Christoph Lammers / Stefan Kling
Briefe on Air, 2021
Graphit, Papier, Klavier, Geräusche
Video, 8,47 min

„Eine Möglichkeit, über die Distanz von mehreren 100 Kilometern miteinander zu kommunizieren“

Der Stift des Zeichners ist über seine Hand verbunden mit seinem Wollen und seinem Empfinden – in jahrelang angeeigneter spontaner Virtuosität bildet Christoph Lammers zeichnend Spuren der sensibilisierten Wahrnehmung und der inneren Berührung ab. Das Skizzenbuch ist immer dabei und verbindet den Staub des Kohlestiftes mit dem Staub des Bodens, auf dem der Künstler das Buch aus einem plötzlichen Impuls heraus unmittelbar bearbeitet.
Die geradezu körperliche Verbundenheit mit den Materialien seines Tuns – der durch das Feuer gewonnenen Holzkohle, der Kreide, dem Farbeimer, dem Pinsel – und mit dem Raum, der ihn umgibt, hat den Künstler dazu gebracht, immer mehr im Raum zu zeichnen: mit der Hand, mit dem ganzen Körper… Zeichenperformances entstehen, in denen dieses intime Zusammenspiel darüber hinaus in Dialog tritt mit den Bewegungen einer Tänzerin oder den Improvisationen eines Musikers und die Anwesenden mit einbezieht in diesen vielschichtigen Wahrnehmungs- und Dialograum, in dem erlebbar wird, wie Dinge und Wesen innerlich verbunden sein können und sind.

Für Kunst-Netz-Werk trat Christoph Lammers von München aus über die Distanz von mehreren hundert Kilometern per Telefon und Mail in Kontakt mit dem Musiker Stefan Kling in Rotenburg an der Fulda, und sie entwickelten ein gemeinsames Konzept – bisher hatten sie ein einziges Mal, im Jahr 2015 bei einer Live-Performance, zusammengewirkt: „Konzept ‚BRIEFE ON AIR‘ von Christoph Lammers / Stefan Kling.

Vorgeschichte: Im Jahr 2015 hatten wir uns in der Michaeliskirche in Erfurt für die Live-Performance ‚Kalymma – vom Verhüllen und Enthüllen‘ getroffen. Eine Performance über drei Stunden vor Publikum. Auf einer 6 x 3 Meter großen Leinwand im Raum, die den Altar komplett verdeckte, entstand aus Ton, Klang, Musik, Kohle, Tusche, Wachs, Wasser, Zeichnung ein Stück, ein Bild, ein Erlebnis. Es ging um das Hören und Sehen, die Linie und den Ton. Es ging um Intuition und Vertrauen. Um Dialog und Auseinandersetzung und das Zusammenspiel zweier Menschen.

Jetzt im Jahr 2021: Sechs Jahre später treffen wir uns wieder. Aber dieses Mal können wir uns nicht persönlich sehen. Wir haben eine Möglichkeit gesucht, über die Distanz von mehreren 100 Kilometern miteinander zu kommunizieren. Und in einen künstlerischen Prozess zu treten. Wie können wir in Kontakt sein? Wie können wir berühren? Wir schreiben uns Briefe in einer anderen Form. Wir setzen in unseren Briefen unsere künstlerischen Mittel und Ausdrucksmöglichkeiten ein.

Christoph Lammers: Zeichnung, Linie
Stefan Kling: Ton, Geräusch, Klang, Melodie, Musik

Spielregeln über den Zeitraum von 7 Tagen:
– Wir legen ein Zeitfenster für die Briefe fest, z.B. von 9 bis 13 Uhr oder auch den ganzen Tag.
– Ein Anruf im Zeitfenster ist der Start für beide, den Brief zu beginnen.
– Wir bestimmen die Länge der Briefe (zwischen 10 Min und 30 Sek).
– Wir filmen uns selbst dabei oder nehmen eine Audioaufnahme auf.
– Wir schicken uns den jeweiligen Brief über das Internet noch am gleichen Tag zu.
– Wir legen die beiden Briefe übereinander und schauen, was passiert.
– Wir nehmen uns Zeit füreinander.
– Wir vertrauen dem Moment.

Das „Übereinanderlegen der Briefe“ im Nachhinein im Studio funktionierte erstaunlich organisch: Tatsächlich wurde die zeitgleich, im Gedanken an den anderen entstandene Bild- und Klangspur unmittelbar übereinander gelegt und es war stimmig. Später wurde diese verknüpfte Bild-Ton-Spur für das Video ‚BRIEFE ON AIR‘ entsprechend einzelner Tage geschnitten und verbunden durch das Motiv der Hände rund um den Küchentisch von Christoph Lammers. Das intuitive Zusammenspiel auf die Entfernung brauchte keine korrigierenden Eingriffe mehr – unmittelbar und offen, wie ein gemeinsames künstlerisches Improvisieren vor Ort, oder wie ein tatsächliches Gespräch am Küchentisch…

„Ein Ort, wo man sich trifft, zusammensitzt, sich austauscht, zusammen isst, miteinander spricht, debattiert. Ein Treffpunkt.“(Christoph Lammers)

In den Filmsequenzen mit dem Tisch sieht man meist nur meine Hände und Arme. Ich umkreise den Tisch, die Linie der Körperteile, Arme und Hände… Dies verbindet, überschneidet sich in der Zeichnung auf dem Papier. Und am Schluss sieht man die Zeichnung, die Linien, die sich überschneiden, berühren, erkennt vielleicht die Hände und Arme… und vielleicht saßen ja doch mehr Menschen mit am Tisch…

Die Hände sind oft präsent in unserer Arbeit. Zuerst hatten wir unser Projekt auch ‚Hände‘ genannt. Was machen wir mit unseren Händen? Wo ist Berührung? Was berühren sie?

Wir selbst, Stefan und ich, brauchen sie, um unserer Kreativität Ausdruck zu verleihen. Sie halten den Stift, wenn ich zeichne, die Finger wischen Pigment über das Papier. Ich greife mit ihnen nach den Materialien.

Stefans Hände legen sich auf die Tasten. Durch sie erzeugt er Töne, Klänge, eine Melodie, eine Symphonie. Er spielt das Instrument, das Klavier, die Percussion, zupft die Saiten im Flügel, raschelt mit Papier, klopft den Rhythmus auf dem Tisch.

Es ist ein Abenteuer, zusammen eine Bühne zu betreten.

Interview mit Christoph Lammers

 

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

Ich bin Zeichner. Seit zehn Jahren öffne ich die Zeichnung in den Raum. Im Austausch mit Künstlern anderer Bereiche (Musik, Tanz, Pflanzen…) entwickeln sich künstlerische Dialoge zwischen 15 Minuten und 8 Stunden, live vor Publikum.

Mit dem Pianisten und Musiker Stefan Kling habe ich mich das letzte Mal 2015 in Erfurt getroffen. Wir sind dort gemeinsam in der Michaeliskirche aufgetreten, haben vor Ort das Stück ‚Kalymma – Vom Verhüllen und Enthüllen‘ über 3 Stunden vor Publikum live entstehen lassen. Genau hier knüpft das aktuelle Projekt / Performance ‚Briefe on Air‘ mit Stefan Kling an.

Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Es ist ein Abenteuer, zusammen eine Bühne zu betreten. Stefan Kling und ich betreten einen Raum. Doch dieses Mal ist es ein anderer Raum. Wir sind hunderte Kilometer getrennt an verschiedenen Orten. Und treffen uns doch in einem gemeinsamen Raum: unserer Vorstellung. Zu wissen, dass jemand zum gleichen Zeitpunkt an Dich denkt, kreativ etwas tut und diesen Prozess mit Dir teilt, erzeugt eine Verbindung, die mich immer wieder überrascht hat. Das sichtbare Ergebnis ist eine filmische Collage aus Bildern und Tönen.

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deines Kollegen?

Wir haben die gleichzeitig entstandenen Stücke – meine Videos beim Zeichnen und Stefans Tonaufnahmen – übereinandergelegt. Mich hat überrascht, wie Bild und Ton ineinander gehen. Das Rascheln der Kohle. Das Verzögern von Klavierklängen, wenn der Stift das Blatt noch nicht berührt. Ein Klackern im Rhythmus, bei einem auf den Boden fallenden Bündel Stifte. Als hätten wir nebeneinander gestanden. Als hätten wir gesehen, was der andere tut. Das Zusammenspiel war eine Freude. Es war von Offenheit und Begeisterung am künstlerischen Experiment geprägt. Seine Virtuosität, mit Tönen, Klang, Melodien umzugehen, hat eine große Leichtigkeit, die ich bewundere.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Ich vermisse den direkten spontanen Austausch mit anderen Menschen. Manche Kontakte sind verschwunden. Andere haben sich intensiviert, z.B. zu einer Freundin in San Francisco, Emily. Sie ist Schauspielerin, Künstlerin, Sängerin. Seit dem Lookdown vor einem Jahr zoomen wir fast jeden Sonntag. Es ist schon fast wie ein Ritual, dass uns beiden auch hilft, über diese Zeit zu kommen. Das viele Digitale ermüdet mich auch, aber ich sehe die Möglichkeiten. Ich gebe seit letztem Jahr Online-Zeichenkurse beim Atelierprojekt München. Ich versuche, mit den Möglichkeiten zu spielen, den Teilnehmern einen Raum anzubieten – einen Freiraum, Verbindungen herzustellen aus Zeichenübungen, einem Thema, einer Geschichte. und die Kraft des kreativen Tuns zu vermitteln. Immer wieder lade ich Überraschungsgäste dazu ein. Ich merke, dass es Freude macht. Das hätte ich mir früher nie vorstellen können. Und deshalb sind Projekte wie das ‚Kunstnetzwerk.online‘ so wichtig, und ich möchte an dieser Stelle den drei Initiatoren Benita Meißner, Ulrich Schäfert und Helmut Braun danken für den Impuls, den sie mir gegeben haben.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Kunst kann Halt geben. Für mich persönlich war es die tägliche Suche nach Orten der Natur in der Stadt am frühen Morgen, unter einem blühenden Baum am Südfriedhof zu stehen und zu zeichnen.

Christoph Lammers, geb. 1969 in Heidelberg, lebt und arbeitet in München und studierte dort an der Akademie der Bildenden Künste. Er ist Zeichner und beschäftigt sich mit dem Klang der Linie auf Papier und im Raum. Lammers schöpft aus der Natur, schreibt und verlässt zeichnerisch sicheres Terrain. Seit 2011 sammelt er Erfahrungen im performativen Zeichnen bei Live-Auftritten in Kooperationen mit Musikern und Tänzern. Auf der Suche nach der Kraft reiste er in die Stadsgalerij Breda in Holland, ins mexikanische Hochland und an den Kochelsee.

www.christophlammers.com

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