Cristina Ohlmer/ Maria Cristina Tangorra

SCOPRIRE / ENTDECKEN

Viele Dinge passieren, manche warten darauf, gefunden zu sein. Cristina Ohlmer und Maria Cristina Tangorra erkunden / entdecken mit unterschiedlichen Medien das menschliche Verlangen nach Glück als die große Sehnsucht des Lebens – die Suche nach Zugehörigkeit und Werten.
Ist Glück ein Versprechen für den Auserwählten? Hat Glück mit dem Willen zu tun? Was stillt unsere Sehnsucht nach Identität? Gibt es Orte der Sehnsucht, die in allen Kulturen zu finden sind, an denen Erfahrungen des Überirdischen möglich sind?

Scoprire, eine Film Performance, Sabbia d‘ oro Brebbia, Lago Maggiore 2016

Cristina Ohlmer findet am Strand den Ort, der ihre Sehnsucht stillt.

Die Künstlerin gibt mit ihrer Filmperformance ein Beispiel: Sie selbst ist am Werk. Mit einem Strohbesen kehrt sie. In aller Ruhe. In aller Herrgottsfrühe. Sie fegt am Strand Sand weg. Schritt – Besenstrich. Stück für Stück. Welchen Sinn soll das machen? Sie fegt tatsächlich. Sie bleibt dran. Im übertragenen Sinn geht es um Zeit der Reflexion, geht es um Suche nach Glück – im Sand des Alltags. Die fegende Person ist ein Symbol für Fleiß, für Erarbeitung, für das Sich-etwas-Verdienen. Sie ist sich nicht zu schade. In demütiger Haltung, in der Haltung der Einfachheit. Gleichmaß, Kontinuität, Ausdauer bringen Ordnung ins Leben. Da! Das Unerwartete! Sie findet Gold. Sie findet Glück. Das leuchtende Gold ist der Mühe Lohn. Die Performance von Cristina Ohlmer zeigt eine Auseinandersetzung mit sich selbst, mit der Landschaft und der im Prozess verstreichenden Zeit. Ein ENTDECKEN in mehrfacher Hinsicht.

(Zu Gast im Team Kunst-Netz-Werk: Dr. Katharina Seifert
Referat Kunst, Kultur, Kirche, Erzdiözese Freiburg)

 

Akrobatin über Wirklichkeitsgründen

Interview mit Cristina Ohlmer

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an

In meiner künstlerischen Praxis beschäftige ich mich mit Flüchtigkeit und Transparenz. Dann – in einer „Reflexion“, als das gebündelte Spektrum seiner Bedeutungen, als ein System von Licht- und Gedankenbrechung – setzen die künstlerischen Untersuchungen ein. Als Grenzgängerin zwischen unterschiedlichsten Medien und Kulturen erforsche ich elementare Dinge: die „Dehnbarkeit der Zeit“ und deren Fragilität,Erscheinen und Verlöschen, Licht und Raum, Zeichnung und Inszenierung. Dafür bilde ich Zusammenhänge, beobachte den Menschen und die Welt – was sich als essentiell erweist. Die Filmperformance ‚Scoprire‘ ist ein Ergebnis dieser Reflexion.

Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie

Interessanterweise ist die Arbeit 2016 entstanden, als niemand eine Pandemie nur ahnte. Aber in jener Zeit gab es ebenso Unruhen im Weltgeschehen, u.a. die Flüchtlingskrise. Die Nachrichten über gestrandete Flüchtlinge im Süden Europas waren ein deutliches Zeichen: Menschen, die ausziehen mussten, um woanders das Glück zu suchen (ihr Leben zu retten), das andere Land – ein Versprechen. Scoprire, „im Alltäglichen ein Stück Gold entdecken“, ist ein zeitloses Bild für den Menschen in seinem Streben und Sehnen. Das ist wesentlich – so gilt die Arbeit auch im Hinblick auf die Pandemie. Man muss ein wenig den Standpunkt verschieben. Schon entstehen Assoziationen zur aktuellen Situation während des Betrachtens der fast meditativ gestalteten Filmperformance: Als was erkennen wir Freiheit? Was sind Werte? Was haben wir aus den Augen verloren? Wie sollen wir mit unserer Umwelt umgehen, damit sie uns guten Aufenthalt bietet? In schwierigen Zeiten können wir lernen, unser Bewusstsein zu schärfen. Die Welt ist durch uns aus der Balance geraten – das zeigt die Pandemie.

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deiner Kollegin (die in einer anderen künstlerischen Sparte tätig ist)?
Das Besondere an unserem Dialog ist unsere künstlerisch große Unterschiedlichkeit, die aber inhaltlich wesensähnlichen Inhalten nachspürt, sich im Austausch ergänzt und bereichert. Speziell in unserem Fall kommt eine gewisse „Beheimatung“ dazu: ich bin als Deutsche in Italien geboren und aufgewachsen, Maria Cristina ist eine Italienerin, die in Deutschland ihren Lebensstandort gefunden hat. Italien ist ein uns verbindender gemeinsamer Nenner, der auch Emotionalität, Charakter und Sozialisierung mit bestimmt – wir haben eine „übernationale Doppel-Heimat“ als einen uns verbindenden Geheimcode. In gemeinsamen Projekten können wir ein Thema von verschiedenen Standpunkten reflektieren. Für Interessierte bietet sich die Möglichkeit, verschiedene Perspektiven einzunehmen. Das ist der Sinn: Sehgewohnheiten erweitern. In einem Spektrum aufzeigen, wie frei wir in unserem Beruf mit Begriffen, Dingen und Werten auf konstruktive Weise umgehen und verwirklichen können (Film/Bild/usw.).

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Hauptsächlich habe ich über den Begriff der Freiheit nachgedacht. Verblüffend, das erste Mal im Leben eine PAN-Sache zu erfahren, die alleMenschen betrifft, egal welche Nationalität, Hautfarbe, Religion, Bildung, arm oder reich… Reisen und Grenzen neu ausloten, die Lieben sind das größte Gut. Und ein Atelier, in dem die Arbeit in grenzenlose Weite führt, mehr nach Innen als nach Außen – als „Akrobatin über Wirklichkeitsgründen“ verliert man und findet Gold: Das Atelier als ein bestehend gutes Gebiet: Wie selbstverständlich wir alles genommen haben! Es ist so deutlich, wie zerbrechlich alles ist.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Kunst ist eine zauberähnliche Art von Seelenpflege. Kunst als Verwandlerin des Sichtbaren, wie des Unsichtbaren spiegelt wider, zeigt, was war, was ist oder sein kann – als ästhetische Reflexion. Trost und Vision.

 

 

Cristina Ohlmer, geboren 1960 in Varese, Italien, lebt und arbeitet in Freiburg i. Br. Ihre Bilder tanzen auf der Grenze zwischen Erscheinen und Verlöschen: Licht und Raum, Zeichnung und Inszenierung. Interdisziplinäre Tanz- und Theaterprojekte sind neben ihrer Ausstellungstätigkeit Teil ihres internationalen Schaffens. Seit 2010 ist sieDozentin der Kunstschule Offenburg und deren Sommerakademie der Künste Ecole Supérieure des Arts Strasbourg/Offenburg. Seit 2016 engagiert sie sich in Kunstprojekten an Schulen und in Flüchtlingswohnheimen mit freie landesakademie kunst freiburg. Sie erhielt renommierte Stipendien und Preise.

www.cristinaohlmer.de

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

Antworten

© 2021         Impressum         Datenschutz