Ena Oppenheimer / Mark Polscher

Ena Oppenheimer ‚DARK MATTER XI‘, 2018 Öl auf Leinwand 150 x 200 cm Foto: Alina Janousch VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Permanente Zwischenräume

Ena Oppenheimers Arbeiten aus der Serie ‚DARK MATTER‘ haben etwas mit dem Nicht-Sichtbaren, Nicht-Wahrnehmbaren zu tun. Mit dem Bereich unverfügbarer Räume und Erfahrungen. Mit Materie, die für den Menschen in ihrer Immanenz nicht erfahrbar oder erlebbar ist. Neben den wissenschaftlichen Thesen, dass es sich bei nicht wahrnehmbarer Materie, sogenannter dunkler Materie, um etwa 85 Prozent der materiellen Wirklichkeit handelt, geht es auch um menschliche Ahnungen, dass es eine Materie hinter der Materie gibt. Dass es eine Welt hinter der Welt gibt.

Den Punkt zu finden, der eine gewisse Berührung, Verbindung oder gar Durchdringung zwischen dem Wahrnehmbaren und dem Dahinter darstellt, ist eines der Anliegen des künstlerischen Werks von Ena Oppenheimer. In ihren Werken werden Zwischenräume, Grenzen, Spalten, aber auch Berührungen, Verbindungen und Zusammenschlüsse gesucht. Es sind künstlerische Versuche über die Möglichkeit, Zugang zur Welt hinter der Welt zu finden. Vielleicht sind es die Zwischenräume zwischen Immanenz und Transzendenz. Dabei ist der Künstlerin vollkommen klar, dass sich alle Zwischenräume ständig verändern. So geht es immer um eine momentane Versinnlichung der Zwischenräume und um ein sinnliches Sichtbarmachen des Dazwischen in der Gegenwart.

Die lauten Töne, die ich nicht höre, die Formen, die ich nicht sehe. Ein Musiker der Zwischenräume begegnet einer Malerin des Unsichtbaren.

(HB)

Ena Oppenheimer, ‚DARK MATTER XX‘, 2020, Öl auf Leinwand, 120 x 120 cm, Foto: Ena Oppenheimer, VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Ena Oppenheimer, ‚DARK MATTER XIV‘, 2019, Öl auf Leinwand, 150 x 200 cm, Foto: Ena Oppenheimer, VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

„Die Form hat eine fundamentalere Bedeutung als die Materie. Am Anfang gibt es nur Verbundenheit und nichts, was verbunden ist.“ Prof. Dr. Hans-Peter Dürr – Gespräch zur Quantenphysik (2002)

Mein künstlerischer Ansatz befindet sich am Schnittpunkt zwischen Kunst und Wissenschaft. Ich interessiere mich für die unsichtbaren Bereiche, die der Mensch durch die Wissenschaft erforscht, die aber durch die Sinne nicht erreicht werden können. Ich arbeite daran, malerisch zu ergründen, wie die lebendige Wirklichkeit und die Oberfläche der Dinge beschaffen sind, und möchte ihre immaterielle Seite spürbar werden lassen. Schnitte durch die physische Realität geben den Blick frei auf eine Wirklichkeit dahinter, die für den Menschen immer ein Mysterium bleibt. Die hier gezeigte Serie heißt ‚DARK MATTER‘. Ich hatte sie 2018/19 als Publicart-Aktion im Großraum München gezeigt. Die Motive tauchten in unregelmäßigen Abständen auf Plakatwänden auf und verschwanden nach ein paar Tagen wieder. Ein kurzes Aufblitzen einer unbekannten Welt. Dunkle Materie oder auch unsichtbare Materie, „The Invisible“ genannt, ist ein Phänomen aus der Kosmologie. Ein wissenschaftliches Rätsel, das besagt, dass die vom Menschen wahrnehmbare Materie nur einen kleinen Teil der gesamten Materie ausmacht – dass 85% der Gesamtmaterie „dunkle Materie“ ist. Der größte Teil der materiellen Welt ist also für den Menschen unsichtbar und auch sonst nicht über unsere Sinne wahrnehmbar. Wir haben es mit einer Wirklichkeit zu tun, die auf einer Theorie basiert, auf Hinweisen, die wir über Messungen im Weltraum und Berechnungen erhalten. Was ist die Wirklichkeit und wo steckt die Poesie in den Antworten der Wissenschaft auf diese unlösbare Frage? Wenn die materielle Realität eigentlich vor allem aus Zwischenräumen besteht, dann öffnen sich unermessliche, unendliche, unbekannte Räume. Meine Arbeiten zeigen Formen, die man nicht zuordnen kann. Ich möchte Räume öffnen, wo vorher keine waren. Ich beziehe mich auf etwas Größeres, ohne dass man sehen kann, was dieses Größere als Ganzes sein könnte. Es bleibt rätselhaft.

Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

‚DARK MATTER‘ ist eine Erinnerung daran, dass die Wirklichkeit ungewiss ist und viel größer, als wir denken. Ich glaube, wir erkennen gerade erst, dass wir uns in einem permanenten Zwischenzustand befinden. Die Erkenntnis, dass sich alles verändert, rätselhaft ist. Nicht zu kontrollieren. Normalerweise fällt uns das nicht auf, aber jetzt ist es überdeutlich sichtbar. Das interessiert mich. Und ich würde mir wünschen, dass ich im Ungewissen Sehen lerne, ohne mich bedroht zu fühlen. Das Spielerische im Ungewissen. Die Schönheit. Die Möglichkeiten. Richtig oder falsch sind konstruierte Kategorien, die als Haltung nicht gut funktionieren. Die Intention, die ich den Dingen gegenüber habe, kreiert die persönliche Wirklichkeit. Ich möchte gerne den Blick weicher machen. Die Verhärtungen lösen und die Räume öffnen.

ENA OPPENHEIMER, ‚DARK MATTER‘ // PICTURING THE UNSEEN, 04/2018-04/2019, München
Publicartprojekt gefördert von der Hoffmann City Media GmbH, ihres Online-Buchungsportals m-plakat.de, Staudigl-Druck und Freie Radikale
Fotos: Ena Oppenheimer

 

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deines Kollegen (der in einer anderen künstlerischen Sparte tätig ist)?

Die Zwischenräume, das Unsichtbare, das sind die Themenbereiche, wo sich Mark Polschers und meine Arbeit überschneiden. Die lauten Töne, die ich nicht höre, die Formen, die ich nicht sehe. Man könnte sagen, uns verbindet das Nichts. Wir betrachten es von unterschiedlichen Standpunkten her. Verrückt war, als wir uns kennenlernten und Mark mir von seinen Kompositionsskizzen erzählte. Da war ich neugierig geworden. Er schickte mir eine Skizze und es war evident: Er komponiert ja so, wie ich male! Die Hintergrundstrahlung, die wir heute noch messen können, ging ursprünglich aus einer Explosion des Urknalls hervor. Der Urknall. Ein Klang und dann die Ausdehnung des Universums als materielle Wirklichkeit, deren Bewegungsimpuls noch heute andauert und als Strahlung gemessen werden kann. So verbinden sich Form und Zwischenräume und Klang. Und die dunkle Materie ist Teil dieses Werdens im Universum. Die Natur kommuniziert über eine Sprache der Formen. Und damit meine ich auch gedachte Formen oder gehörte. Es ist eine Sprachebene, die sehr einfachen Gesetzen folgt und gleichzeitig wahrscheinlich weit über die Fähigkeiten der menschlichen Kognition hinausgeht. Da spürt man eine Kraft, die sich künstlerisch nutzen lässt. Wir sind über dieses Projekt zusammengekommen und loten gerade aus, welche Möglichkeiten wir für künftige Projekte miteinander haben. Räume ohne Wände. Ich denke, das könnte interessant werden. Wir sprechen dieselbe Sprache.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Ich habe mich noch mehr auf meine Instinkte verlagert. Ich arbeite intuitiver und versuche mehr, geschehen zu lassen. Auch die Brüche zuzulassen. Es ist eine sehr intensive und konzentrierte Zeit für mich. Wahrscheinlich sind wir jetzt alle schrulliger geworden, als wir vorher sowieso schon waren. Und die Begegnungen werden intensiver. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Das, was Kunst immer kann. Den Geist von seinen selbstgemachten Begrenzungen befreien. Sehen lernen. Die Kunst geht mit einer ergebnisoffenen Haltung zu den Prozessen vor. Ein Künstler ist bereit, neue Wege auszuprobieren und Fehler zu machen. Das finde ich einen sehr wichtigen Aspekt für die Kunst, gerade jetzt. Dass ich auszuhalten lerne, dass ich mit Veränderungen der Welt konfrontiert bin und nun damit umgehen muss. Ich habe wenig Einfluss auf diese Veränderungen, auf meine Einstellung dazu aber schon. Dann wird es interessant. Und das ist in einer Krise noch viel wichtiger als sonst.

Und da fällt mir gerade ein schöner Schlusssatz ein: Es endet vorsichtig. Das wäre doch auch ein Anfang.

Ena Oppenheimer studierte bei Prof. Heinz Edelmann und Prof. Niklaus Troxler an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Ihre Arbeiten beschäftigen sich mit der Frage, wie die Malerei die unsichtbaren Bereiche der Wirklichkeit berühren kann. In der Beschäftigung mit wissenschaftlichen Themen und der Zusammenarbeit mit Personen aus anderen Disziplinen (z.B. 2014-2018 Researcharbeit mit Prof. Dr. Sackmann, Biophysiker / LMU München) forscht sie daran, wie die lebendige Wirklichkeit und die Oberfläche der Dinge beschaffen ist und versucht, über die Kunst die immaterielle Seite der Wirklichkeit spürbar werden zu lassen.

Ena Oppenheimer lebt und arbeitet in München.

www.enaoppenheimer.de

 

 

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

Antworten

© 2021         Impressum         Datenschutz