichtbar machen.

Hier auch findet sich die Erfahrungsebene „Unmöglichkeit“ in unserem krisenhaften Alltag.

Was gibt euch Kraft und Hoffnung?

Es ist das Vertrauen, dass es wieder besser wird, die  Hoffnung, dass  Kunst sogar gestärkt aus der Krise herauskommen könnte, und dass es unbedingt nötig ist, weiterzuarbeiten. Wir durchleben eine Übergangsphase, in der auch die ursprünglich ganz persönliche Inspiration zu „Distance“ eine neue Interpretation erfährt. 

Auch gibt es Rückschläge, abgesagte Ausstellungen und die Absage der Installation des aktuellen Werks „Berührungsspannung“ – eine Arbeit für den öffentlichen Raum in Bischofsheim: Zwei Lichtbögen, die nur leuchten, wenn eine Verbindung über sich an den Händen fassenden Menschen zwischen beiden Bögen hergestellt wird. Die Installation im öffentlichen Raum ist auf unbestimmte Zeit  verschoben.

Was wünscht ihr euch für die Gesellschaft nach der Krise?

Ein höheres Maß an Sensibilität füreinander, für die Verletzlichkeit des Lebens; darüber hinaus, dass es für möglichst viele ein Neuanfang und kein Ende sein möge. Die Kunst möchte Menschen verbinden und sie einander näher bringen. Und wir können etwas dazu tun. Jetzt und nach der Krise. 

Pfeifer&Kreutzer
Anne Pfeifer, 1987 geboren in Lindenfels
Bernhard Kreutzer, 1986 geboren in München
www.pfeiferkreutzer.de

Sibylle Thebe
www.sibyllethebe.de

 

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