Nanni Schiffl-Deiler/Wolfgang Gleixner
Amseltage, 2021

Video, Dauer 6:03 min

Wie fühlt es sich an, in einem Zug durch die Poebene zu fahren, aus dem Fenster zu sehen, die Weite zu spüren, die Gedanken schweifen zu lassen – das eigentliche Ziel der Reise entschwindet, und es entsteht ein neuer Zwischenzustand der Wahrnehmung und Zusammenschau… In seiner ästhetischen Theorie über die „Einfühlung“ schreibt Theodor Lipps (1851-1914): „[D]ies mein Streben fühle ich in der optisch wahrgenommenen Bewegung. Ich erlebe es als etwas unmittelbar dazu Gehöriges. Ich fühle also mich in dieser Bewegung strebend…“  Ein intuitives Miterleben gilt als Kern der Einfühlung: „Denn was ich einfühle, ist ganz allgemein Leben.“
Das eigene Erleben des Wahrnehmenden steht in unmittelbarer Verbindung mit dem Wahrgenommenen. In der Kunst von Nanni Schiffl-Deiler ist diese Einfühlung weniger Projektion des Eigenen, wie in der Einfühlungstheorie um 1900, sondern viel mehr ein wahrlich emphatisches sich Hinein-Versetzen in Gefühle und Stimmung des Gegenübers, das aber immer mit der eigenen Sensibilität der Künstlerin in Verbindung steht. Die Foto- und Videokünstlerin begegnet mit dieser Haltung in ihrer Arbeit unter anderem Geschwistern von Kindern im Kinderhospiz, Trauernden im Bestattungsunternehmen „weiss über den tod hinaus“, Menschen anderer Kulturen oder der Natur als unserem Gegenüber.
Für kunst-netz-werk lud Nanni Schiffl-Deiler den Multiinstrumentalisten und Klangforscher Wolfgang Gleixner zur Zusammenarbeit ein, den sie bei dem Corona-bedingt auf unbestimmte Zeit verschobenen Projekt „Zwischenraum Sterben“ kennenlernte, und mit dem sie die einfühlende Haltung zur Welt teilt. So entstand auf Grundlage einer im Januar 2017 in der Lombardei angefertigten Video-Skizze, mit einem Mittelteil in Slow-Motion, eine gemeinsam entwickelte, vielschichtige Videoarbeit: Durch Kassettierung des Videos in sechs Felder bei Umkehrung einzelner Felder und durch Überlagerung mit einer Klangspur auf Basis von Mbira und Obertonflöte entstand so eine sensibel-dynamische Gedankenreise durch diese Landschaft, mit der sich durch die Ereignisse der Corona-Pandemie gerade in diesem Gebiet heute weitere tiefe Emotionen verbinden.
(US)

 

Nanni Schiffl-Deiler/ Wolfgang Gleixner “Amseltage”, 2021, Videostill

Kunst macht das Unaussprechliche sichtbar

Interview mit Nanni Schiffl-Deiler 

Was bedeutet Dir diese Arbeit in Deinem Werk, wo knüpft sie an?

Das Material dieser Installation entstand 2017 in Italien. Ich war auf dem Weg zu meiner Ausstellungseröffnung in Rom und filmte aus dem Fenster des fahrenden Zuges. Das ist ein Zustand, den ich immer sehr genieße: Ich bewege mich durch die Welt und es gibt mir das Gefühl in der Welt zu sein. Gleichzeitig bleibe ich Beobachterin, die an Dörfern, Städten und Landstrichen vorbeizieht. Dabei sehe ich Situationen, Menschen, die gar nicht weit entfernt voneinander leben, sich aber wahrscheinlich nie in ihrem Leben begegnen werden. Sie sind sich nur scheinbar in einem kurzen Moment so nah durch meinen Blick auf sie aus der vorbeiziehenden Bewegung. Filmmaterial wie dieses ist für mich wie eine Skizze, die ich in meinem Archiv sammle, bis ein Moment kommt, an dem ich darin eine besondere Bedeutung sehe und ich daraus etwas entwickeln kann. Nun ist Amseltage daraus geworden. Eine Video Installation, die für mich etwas von der aktuellen Situation, in der wir uns befinden, erzählt. Die Arbeit bedeutet mir grade persönlich viel, denn in der Zeit der Pandemie und der Lockdowns habe ich immer wieder um Ausdruck gerungen.

Wie siehst Du diese vor dem Hintergrund der Pandemie?

Amseltage, Giorni della merla, werden in Italien die letzten drei Tage im Januar genannt. Kaltes Winterwetter an diesen Tagen bedeutet einen zeitigen und schönen Frühling. Schönes Wetter an den Tagen der Amsel hingegen sagt einen späten Frühling voraus. Der Film entstand an einem der drei letzten Januartage auf meiner Fahrt durch Italien. Ich befand mich dabei mitten in der Lombardei. Die Gegend, die in Europa das Epizentrum der Pandemie wurde. Die traurigen Bilder von Bergamo werden etwas Ikonographisches für uns sein, wenn wir später von der Coronapandemie sprechen. Vieles in der Videoinstallation assoziiere ich mit unserer Situation seit einem Jahr. Die plötzlich abgebremste und entschleunigte Bewegung. Die triste, diffuse, teilweise verwirrende und verunsichernde Atmosphäre. Das Aufsplitten des Ganzen in einzelne Bildteile. Obwohl der Bildinhalt nicht verändert ist, entsteht eine völlig neue visuelle Information beim Betrachten. Ich musste dabei auch an uns denken. Empfinden wir uns als Gesellschaft in den Lockdownzeiten nicht auch aufgesplittet, isoliert in einzelnen Räumen? Und doch bleiben wir ein Ganzes.

Wie siehst Du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit Deines Kollegen, die in einer anderen Sparte tätig ist?

Ich fand die Idee als Duo etwas zu zeigen für dieses Projekt so schön, grade in einer langen Zeit der Kontaktbeschränkung. Die Zusammenarbeit mit Wolfgang Gleixner, Musiker und Klangforscher, fand ich für diese Arbeit sehr bereichernd. Mir fiel auf, dass wir ähnlich suchen und forschen auf unseren künstlerischen Wegen, nur mit anderen »Instrumenten«. Wolfgang arbeitet mit vielen unterschiedlichen Musikinstrumenten. In dieser Arbeit hören wir eine Mbira (afrikanische Kalimba) und eine Obertonflöte. Wir haben beide etwas Eigenes mit in diese Installation gebracht und dabei entsteht eine Konversation zwischen Musik und Bildern.

Was hat sich für Dich seit letztem Jahr verändert?

Zunächst hatte ich eine schwere Zeit im ersten Lockdown, nachdem Projekte, an denen ich schon viele Monate gearbeitet habe, abgesagt wurden. Da war auf einmal nichts mehr. Leere und Unsicherheit, die ich verkraften musste. Aber es ermöglichte mir auch an manchen Punkten wieder neu anzusetzen, mich neu zu orientieren. Ich begann ein Projekt auf für mich neuem Terrain. Es unterscheidet sich sehr von meinem bisherigen Arbeiten. Das hat sich wie ein Initialmoment angefühlt. Wie viele von uns nehme ich diese gesellschaftliche Entschleunigung durchaus auch als was Positives wahr. Wir sind in allem immer schneller geworden, fühlen uns doch oft getrieben. Ich konnte seit letztem Jahr eine Regelmäßigkeit im Meditieren erreichen. Die Ruhe dafür fand ich davor durch die viel aktiveren Zeiten mit vollem Terminkalender wohl nicht. ich habe auch einen neuen Blick auf wichtige Beziehungen bekommen in dieser Zeit.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Es gibt ein Zitat zur Kunst von Gerhard Richter. »Da es keine absolute Richtigkeit und Wahrheit gibt, streben wir immer die künstliche, führende, eben menschliche Wahrheit an. Die Kunst ist ein bildender Teil dieser Wahrheitsfindung.« Kunst macht das Unaussprechliche sichtbar, eröffnet Denkräume, die wir grade brauchen in einer Zeit, die mehr Fragen als Antworten kennt. Leider werden schon fast ein Jahr gerade die Künstler*innen und Kulturschaffenden daran gehindert das zu ermöglichen. Aber ich denke, dass wir nach der Pandemie das Bedürfnis haben werden diese Zeit zu verarbeiten und das wird sich dann auch in der Kunst zeigen.

Nanni Schiffl-Deiler, geb. 1967 in München, lebt und arbeitet in München und nahe Florenz. Die multidisziplinäre Künstlerin arbeitet am liebsten mit den Medien Fotografie, Film, Text und Musik. Der Schwerpunkt ihrer Projekte liegt vor allem auf existenziellen und gesellschaftsrelevanten Themen. Aber auch die Natur, unsere menschliche Beziehung dazu, nimmt inzwischen einen wichtigen Platz in ihrem Arbeiten ein. Ihre Werke werden europaweit ausgestellt.

http://www.nannischiffldeiler.com/

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