Christian Schnurer / Paul Stebbings

Christian Schnurer ist ein im wahrsten Sinne des Wortes umtriebiger Künstler. Er ist unterwegs zwischen Tunesien, Kiew und der Insel Lesbos, betreibt gemeinsam mit anderen Künstler*innen in München die Halle 6 und setzt sich als Vorsitzender des Berufsverband Bildender Künstler Landesverband Bayern für verbesserte Rahmenbedingungen in der Kultur und Kreativwirtschaft ein.

“Jede einzelne dieser Schwimmwesten steht für das Schicksal eines Menschen“

 

Immer wieder ist es das ‚männliche‘ Objekt, wie Waffen, Automobile oder Flugzeuge, das in seinen skulpturalen Interventionen inszeniert wird. Durch eine neue Kontextualisierung stellt er absurde Verhaltensmuster der vor allem maskulin dominierten Welt in Frage.  Aufsehenerregend war 2013 seine Arbeit im öffentlichen Raum “Smell of revolution“: Ein ausgebranntes Fahrzeug aus Tunesien (Sidi Bouzid) parkte in der Maximilianstraße. Das abgestellte „Souvenir“ der Revolution konfrontierte auf der Flaniermeile Münchens die Öffentlichkeit mit einer Realität jenseits von Konsum und Kommerz.   ‚Salva Vida‘ ist ein Projekt, das Christian Schnurer nun bereits seit 2016 begleitet, dem Jahr als er mit einem Hilfstransport nach Lesbos fuhr. Auf dem Rückweg brachte er 4.000 Schwimmwesten von Geflüchteten mit, um diese an verschiedenen Orten im öffentlichen Raum zu ‚(de)platzieren‘. Ähnlich wie bei “Smell of revolution“ wird die furchtbare Realität, die wir nur über flimmernde Bildschirme „kennen“ (be-)greifbar. Jede einzelne dieser Schwimmwesten steht für das Schicksal eines Menschen, dessen Angst um sein Leben und die Hoffnung auf Rettung. Für den Kreuzweg der Asphaltkapelle Etsdorf entsteht seit 2009 jährlich ein neues Künstlerkreuz. 2020 wurde dort Christian Schnurers „Salva Vida Feldkreuz“ eingeweiht. Gestaltungsgrundlage ist eine Kinderschwimmweste, die über ein Kreuz gezogen zusammen mit diesem in Blei abgegossen wird. Das Material lässt an die vielen Menschen, ob jung oder alt, denken, deren Körper im Mittelmeer wie Blei untergegangen sind. Ein neuer Schmerzensmann – ein Schmerzenskind? Trotz einer sich der christlichen Nächstenliebe rühmenden Gesellschaft an den Küsten, werden die wenigsten aktiv, um dieser sich Tag für Tag wiederholenden Tragödie Einhalt zu gebieten. Christian Schnurer lernte den Regisseur Paul Stebbings über die Halle 6 kennen. Das Theaterprojekt „My Sister Syria“ bearbeitet ein gemeinsames Thema und Christian Schnurer begleitete die Ausstattung des Stückes, die in der Installation ‚Salva Vida‘-Mauer für das Leo 17, München, gipfelte.

(BM)

 

Die internationale Freizügigkeit ist eingeschränkt

Interview mit Christian Schnurer

 

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

„Salva Vida“ ist ein Projekt, das ich seit 2015 verfolge. Beginnend mit der Gründung einer Hilfsaktion für die Geretteten auf Lesbos, dem Export von Hilfsgütern auf die Insel und dem Import von 10.000 gebrauchten Schwimmwesten nach Deutschland, ist es gemündet in eine Reihe von Installationen im öffentlichen Raum. „Salva Vida“ steht in einer langen thematischen Tradition zu grenzüberschreitenden Erlebnissen, internationalen Konflikten und Beziehungen, Erfahrungen von Gefahr und Rettung, Zeitgeschichte und Zivilisationskritik. Es scheint mir eine Zusammenführung der verschiedenen Linien meines Oeuvres zu sein und der Schritt heraus aus der „Kunst – Kunst“ Blase in den realpolitischen Raum.

Wie siehst du deine Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Die Pandemie hat die Beschränktheit unseres Weltbildes maximal offengelegt: Dass die Haltung der westlichen Welt, mit ihrer vermeintlichen Überlegenheit als freiheitlich demokratische Grundordnung, nur die persönlichen Bedürfnisse und Existenzängste bedient. Bei allem Verständnis für die psychologischen Belastungen, denen der einzelne gerade ausgesetzt ist, ist es für mich unverständlich, wie begrenzt die Empathie und Hilfsbereitschaft für deutlich prekärere menschliche Existenzen in Europa ist. Eine Offenbarung war der Brand von Moria vor Beginn des „Lockdown-Light“ und die Weigerung der europäischen Staatengemeinschaft, die Evakuierung von 1000 Kindern in „Sichere Häfen“ zuzulassen. Die Kommunen waren zur Aufnahme bereit, doch die nationale Ebene hat dies aufgrund der europäischen Staatsraison verhindert. Erschreckend ist besonders, dass christliche und konservative Kreise, die sich auf die Fahne schreiben, die abendländische Kultur zu schützen, die treibenden Kräfte hinter dieser unterlassenen Hilfeleistung sind.

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deines Kollegen (der in einer anderen künstlerischen Sparte tätig ist)?

Paul Stebbings hat in vierzig Jahren Theaterarbeit internationale Verständigung, Zusammenarbeit und Kulturaustausch betrieben. Wir bewegen uns im internationalen Raum und leben die Idee des Kulturaustausches mit politischer Einflussnahme. Mit dem Stück „MY SISTER SYRIA“ haben wir ein gemeinsames Thema bearbeitet und ein gemeinsames Projekt realisiert. Die Unterstützung der Probearbeiten und der Ausstattung war der Beginn einer wunderbaren künstlerischen Freundschaft und gipfelte in der Installation der „Salva Vida Mauer“ anlässlich der Uraufführung. Wir haben damit eine Verbindung zwischen Bildender Kunst und Theater gefunden, die die Bühne hinaus in den öffentlichen Raum erweitert hat.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Im letzten Jahr hat ein Rückzug ins Private stattgefunden, der fundamental die Basis einer offenen Weltgesellschaft beschädigt hat. Die internationale Freizügigkeit ist eingeschränkt, der Kulturaustausch kann nicht aufrechterhalten werden. Entsprechend macht sich Fremdenfeindlichkeit breit, befördert durch Angst vor einer Krankheit, die „Fremde“ einschleppen. Es wird ein langer Weg sein, diese Angst zu vertreiben.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Kunst kann eingreifen ins tatsächliche Weltgeschehen und einen Rettungsversuch unternehmen, in vollem Bewusstsein der Begrenztheit der Mittel. Sie ist der Beweis, dass der einzelne nur aufgrund seiner Vorstellungskraft mächtig genug sein kann, die Welt zu bewegen. Ideen, die einmal Gestalt angenommen haben, sind in der Regel nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Der gerne belächelte, manchmal hilflose Versuch, ins Räderwerk der Weltpolitik und der Geschichte einzugreifen, ist für mich weit mehr als ein „Aufmerksammachen“ oder „Kommentieren“ zur Schaffung eines anderen „Bewusstseins“ beim Publikum. Es ist eine Selbstermächtigung in klarer Opposition zu den politischen Gegebenheiten, mit dem Ziel, mein Weltbild als Europäer, Christ und Kosmopolit Realität werden zu lassen.

 

Christian Schnurer, geb. 1971 in Schwandorf/ Bayern, lebt und arbeitet in München. Nach dem Studium der Malerei und Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste München bei Prof. Reineking, gründete Christian Schnurer 1998 die Ateliergemeinschaft Mixküche und 2010 das spartenübergreifende Künstlerhaus Halle6. 2010 erhält er den Staatspreis für Bildende Kunst der Bayerischen Staatsregierung und 2018 den Kunstpreis Bayern, Bayernwerk AG. Schnurer arbeitet als politischer Künstler und Kulturmanager und realisiert international Projekte im öffentlichen Raum.

www.christian-schnurer.de

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