Angela Stauber / This Zogg

„Die Welt ist aus den Fugen geraten.
Sie krümmt und biegt sich.“

 

… schreibt Angela Stauber auf ihrem Blogbeitrag im vergangenen Jahr. Sie beschreibt wie sie sich vermeintliche Normalität über Projektionen von Fotografien der vergangenen Jahre in ihr Atelier holt. Sie schafft neue Bilder, neue Anreize für ihre Arbeit, ein gedanklicher Ausflug in die große, weite Welt.

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Angela Stauber, Weltsicht, 2020, Öl auf Leinwand, 180 x 160cm

 

In ihren malerischen Arbeiten bewegt sie sich zwischen realer und utopischer Stadtlandschaft, zwischen digitalen und physischen Räumen, die scheinbar simultan erlebbar werden. Die Wirklichkeit ist noch spürbar, doch eröffnen uns ihre Farblandschaften neue Möglichkeiten. Sie wirken wie eine Membran zwischen der sichtbaren Welt und der Welt der Erfahrungen, Empfindungen, Reflexionen. Die Meisterschülerin von Sean Scully vereint in ihrer Malerei scheinbar Gegensätzliches: Die genaue Beobachtung ihrer Umgebung und den Ausdruck von empfundener Atmosphäre.

Die großformatige Arbeit ‚Weltsicht’ wird von einer schwarzen Fläche, die sich aus der oberen linken Ecke in das Bild schiebt, dominiert. Wie ein dunkler Vorhang schwebt sie über den fragmentierten Farbflächen, die durch das Bild tänzeln. Unschärfe dominiert die Sicht in die vermeintliche Ferne, nur die Struktur im Vordergrund des Bildes lässt an das Geländer, des Atelier-Geländes am Ostbahnhof erinnern. Daran kann man sich gedanklich festhalten.

Den Clown This Zogg hat Angela Stauber vor ein paar Jahren in ihrem Atelier portraitiert, während er dort performt hat. Der Titel des Bildes ‚Fang mich‘ passt zu dem quirligen, dabei trotzdem introvertierten Zogg. Auf einem grau-blassen Hintergrund ist er in schwarzer Kleidung mit Hosenträgern zu sehen, festgehalten im wahrsten Sinne des Wortes, während einer Bewegungsabfolge.

Angela Stauber, Fang mich, 2011, 110×130 cm, oil on canvas

Kleine Spielräume bewusst gestalten

Interview mit Angela Stauber

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

Die Malerei „Weltsicht“ zeigt einen Ausblick auf eine urbane Situation. Es herrscht eine malerische Spannung aus Definition und Auflösung vor. Die Welt, das viele da draußen, ist beobachtet und in der Malerei behutsam angedeutet, in Farbflächen und Atmosphäre übersetzt. Typisch für mein Werk ist, dass ich vom Sichtbaren ausgehe und die gesehene Situation in einen malerischen Moment umsetze. Darin spielt Gegensätzliches eine große Rolle: die Spannung zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, zwischen Innen und Außen. Speziell in diesem Bild finde ich die Fülle an Form und Farbe und damit einhergehend die räumliche Situation interessant. Hinter der fast schwarzen Blende öffnet sich eine weite Szene, ein Bildraum, der neben einem realen äußeren Raum auch einen inneren Zustand beschreibt – der Unsicherheit mit Heiterkeit, Hoffnung mit Vorsicht vereint.

Wie siehst du deine Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Die Pandemie stellt alle Menschen vor Herausforderungen, weil unsere Rahmenbedingungen im privaten wie öffentlichen Leben verschoben wurden. Manches sieht man dadurch sehr klar, anderes – vor allem immer wieder die Frage nach dem „Wie geht‘s weiter?“ – ist nicht zu beantworten und scheint verschwommen. Mehr denn je haben wir das Gefühl, nicht eingreifen zu können, macht- und handlungsunfähig zu sein. Die Arbeit „Weltsicht“ steht für mich dafür, dass wir so vieles nicht begreifen, fassen und erklären können, dass wir gleichzeitig aber den Wunsch nach Perspektive, gar Erlösung verspüren. Viele Stellen im Bild sind nicht definiert und spiegeln für mich dieses Nicht-Wissen-Können wider, aber die Farbsituation stellt eine Ausgewogenheit dar, die den Betrachter*innen zumindest eine Ahnung von einer Realität dahinter, ein Gefühl der Geborgenheit, Stimmigkeit, vielleicht auch Struktur vermittelt.

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit Deines Kollegen (der in einer anderen künstlerischen Sparte tätig ist)?

This Zogg und ich haben vor ein paar Jahren zusammengearbeitet: Er hat in meinem Atelier performt und ich habe ihn dabei gemalt. Er reagiert in seiner Arbeit auch auf Situationen, die er unmittelbar erlebt, greift sie auf und transformiert sie. Selbiges Vorgehen habe ich in der Malerei: Es sind Situationen, die ich vor Augen sehe. Sie sprechen zu mir, weil sie teils aktuelle Themen anticken.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Ich bin insgesamt wesentlich konzentrierter geworden. Durch die Einschränkung der Möglichkeiten gibt es natürlich auch weniger Ablenkungen. Die Situation im Lockdown zwingt mich ja dazu, die kleinen Spielräume bewusst zu gestalten. Gleichzeitig ist meine Zeit und sind auch meine Möglichkeiten, als Künstlerin zu arbeiten, deutlich eingeschränkt. Ausstellungen werden verschoben, die Planungsunsicherheit ist immens. Das ist die unangenehmste Veränderung und zermürbt auch langsam. Gleichzeitig bin ich den sozialen oder politischen Veränderungen gegenüber aufmerksamer geworden und lese deutlich mehr als vorher.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Das Erleben von Kunst trägt uns über Ort, Zeit und Festlegungen hinaus und ermöglicht darin eine innere Freiheit. Kunst trägt uns an einen Ort, an dem man sich anders und nicht minder wahr erlebt, als im Krisen-Alltag. Sie öffnet uns emotionale Unabhängigkeit, die nichts mit Resignation, sondern mit Reichtum und Schutz zu tun hat. Dass es immer mehrere Realitäten gibt, das kann uns Kunst zugänglich machen.

Angela Stauber, geb. 1977 in München, lebt und arbeitet nach einigen Arbeitsaufenthalten, u.a. 2015 bis 2016 in Großbritannien, wieder dort. Ihr Studium der Malerei und Grafik schloss sie 2005 an der Akademie der Bildenden Künste München bei Prof. Sean Scully als Meisterschülerin ab. Seitdem arbeitet sie überwiegend als Malerin, aber auch in ortsbezogenen Projekten im öffentlichen Raum. Ihre Werke wurden u.a. in der Staatsgalerie Stuttgart, auf der Messe Preview in Berlin oder mithilfe des Projektstipendiums der Stadt München im Stadtraum gezeigt.

www.angelastauber.de

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