Brigitte Schwacke / Tom Fährmann

tracks and traces, 2020/21, Bayern
Zeichnungen: 1. Block, Nr. 1 bis 11 von 60 Expl.
Büttenpapier, Grafit, je 43 x 30 cm
Video: 4:30 min, HD Stereo

Raum und Zeit fallen zusammen

Wie ist es möglich, im Raum zu zeichnen? Wie, das zeitliche Tun des Menschen beim Vorgang des Zeichnens auch in der dritten Dimension, dem Raum, dauerhaft abzubilden und erlebbar zu machen? Diese Fragestellung scheint sich wie ein roter, oder besser grafitfarbener Faden durch das künstlerische Schaffen der Bildhauerin und Zeichnerin Brigitte Schwacke zu ziehen. Meist mit grau legiertem Draht fertigt die Künstlerin Raumzeichnungen, die der vorübergehenden Erscheinung Dauerhaftigkeit verleihen und zugleich dauerhaft das Erscheinungshafte erlebbar machen. Brigitte Schwacke entwickelt dabei auch Methoden, mittels derer sich ebenso der Fortgang der Zeit unmittelbar abbilden lässt, wie auch die Spuren individuellen Lebens. So häkelt die Künstlerin etwa im Format der Industrienorm DIN Texturen aus Draht, bzw. lässt diese von anderen Personen häkeln. Durch die Beschaffenheit des Drahtes lassen sich bei der Anfertigung dieser Texturen „Fehler“ bzw. Unregelmäßigkeiten nicht vermeiden, und die individuelle Handschrift wie auch die „Tagesform“ sind trotz immer gleicher Vorgaben unmittelbar erkennbar. In der Phase des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 – nach einer Phase des Stillstands und gewisser Ratlosigkeit – entdeckte die Künstlerin die Möglichkeit, dass kleine Grafitklötzchen, umhüllt von einem Bogen Papier und montiert in einen tragbaren, flachen Karton, beim Gehen wie ein Seismograph die Erschütterung der Schritte und Bewegungen abbilden. So entstehen Aufzeichnungen über das Gehen im Raum, die durch die Individualität dieser Spuren – tracks and traces – auch eine Art grafische Tagebuchaufzeichnungen zu Wegen von bestimmter Länge, an bestimmten Tagen und in unterschiedlichen Landschaftsformationen darstellen. Durch den gesteuerten Zufall in dieser Anordnung ergeben sich grafisch äußerst dichte, vibrierende, spannungsvolle Blätter, die vom Pulsieren des Lebens auch in der Begrenzung erzählen. Das für viele Menschen im Lockdown als verbliebener Freiheitsraum so wichtig gewordene „Spazierengehen“ wird so in einen individuellen, künstlerischen Ausdruck transformiert, bei dem der Zufall integraler Bestandteil ist. Im Dialog mit Tom Fährmann, Professor für Bildgestaltung mit Schwerpunkt Kamera und Visual Effects an der Hochschule für Fernsehen und Film in München und Ehemann der Künstlerin, wurde den beiden bewusst, dass nicht nur die Papierbögen diese Arbeit ausmachen, sondern der Vorgang des Gehens des Menschen ebenso entscheidender Bestandteil ist. Als künstlerische Zusammenarbeit entstand so zu den Papierbögen eine Form filmischer Umsetzung des Vorgangs des Gehens: Der Kameramann bewegt sich unmittelbar neben der Künstlerin mit ihrem spurenaufzeichnenden Apparat, so dass der Eindruck entsteht, der/die Betrachter*in des Videos selbst erlebe dieses Gehen durch die Landschaft. Das Video in diesem Beitrag zeigt das Wandern im Frühjahr 2020 durch einen Wald in der Nähe des Starnberger Sees. Bei einem längeren Aufenthalt von Brigitte Schwacke und Tom Fährmann im Sommer 2020 auf Lanzarote sind dann weitere Blätter und Videoaufnahmen entstanden, die den völlig unterschiedlichen Charakter jener Landschaft widerspiegeln und im Beitrag von Tom Fährmann zu sehen sind. Die unmittelbare und reduzierte Bildsprache der Videos, mit ihrem kräftigen Schwarz-Weiß, stellt eine weitere Form der Abstraktion dar, die die Verwandlung des im Alltag Erlebten in ein künstlerisches Nachdenken über eben dieses erfahrbar macht.

(US)

 

 

Einlassen auf das Unbekannte, auf der Suche nach neuen Wegen

Interview mit Brigitte Schwacke

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

Tracks and traces ist eine Arbeit, die mich nun schon seit einem Jahr begleitet, in Bann schlägt und sich immer noch im Prozess befindet, weiterentwickelt. In einem experimentellen Versuchsfeld entsteht eine Werkgruppe aus Zeichnungen und Film, die das Spannungsverhältnis zwischen geplanter, absichtsvoller Einflussnahme und unvorhersehbaren, chaotischen Außeneinflüssen auslotet.

Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Begonnen im April 2020, in einer Zeit des Vakuums, einer Blase, im Stillstand entwickelte es sich, dass ich an vielen Tagen „spazierengehe“ – zuerst kleine und dann große Distanzen zurücklegte. Erst in der Umgebung meines Ateliers, auf dem alten Südfriedhof in München, dann – größere Kreise ziehend – weiter draußen im Wald und in entlegenen Teilen der Natur. Ich nehme ein Päckchen mit, das gefüllt ist mit Büttenpapier und Grafit. Jeder Schritt verursacht eine Erschütterung und hinterlässt einen Strich, eine Spur auf dem Papier, mit Überlagerungen und Verdichtungen. Mein Gehen schreibt sich ein, wird „Auf-zeichnung“, zum Zeitdokument. Raum und Zeit fallen zusammen, bilden Materie? Ich zeichne und zeichne nicht, eher installiere ich einen Prozess.

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deines Kollegen (der in einer anderen künstlerischen Sparte tätig ist)?

Nach den ersten Versuchsanordnungen wurde mir klar, dass auf der einen Seite die entstehenden Zeichnungen einen Block bilden werden, als abstraktes Bild der Wirklichkeit. In gemeinsamen Gesprächen und Überlegungen mit dem Kameramann Tom Fährmann kristallisierte sich eine weitere Dimension des Projektes heraus: Das Gehen und der Ton, den die schlagenden Grafitklötze verursachen, sollten Teil der Arbeit werden. Nachdem ich zu Anfang immer alleine unterwegs war, begleitet mich Tom jetzt mit Kamera und Tonaufnahmegerät. Zwei Blickwinkel ergänzen sich zu einer Arbeit, bereichern sich, halten Zwiesprache. Und so entstand ein erster Block in der Region Bayern, mit bisher 60 Zeichnungen und einem Film. Als sich dann im Sommer die Zeichen der Pandemie entspannten, traten Tom und ich die lang geplante Reise nach Lanzarote an. Die Kanaren fielen nicht unter eine Reisebeschränkung, es gab dort so gut wie keine Inzidenzfälle. Zwei Wochen nach Ankunft veränderte sich aber alles, in Deutschland wurden alle Flüge gestrichen, es gab keine Möglichkeit der Rückreise. Das Projekt ging in die nächste Phase. Das Gehen in der kargen, unwirklichen, lavaüberzogenen Landschaft erfüllte unsere Tage. Weitere Zeichnungen und ein Film entstanden. Rückreise im Oktober. Zurück in München: neue, weitere Beschränkungen. Das Projekt geht in die 3. Phase, hält mich am Leben.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Auch wenn ich als Künstlerin gelernt habe, in Krisen auch Chancen zu sehen, so ist die Pandemie eine Situation, die alles auf den Kopf gestellt hat. Auf die Bremse treten, Luft holen, Pause von einer sich ständig im Galopp überschlagenden Welt machen – Sorge und Ruhe zugleich. Aus Vorsicht und Rücksicht sind echte soziale Begegnungen nicht möglich, kultureller Austausch ist wie abgeschnitten, Ausstellungen wurden verschoben oder gar abgesagt. Funkstille. So ist es schön, dass diese Arbeit hier eine Plattform erhält. Trotzdem: Digital kann viel, doch brauchen wir auch sinnliche Erfahrungen und ein echtes Gegenüber.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Fragen stellen, auf der Suche bleiben, innere Freiheit bewahren. Kunst öffnet Räume, zwischenmenschlich, innerlich und gesellschaftlich, überführt Gedanken und Sinne in eine weitere Dimension. Sie ist unabdingbar und wesentlich. Es ist das Einlassen auf das Unbekannte, auf der Suche nach neuen Wegen. Krise hin, Krise her.

Brigitte Schwacke, geb. 1957 in Marl, lebt und arbeitet in München. Nach ihrem Studium an der Akademie der Bildenden Künste München, erhielt sie ein DAAD Stipendium für London an das Royal College of Art, war Research Assistant und Artist in Residence an der Slade School of Fine Art London und Assistentin am Lehrstuhl für Freie Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste München. 2009 erhielt sie den Lothar-Fischer-Preis für Bildhauerei. Seit 2017 ist sie Ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. In ihren Arbeiten erforscht die Künstlerin die raumbildende Kraft der Linie und lotet Grenzbereiche zwischen Wissenschaft und Natur, zwischen Geist und Materie aus.

www.brigitte-schwacke.com

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