Markus Zimmermann beschäftigt sich in seinen neueren Arbeiten mit Raumkörpern, die er als Versuchsanordnung in einem dem Ausstellungssaal nachempfundenen Modellraum platziert. Die gerüstartigen Skulpturen charakterisiert in ihrer Widersprüchlichkeit die symbiotische Verbindung von architektonisch gebauter, hölzerner Rahmenkonstruktion und einer „Beplankung“ mit plastischem, formbaren, haptischen Material wie Ton, Schaumstoff, Styropor, Modelliermasse oder Filz. Befremden auslösende Assoziationen mit organisch wucherndem Fleisch, schlauchartigem Gedärm, Muskeln oder sackartigen Geschwüren, welche das Holzgerüst als Skelett, Gerippe oder Schrein umwinden, umwickeln, behängen werden geweckt. Die Raumkörper ermöglichen als Schlüssellochförmige Tore, Schleusen, Tunnel, Höhlen, Schächte Durchgänge, ein Durch- und Umschreiten, die entgrenzte Leiberfahrungen wie Staunen, Betroffenheit, Ehrfurcht, Neugier, Scham, Ekel evozieren können. Man durchschreitet förmlich Körperöffnungen. Ausstellungsbesucher und Museumspersonal sind zudem angeregt, selbst tätig zu werden, Anordnungen, Positionen zu verändern oder Material auf- und abzutragen. So entstehen dynamische Prozesse, die Leiberfahrung der Resonanz und Entgrenzung im Hier und Jetzt provozieren. Gerade die jetzige Pandemie Covid-19 und die mit ihr verbundene Ausgangsbeschränkung machen uns eine Gegensätzlichkeit von schützendem, aber auch isolierendem Innenraum und Freiheit, Sozialkontakt, aber auch Gefährdung bedeutenden Außenraum in hohem, emotionalen Maße deutlich – und dies zusammen mit der Erfahrung von Schwellen- und Schleusensituationen, die gleich einer Versuchsanordnung in ihrer organisierenden Funktion erprobt werden. Diese Raumerfahrungen im Ausnahmezustand sind in der unmittelbaren Resonanz des Leibs bzw. seiner sinnlich-atmosphärischen Entgrenzung spürbar.

Markus Zimmermann
Portale, Phase 1, 2020
diverse Materialien
Holz, Gips, Ton, Plexiglas

Wir haben jetzt Zeit, um darüber nachzudenken, wie wir leben wollen und was wir wirklich brauchen, um gut zu leben.

Dr. Angelika Burger im Gespräch mit Markus Zimmermann

Wie kam es zu dieser Arbeit und wie siehst du diese vor dem Hintergrund der Krise?

Wegen der Corona-Krise kann ich gerade nicht in meinem Studio sein, da ich zur Zeit in der Gips und Form-Werkstatt des BBK arbeite. Das bedeutet, die Anfertigung von größeren Skulpturen und Objekten ist für mich nicht möglich. Da taucht dann die Frage auf, wie ich trotzdem räumlich denken, bauen und agieren kann? Der Bau von Modellen ist eine Antwort. Bei dem Bau der Modelle am Küchentisch kam mir mal der Gedanke, ob es möglich wäre, auch für sein Leben ein Modell zu entwickeln oder gewisse Dinge modellhaft auszuprobieren und durchzuspielen. Hat die Corona-Krise nicht selbst etwas Modellhaftes?

Wie reagierst du auf diese besondere Zeit?

Indem ich sie erst einmal akzeptiere und genau anschaue und auch schaue, was es mit mir und anderen macht. Feldforschung. Außerdem habe ich in den letzten Tagen viel telefoniert, Freunde angerufen. Mit meinen Eltern spreche ich übers Telefon öfter als vor der Corona-Krise.

Was gibt dir Kraft und Hoffnung?

Es liegt Hoffnung in der Krise selber. Wir haben jetzt Zeit darüber nachzudenken, wie wir leben wollen und was wir wirklich brauchen, um gut zu leben. Und dann ist da noch die soziale Distanz, die ja in erster Linie einen räumlichen oder körperlichen Abstand meint und nicht bedeutet, unsozial zu handeln: Im Gegenteil, ich habe schon viele, sehr soziale Momente beobachtet. Diese geben mir Zuversicht.

Was wünschst du dir für die Gesellschaft nach der Krise?

Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft nach der Krise nicht einfach so weitermacht wie vor der Krise. Ganz matt und traurig fände ich es, wenn sie versuchen würde, alles wieder aufzuholen, was sie „verpasst“ hat, also mehr zu konsumieren und so weiter. Wir wissen doch jetzt, dass wir Flugzeuge, Fließbänder und Mühlen anhalten können, wenn wir nur wollen. Auch mussten sich viele in dieser Krise quasi beschränken und verkleinern. Können wir aus kleineren Einheiten heraus nicht das Große bilden?

Aber wenn ich mir schon etwas wünschen darf, wünsche ich mir, dass der Neoliberalismus zerbricht!

Markus Zimmermann, 1978 geboren in Hannover, lebt in Berlin und Hannover
2000-2002 Studium Freie Kunst, Kunstakademie Münster, Prof. Timm Ulrichs
2002-2006 Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, Meisterschüler von Prof. Bogomir Ecker
seit 2011 Mitarbeit und Gründung von Kollektiven: Magicgruppe Kulturobjekt, Welt ohne Zeit, IKONOSTASE, SUPERFILIALE
seit 2016 Lehrtätigkeit Burg Giebichenstein, Kunsthochschule Halle,
Fachbereich Design
Zahlreiche Ausstellungen in In- und Ausland
www.markuszimmermann.info

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Dr. Angelika Burger, Kunsthistorikerin, seit 2001 tätig als freie Kunstvermittlerin in Münchens Museen

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