Johannes Veit
Spiegeltürme und Wolkenspiegel, 2018
Raum-Installationen
Zoltán Barabás
Musikkomposition

Die Verwendung von Spiegeln und Farbkacheln als Gestaltungselemente, als virtuos beherrschtes visuelles Vokabular, besitzt im Werk von Johannes Veit bereits eine jahrzehntelange Tradition. Die Spiegel lassen räumliche Ausschnitte der Umgebung zu einem Teil des Werkes werden. Zwischen den Fliesen oder Kacheln, gänzlich blank oder als Träger einer über die einzelnen Elemente hinausgreifenden Malbewegung mit dem Pinsel oder Spachtel, holen die Spiegel die Außenwelt in die Installation hinein. Auf ihrer Oberfläche wird die klare Unterscheidung von Außen und Innen aufgelöst und zum Fließen gebracht. Der Spiegel wird so zu einer Metapher der Heterodoxie, der Anders- und Vielstimmigkeit, die zwischen verschiedenen Orten und damit Welten vermittelt.

Johannes Veit, der an der Münchner Kunstakademie bei Franz Nagel und Hans Baschang studiert hat, entwickelte bereits viele Kunstprojekte in Form von Spiegel- und Flieseninstallationen. So den Spiegelraum „Rosegarden“ in der Landshuter Residenz, die Installationen in der St. Jodok Kapelle und in der Spitalkirche Heilig Geist. Im Jahr 2018 fanden – in enger Zusammenarbeit mit dem Komponisten Zoltán Barabás – zwei buchstäblich nachhallende Raum-Musik-Installationen statt. Zuerst in der Passauer St. Anna Kapelle und dann im September in der Großen Rathausgalerie in Landshut. Auch auf Fassaden privater Bauten – zum Beispiel auf der der „Klösterle-Apotheke“ in der Münchner Waltherstrasse – befinden sich Johannes Veits Spiegel-Installationen. Wo immer es möglich ist, reagiert er mit seinen Arbeiten auf die Architektur einer vorgefundenen Raumsituation.

Neben dem umgebenden Raum formt auch die Zeit das Werk mit. Auf den Oberflächen der Installationen blitzen Möglichkeiten auf, die sich nie bis zum Ende ausformulieren lassen. Formgebilde und Lichtsituationen treten aus der Potentialität hervor, in der sie im nächsten Moment wieder verschwinden können. Diese Prozesse sind der Zeit unterworfen, sind eingewoben in den Fluss der Zeit. So werden die Pinselspuren zu Farbbewegungen, zu Momentaufnahmen eines künstlerischen Prozesses.

Johannes Veits farbige Bilder und seine Spiegelwände, aus denen alles Episodische und Illustrative verbannt ist, halten in ihren sich jenseits des Bildraums unsichtbar ausdehnenden Horizontallinien und der Stringenz ihrer Farbigkeit für einen Augen-Blick das Momenthafte fest. Und es sind schöne und erfüllte Momente.

Die Wahrheit steht immer am Abgrund des Verlöschens.

 Prof. Dr. Andreas Kühne im Gespräch mit Johannes Veit

Wie kam es zu dieser Arbeit, und wie siehst du sie vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Krise?

Die Arbeit beschäftigt sich mit der Welt und ihrem optischen und strukturellen Bestand, und gleichzeitig impliziert sie auch die Möglichkeit ihres gleichzeitigen Verschwindens. Im Auge des Betrachters wird ein transitorisches Gleiten sichtbar. Die Farben, Formen und Strukturen der Kacheln, eigentlich sind es ja einzelne Bilder, die lose aufeinander bezogen sind, tauchen aus der Dunkelheit – dem Zustand der Potentialität –  auf und verschwinden wieder. Dies geschieht nie auf exakt dieselbe, wiederholbare Weise. Mit dem Aufscheinen der Welt im Spiegellicht scheint auch Wahrheit auf. Eine individuelle, nicht verallgemeinerbare Wahrheit. Die Wahrheit steht immer am Abgrund des Verlöschens.

Künstlerische Arbeit ist immer – ganz unabhängig von der gegenwärtigen Pandemie – eine Arbeit in der Krise. Eine Arbeit in Grenzbereichen. Der Suche nach dem gültigen Ausdruck haftet etwas Krisenhaftes, Instabiles, Transitorisches an.

Aus diesem Befund und der Möglichkeit, dass die künstlerische Arbeit zu einer Katharsis führen kann, folgt, dass die Kunst auch jetzt, in einer Krise der Gesellschaft, stark sein kann. Für die Kunst per se bedeutet dies, dass es für sie keine Krise gibt, nur eine Wendung, eine Stärkung, eine Transformation.

Wie reagierst du auf diese besondere Zeit?

Vor allem mit Konzentration und Besinnung. Die „besondere Zeit“ schafft  dem Künstler, schafft mir – ungeachtet aller damit verbundenen, notwendigen Einschränkungen – Strukturen, aus denen Neues entstehen kann. Aus bisher vielleicht nur ansatzweise Gefühltem und Gedachtem formuliere ich mit meinen Mitteln – der Malerei, der Rauminstallation, der Fotografie – neue Arbeiten. Auch wenn diese vorerst nur als Ideenskizzen vorhanden sind, schaffen sie die Grundlage für neue Arbeiten, die nach der „Pandemie“, nach dem Ende der jetzigen Einschränkungen,  ausformuliert werden können und zu künstlerischen Formen finden, die ich bisher nicht ausprobiert habe. Natürlich kann eine größere Rauminstallation, die den Dialog mit dem Publikum lebensnotwendig braucht, vorerst nicht stattfinden. Aber ich denke – gemeinsam mit dem Komponisten Zoltán Barabás – darüber nach, welche Orte wir künftig „bespielen“ könnten. Jeder Ort ist neu und anders und bedarf eines eigenen Konzepts, um ihn künstlerisch wirksam und sichtbar werden zu lassen.

Mit Zoltán Barabás und anderen Weggefährten bin ich schon seit langem „vernetzt“, aber – bedingt durch die Krise – ist die Vernetzung noch intensiver geworden. Parallel dazu entstehen weiterhin Zeichnungen und Bilder. Aber diese bedürfen ohnehin der Stille der Werkstatt und der Konzentration auf die einzelne Arbeit.

Natürlich werde ich für längere Zeit nicht nach Poggio in den Marken fahren können. Dort arbeite ich in der Regel während der Sommermonate in einem alten Stadthaus. Das Licht und die Farben sind dort andere als in München oder in Niederbayern. Die südliche Landschaft bringt andere Rot-, Grün- und Blautöne hervor. Ich freue mich schon darauf, wieder dort sein zu dürfen.

Was gibt dir Kraft und Hoffnung?

Kraft schöpfe ich aus der Überzeugung, dass meine Kunst in der Gesellschaft etwas bewirken kann. Ohne, dass ich diese Aufgabe verbal genauer bestimmen könnte oder wollte. Auf jeden Fall fördert und befördert diese Aufgabe mein kreatives Potential. Kraft erwächst weiterhin aus der Hoffnung, dass durch meine Arbeit neue – für alle Beteiligten fruchtbare – Vernetzungen entstehen. Vernetzungen, die weit über den Tag und die aktuelle Krise hinausreichen und Bestand haben werden.

Was wünschst du dir für die Gesellschaft nach der Krise?

Ich wünsche mir, dass neue Foren für die demokratische Kommunikation entstehen, in denen unsere gesellschaftlichen Leitbilder be- und hinterfragt werden. Beispielsweise sollte sich auch der Künstler, die Künstlerin, in stärkerem Maße mit der Frage auseinandersetzen, wohin uns der sogenannte Fortschritt in unserer Gesellschaft führt. Kunst kann keine allgemein gültigen Antworten geben, aber sie kann gezielt Fragen stellen. Manches Positive, das wir in dieser Krise gelernt haben, sollte auch nach deren Ende nicht sogleich vergessen werden.

Prof. Dr. Andreas Kühne, geb. 1952 in Halle (Saale), Studium der Informationswissenschaft, der Kunst- und Wissenschaftsgeschichte, 2000 Habilitation, LMU München, seit 2001 Honorarprofessor der Akademie der Bildenden Künste München, seit 2008 apl. Prof. der LMU München, seit 2014 ord. Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste; tätig als Herausgeber frühneuzeitlicher Quellen, Kunstkritiker und Ausstellungskurator zeitgenössischer Kunst, lebt in München.

Zoltán Barabás, geb. 1958 in Bácskossuthfalva, lebt und arbeitet in Langwaid und Budapest, Ungarn
1973-1978  Musikalische Ausbildung als Trompeter und Komponist: Musikhochschule Subotica, Franz-Liszt-Musikhochschule Budapest, Joe Heider Jazzschule München, unter der Leitung von Duskó Gojkovic
1977    Erster Preis beim Komponistenwettbewerb, ausgerichtet vom Radio Novi Sad
1991   Komponist des Münchener „Tanz Projektes“
2000   Auführung einer eigenen Komposition im ungarischen Pavillon der VII. Architektur Biennale in Venedig
2012   Kompositionen und Konzeption der Musikinstallation „Music Time for Plomin“ in Istrien, bei der die gleichnamige Stadt zu einem quadrophonischen Klangerlebnis wird
2015   Neuaufführung von „Music Time for Plomin“ mit Triennale und Symposium für einheimische und internationale Künstler mit wechselnden thematischen Schwerpunkten.

Johannes Veit, geb. 1950 in Landshut. 1971-1977 Studium an der Akademie der Bildenden Künste, München, bei Prof. Franz Nagel und Prof. Hans Baschang. 1977 Diplom für Malerei und Graphik
1979-1982 Atelier in Santa Barbara, Californien und Los Angeles.
Johannes Veit lebt in München, Oberviehbach und Poggio San Marcello, Italien. http://www.johannesveit.de

 

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