Sonja Toepfer
Haus C 19, April 2020
Video, Dauer 3:57 min.
Sounddesign Tom Förderer

Die Medienkünstlerin Sonja Toepfer setzt mit ihren Videoarbeiten visuelle Impulse, die beim Betrachter vielfache Assoziationen und Gefühle hervorrufen. Ihr brandaktuelles Werk beleuchtet die Isolation der Menschen in ihren Wohnungen während der derzeitigen Ausgangsbeschränkung. Der nächtliche Einblick in drei Fenster zeigt unterschiedliche Lebenshaltungen im Spannungsfeld der Ausnahmesituation. Der Zeit enthoben und im häufigen Wechsel der Perspektiven erscheinen situative Bilder und Momentaufnahmen. Geschäftigkeit und Hektik gehen Hand in Hand mit Ablenkung, Langeweile und Augenblicken der Verbundenheit, Zuneigung und Kooperation.

In der zweiten Hälfte des Videos taucht auf dem Fernsehbildschirm im Mittelfenster die LKW-Karawane mit Corona-Toten in Italien auf, zugleich versorgt hinter dem rechten Fenster eine Mutter ihr Kind. Diese Sequenzen zeigen eindringlich, wie dramatisch nah die Schrecken des Todes und die Zeichen von Liebe und Hoffnung beieinander liegen. Der ausgestanzte Schmetterling vor leuchtend gelbem Hintergrund – Symbol für Wandlung und Auferstehung – wirkt wie der Vorbote für das fast malerische Schlussbild: Ein Mann beugt sich aus dem Fenster nach draußen, und sein Blick wendet sich hoffnungsvoll nach oben, dem Himmel entgegen.

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Die Stimmungen der einzelnen Fenster bewegen sich zwischen Passion und Auferstehung

Dr. Ingrid Gardill im Gespräch mit Sonja Toepfer

Wie kam es zu dieser Arbeit und wie siehst du diese vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Krise?

Ich hatte bereits vor drei bis vier Jahren Impressionen von Menschen in ihren Wohnungen gesammelt und diese dann digital nachbearbeitet, weil es mich interessiert, was den einzelnen Menschen in seinem Alltag trägt. Vor etwa einem Monat, als die Corona-Thematik losging, habe ich diese Arbeit weiter intensiviert. Dann kam euer Anruf, und das war ein sehr willkommener Anlass, das Projekt zu einem vorläufigen ersten Abschluss zu bringen.

Alles, was damals bereits da war, fühle ich jetzt intensiver. Das, was sich momentan durch die Krise ändert, erfahren wir in den unterschiedlichen Stimmungen der einzelnen Fenster im Video-Loop, die sich zwischen Passion und Auferstehung bewegen. Die Menschen agieren „existentiell verdichtet“ in ihren Wohnungen. Sie befinden sich quasi in Warteposition, und das spürt man als Betrachter. Meinem Sounddesigner Tom Förderer ist es gelungen, diese Atmosphäre von Melancholie, aber auch von der Hoffnung der Menschen, mit einem entsprechenden Sounddesign und minimalistischer Musik zu vertiefen.

Wie reagierst du auf diese besondere Zeit?

Ich habe den Eindruck, dass die Krise eine reinigende Funktion hat. Wir kehren zu unseren Wurzeln zurück, besinnen uns auf diese. Ich persönlich hatte zuvor bereits eine Art Schaffenskrise, aber kurz vor der Krise gab mir die Anfrage eines Museums nach einer früheren, bereits bekannt gewordenen Arbeit zu verstehen, dass mein Blick auf die Welt eine besondere Bedeutung hat. Ich habe erkannt, dass ich mutig wieder zum ursprünglichen Schwerpunkt meiner künstlerischen Arbeit zurückfinden muss.

In dieser besonderen Zeit möchte ich zum Sinnstifter werden, weil so viele Menschen Angst haben und darin gefangen sind. Die jetzige Situation erfordert viel Kreativität und Improvisationsvermögen, damit wir in Freiheit damit umgehen können.

Was gibt dir Kraft und Hoffnung?

In erster Linie meine Kunst, Filme und Ideen. Außerdem meine beiden Töchter.

Was wünschst du dir für die Gesellschaft nach der Krise?

Da würde ich mir wünschen, dass uns die Krise dazu einlädt, auch weiterhin gelegentlich innezuhalten. Sie könnte eine riesengroße Chance für uns alle werden. Meine Utopie ist, dass sie ein neues Potential von Erfindungsreichtum und Menschlichkeit freisetzt.

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Sonja Toepfer, Videokünstlerin und Autorin, geboren 1961 in Offenbach, wuchs zunächst im Säuglingsheim, dann bei ihrer Großmutter auf. Von 1981 bis 1986 studierte sie Soziologie und Filmwissenschaften mit dem Schwerpunkt Objektive Hermeneutik bei Ulrich Oevermann.

Sonja Toepfer greift in ihren Filmen menschlich relevante Themen auf, die sie mit experimentellen Mitteln aus dokumentarischem Bildmaterial aufbereitet. Sie spricht davon, dass Videolyrik auf der Grundlage authentischer Momentaufnahmen besonders gelingen kann und arbeitet daher mit dem Sounddesigner Tom Förderer zusammen, der zu ihren Filmen Töne sammelt und zu Klang- und Musikteppichen verarbeitet. Im Fokus stehen politisch brisante, aber auch religiöse Aspekte, die die Künstlerin mit ihren filmischen Mitteln auf menschliche Haltungen hin untersucht und hinterfragt. www.sonjatoepfer.com

Dr. Ingrid Gardill lebt in München-Gräfelfing und arbeitet als Autorin und Kuratorin für öffentlichkeitswirksame Projekte und einen Kunstverein. Ihre thematischen Schwerpunkte sind die sakrale Kunst des Mittelalters und Kunstströmungen der Gegenwart. www.ingrid-gardill.de

 

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