Max Weisthoff
machine
Performance, 16.-24.07.2016
Koloss-Saal der Akademie der Bildenden Künste München Videoaufnahme: H.B. Schlömer,
Schnitt: Max Weisthoff, Dauer 3:31 min.

 

Max Weisthoff erkundet in seinen Performances und Installationen den körperhaften Dialog mit dem Raum, der sich im Gegenüber von Mensch und Maschine ereignet. In der Performance „machine“, im Koloss-Saal der Münchner Kunstakademie durchgeführt, kommt es zu einer raumgreifenden skulpturalen Interaktion mit einer Netzform. Ein tragbares Arbeitsmodul aus Stromgenerator und Ein-Faden-Sack-Nähmaschine erlaubt dem Künstler, frei beweglich im Raum zu nähen. Unmittelbar um den Betrachter entsteht eine analoge Raumzeichnung, die sich über Tage zu einem spurhaften Formprozess verdichtet. Mittels eines motorisierten Hallenkrans werden Lage, Form und Ausdehnung des Materials hierbei durch Spannen, Zerreißen und Erschlaffen immer wieder radikal verändert. Im Aufscheinen möglicher Großformen hat das Netz skulptural-architektonische Qualität, bleibt letztlich aber ungreifbar. Das Bild des Netzes als Verknüpfung räumlich entfernter Bereiche ist in diesen Tagen körperlicher Distanz gerade im Inter-Net unmittelbar erlebbar.

Performance lebt vom Situativ

Dr. Ulrich Schäfert im Gespräch mit Max Weisthoff

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Wie kam es zu dieser Arbeit und wie siehst du diese vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Krise?

Die Arbeit entstand 2016 während meines Studiums an der Münchner Kunst-Akademie. Infolge skulpturaler Arbeitsplatzstudien hatte ich einen Tornister entwickelt, der mittels eines benzinbetriebenen Stromgenerators eine Ein-Faden-Nähmaschine antreibt. Die grundlegende Loslösung dieser mobilen Arbeitseinheit vom Umraum konterte ich in dieser Aktion mit einer halb-automatisierten neuerlichen Anknüpfung. Über einen Zeitraum von acht Tagen entstand ein phänomenologisch-beobachtender, offener Arbeitsvorgang, in dem sich ein scheinbar chaotisches, zunehmend verdichtendes Gespinst aus weißen Nähten bildete. Als Reihe einander überlagernder, diskontinuierlicher Arbeitsschritte und intuitiver Entscheidungen ließ es von vornherein keine abschließende Formgeste zu. In buchstäblicher Anbindung formuliert sich eine tendenziell autarke Eigenmaterialität des Vorgangs. Ungreifbar und doch absolut real kann das Textil als Phänomen und Bindeglied eines grundlegend physisch-kognitiv-mechanischen Verhältnisses von Körper und Raum gelesen werden. Die verordnete Distanz ist für meinen Ansatz nicht einfach: Anwesenheit und Gegenüber definieren eine Arbeit aus meiner Sicht erst als konkrete Setzung. Im Video lässt sich dieser Aspekt nur angedeutet erleben – Benzingeruch, Bewegung, Spannung, Lärm, Ausdehnung und Affekt sind nur als Verweis zugegen, eröffnen als Dokumentation aber auch neue Ebenen der Lesart. Code, Fragen der Eigeninformation von Material, Mechanismen der Ent- und Re-Subjektivierung und Bezüge zu teils popkulturellen Beispielen des Mensch-Maschinen Diskurses sind greifbarer, da die körperliche Wahrnehmung des Vorgangs nur in abgeschwächter Form erfolgen kann.

Wie reagierst du auf diese besondere Zeit?

Am 14.03.2020, unmittelbar vor der Ausgangsbeschränkung, war die Aktion „SKINJOB“ im T156 München zu sehen. Über einen Zeitraum von acht Stunden stickte ich vor einer Soundkulisse Glöckchen auf einen aus Leder genähten Körper-Dummy von mir selbst. Diese eher ‚stille‘, an das Ausstellungskonzept „jewellery – not jewellery“ angelehnte Performance eröffnete durch den Kontext der Corona-Krise unweigerlich Assoziationen an übergriffige, teils verletzende Körperzustände. Aus Körperschmuck und Piercing wurde Infektion, aus eher karnevalesk konnotierten Schellen Pestglöckchen. Hochspannende Veränderungen! Performance lebt vom Situativ.

Was gibt dir Kraft und Hoffnung?

Unsere Demokratie ist handlungsfähig, wir haben ein funktionierendes Gesundheitssystem, die Menschen bewahren Ruhe. Entgegen dem teils reißerischen Gehabe der Tageszeitungen gibt es in der Stadt von meiner Warte aus gesehen ein eher umsichtiges Gesamtklima.

Was wünschst du dir für die Gesellschaft nach der Krise?

Eine gewisse emotionale Resilienz sollte bewahrt werden. Es war ein großes Glück, dass wir lange Zeit in sicheren Verhältnissen leben durften, was für den Großteil der Menschen in dieser Qualität zu keinem Zeitpunkt gegeben war und ist. Ich wünsche mir eine gesteigerte Affektfestigkeit, Gelassenheit, Solidarität und Umsicht trotz bestehender Gefährdungen wie etwa durch COVID-19. VITA

Max Weisthoff, geboren 1988 in Hannover, Studium der Freien Kunst an der Muthesius Kunsthochschule Kiel und an der Akademie der Bildenden Künste München bei Professor Olaf Metzel. Im Februar 2018 Diplom und Meisterschülertitel. Weisthoff ist Alumnus der Studienstiftung des Deutschen Volkes und lebt aktuell als freischaffender Künstler in München. Seit April 2019 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Bauhaus-Universität Weimar am Lehrstuhl Entwerfen und Stadt Architektur bei Professor Andreas Garkisch. 2018 erhielt er für seine Performance „MACHINE“ den 1. Preis des „ART OF ENGINEERING-AWARDS“ des Engineering- und IT-Dienstleisters FERCHAU.

www.machtspiele.org
Instagram Profil @macht.spiele

Dr. Ulrich Schäfert ist Theologe und Kunsthistoriker und leitet den Fachbereich Kunstpastoral der Erzdiözese München und Freising mit Sitz in St. Paul.

www.erzbistum-muenchen.de/kunstpastoral

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