Gisbert Stach
Transformation, 2006
Video, Dauer 7:30 min

Das Video ‚Transformation‘ von 2006 zeigt ein etwa 4 x 2,5 cm großes, mit Granatsteinen besetztes silbernes Schmuckkreuz, das in einem Bad aus Salpetersäure hängt. Im Lauf von siebeneinhalb Minuten löst sich zunächst die glänzend helle Schicht des Rhodiums in kleinen Fetzen von der filigranen Oberfläche. Einzeln platzen die blutroten Steine aus Ihren Fassungen, bevor als letztes das Gerüst des Kreuzes schwankend zerfällt und sich zischend und gurgelnd auflöst. Die materielle Auflösung des Objekts geht einher mit der spirituellen Transformation der symbolisch aufgeladenen Kreuzform und stellt mit dem Verschwinden des Sichtbaren Fragen an die unzerstörbare Macht unseres kulturellen Erbes und seines Wertes. So kann das Symbol des Kreuzes durch die Kraft des Glaubens und der Hoffnung für einen Neubeginn neu interpretiert werden. Wie in vielen seiner Arbeiten, thematisiert Gisbert Stach in seinen dem Zufall überlassenen Transformationsprozessen die soziale und kulturelle Wertigkeit von Objekten und hinterfragt deren Bedeutung und Stellung in der Gesellschaft. Fast alles Gewohnte und Alltägliche ist in kürzester Zeit verschwunden

Fast alles Gewohnte und Alltägliche ist in kürzester Zeit verschwunden.

Sylvia Clasen im Gespräch mit Gisbert Stach

Wie kam es zu dieser Arbeit und wie siehst du diese vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Krise?

Ich habe mich zu dem damaligen Zeitpunkt mit der Bedeutung von Werten und Symbolen beschäftigt. Als gelernter Silberschmied habe ich es mit hochwertigen Materialien zu tun, die oft zu Schmuckstücken in Form von Symbolen verarbeitet werden. Diese sind meist mit starken Emotionen verbunden, wie z.B. Sicherheit oder Verbundenheit. Meine Auseinandersetzung mit solchen Themen führte mich zu experimentellen Versuchen von Auflösungsprozessen solcher Werte und Symbole. In der Arbeit ‚Transformation‘ löse ich einen in einer Manufaktur angefertigten Schmuckanhänger in Form eines Kreuzes in Säure auf. Heute, in unserer allgemeinen pandemischen Krisensituation, sehe ich die Gewichtung dieser Videoarbeit mehr auf der Hoffnung und im Neuanfang. Fast alles Gewohnte und Alltägliche ist in kürzester Zeit verschwunden. Es bleibt offen, was danach sein wird.

Wie reagierst du auf diese besondere Zeit?

Als Künstler habe ich bis auf die ökonomischen Auswirkungen wenig Probleme mit der Krise und nehme sie eher als Herausforderung. Durch meine künstlerische Arbeit bin ich das Improvisieren gewöhnt. Das ist etwas, das mir sogar Freude bereitet. Das „Zuhause bleiben“ erlebe ich nicht nur als Einschränkung, sondern auch als eine Möglichkeit der Rückbesinnung auf mich und meine Familie. Zudem dient mir mein Atelier als wichtiger Rückzugsraum. Alle äußerlichen Effekte, die im Moment in Zusammenhang mit der Pandemie auftreten, wie z.B. das Maskentragen oder das Abstandhalten, werden sicher in irgendeiner Form in meine zukünftige künstlerische Arbeit einfließen. Ich beobachte gerade, wie der Bezug zum eigenen Körper und zu den Körpern anderer ein wichtiges Thema geworden ist.

Was gibt dir Kraft und Hoffnung?

In dieser neuen und ungewohnten Situation sehe ich eine Chance, mich nicht von den alltäglichen Verpflichtungen ablenken zu lassen. Ich mache mehr Sport und fühle mich dadurch körperlich besser. Das wirkt sich auch auf mein psychisches Wohlbefinden aus. Wir erleben gerade gravierende Einschränkungen und eine ausgeprägte Kontrolle von staatlicher Seite, den Verlust von Freiheit und gewohnter Nähe zu anderen Mitmenschen. Der Gedanke, dass eine permanente Kontrolle im Alltag bleiben könnte, beängstigt mich. Aber ich bin zuversichtlich, dass ein Neuanfang viel Positives bringen wird.

Was wünschst du dir für die Gesellschaft nach der Krise?

Weltweit sind die Menschen von der Krise momentan schwer betroffen. Die globalen Auswirkungen in Bezug auf Umwelt und Gesundheit sind offensichtlicher denn je. Ich denke, für unsere Gesellschaft kann es eine Chance sein, sich neu zu strukturieren. Persönlich erhoffe ich mir, dass wir alle den Neuanfang nutzen, unser einzelnes egoistisches Verhalten zu verändern und in gemeinsamer Solidarität weiter gehen. Ich hoffe sehr, dass unsere persönliche Freiheit im Handeln und Denken durch die jetzigen Veränderungen und Maßnahmen in der Zukunft nicht leiden wird.

Gisbert Stach, geboren 1963 in Freiburg i. Br., besuchte die staatliche Berufsfachschule für Glas und Schmuck in Kaufbeuren-Neugablonz, bevor er seine Ausbildung an der Fachhochschule für Kunst und Design in Köln bei Prof. Peter Skubic weiterführte. Nach seinem Studium an der Akademie der Bildenden Künste München bei Prof. Otto Künzli (Diplom 1996), arbeitet Gisbert Stach als freischaffender Künstler, der Schmuck mit Video und Fotografie in seiner Unverwechselbarkeit verbindet. Zuletzt wurde Stach mit dem Danner-Ehrenpreis 2017 der Danner Stiftung geehrt. Seine Arbeiten sind in mehreren europäischen Sammlungen präsent.
http://www.gisbert-stach.de

Sylvia Clasen ist Kunsthistorikerin und Kunstvermittlerin und seit ihrem Studium in Wien als freie Kunstvermittlerin tätig. Sie arbeitet derzeit als freie Kunstvermittlerin für unterschiedliche museale Institutionen in München. Seit 1995 leitet sie das von ihr aufgebaute Kinder- und Jugendprogramm der Stiftung Haus der Kunst in Teilzeit.

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