Federico Delfrati / Judith Neunhäuserer

 

Federico Delfrati
The girl who flew into space from her garden, 2020
Song aus dem Album
„Beresheet, eine musikalische Erzählung in fünf Akten“

Das Album Beresheet wurde in Zusammenarbeit mit Judith Bodendörfer (Stimme) produziert und dank Kritik und Unterstützung der Künstlerkolleg*innen Claudio Matthias Bertolini, Fabian Feichter, Judith Neunhäuserer und Paula Leal Olloqui.

all the pines wave gently through the breeze

Im April 2019 sollte die israelische Sonde „Beresheet“ auf dem Mond  in der Zone, die „Mare Serenitatis“ genannt wird, landen. Doch die Mission misslang und das Mondlandefahrzeug zerschellte auf der Mondoberfläche. An Bord befand sich eine Zeitkapsel der gemeinnützigen Arch Mission Foundation, die auf dem Mond ein „Backup des Planeten Erde“ erstellen will: Neben einem DVD-großen Archiv mit 30 Millionen Seiten an Informationen über die Erde und menschlichen DNA-Proben enthielt die Kapsel auch Tausende Tardigrada-Exemplare „Bärtierchen“. Haben diese extrem anpassungsfähigen Wesen die unsanfte Landung überlebt?

Das Lied Das Mädchen, das aus seinem Garten in den Weltraum flog (oder, als sie wirklich aus einer schwierigen Situation herauskommen wollten) ist Teil einer musikalischen Erzählung die fünf emotionale Möglichkeiten im Umgang mit solchen förmlich ungreifbaren katastrophalen Realitäten beschreibt. Der Bogen spannt sich von Verzweiflung über Wut und Resignation bis Hoffnung und gelangt schließlich zu aktiver Akzeptanz. Federico Delfrati nutzt, wie auch Judith Neunhäuserer, reale Aufzeichnungen bzw. Ereignisse, als Ausgangspunkt neuer künstlerischer Erzählungen.

(BM)

Ich wollte ein Kunstwerk schaffen, das von jedem überall und jederzeit erlebt werden kann.

Interview mit Federico Delfrati

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

In meiner jüngsten Arbeit verwendete ich erzählende Töne, um das Konzept des sechsten Massenaussterbens auf der Erde und die emotionalen Auswirkungen, die eine solche Katastrophe auf die menschliche Psyche hat, zu verdeutlichen. Diese Arbeit stellte einen Wendepunkt in meiner künstlerischen Entwicklung dar, da sie mich dazu inspirierte, Text und Musik in einen narrativen Diskurs einzubeziehen und meine neuen Forschungsthemen in einem direkteren Format zu formulieren. Dies eröffnete endlose Möglichkeiten zum Experimentieren und legte die Grundlagen für einen neuen künstlerischen Ansatz, mit dem ich in den kommenden Jahren gerne arbeiten möchte.

Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Die Idee, mit Musik und Text zu experimentieren, entstand aus dem Zustand, in dem wir uns alle in den ersten Monaten der Pandemie befanden. Einerseits arbeitete ich als Musiker häufiger als zuvor in meinem Musikstudio und begann, mehr mit der textlichen und melodischen Übersetzung von Ideen zu experimentieren, die sonst in anderen, eher skulpturalen Medien landen würden. Andererseits wollte ich aufgrund der Pandemie und der daraus resultierenden Schließung der meisten Kunsträume ein Kunstwerk schaffen, das von jedem überall und jederzeit erlebt werden kann.

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deiner Kollegin?

Die künstlerische Forschung, die Judith Neunhäuserer und ich über die Jahre in München entwickelt haben, entstand aus unserem tiefen Interesse an gemeinsamen Themen und Disziplinen. Die Faszination der menschlichen Sinnsuche durch Wissenschaft und Mythos diente als gemeinsame Basis für unsere künstlerische Entwicklung. Das vorgeschlagene Kunstwerk nähert sich durch seinen Kontext und Inhalt dem von Judith: Das Lied über eine Frau, die in einem endlosen Zyklus sich wiederholender Momente in ein schwarzes Loch fällt, spiegelt Stephen Hawkings lebenslange Forschung über schwarze Löcher und die Bedeutung der Zeit wider.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Das letzte Jahr brachte viele Veränderungen mit sich: Die meiste Zeit habe ich mit Recherchen für neue potentielle Projekte über Hans Blumenbergs Philosophie der Urgeschichte und sein „Menschenwerden“ verbracht. Ich habe begonnen, die 3D-Modellierung von computergenerierten Landschaften zu erlernen und ich plane, digitale Bühnen für meine zukünftige musikalische Kunstproduktion zu erstellen. Vor einem halben Jahr haben Judith Neunhäuserer und ich ein großes Filmprojekt über die „Vermeidung der Apokalypse in einer Bar“ begonnen und seitdem sind wir beide sehr damit beschäftigt, das Projekt in die Endphase zu bringen.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Ich denke, dass bestimmte Prozesse des Kunstmachens und -erlebens gut auf die sich verändernde Welt der Pandemie reagiert haben. Räume wurden zu experimentellen Umgebungen, die aus ihren vier Wänden herausgingen, indem sie kostenlose digitale Lösungen anboten, wenn auch auf Kosten der physischen Verwirklichung. Digitale Formen der Kunst wurden relevanter für ein Publikum, das zu Hause eingesperrt war. Alles in allem kann Kunst aus meiner Sicht in schwierigen Zeiten immer noch nicht so viel leisten, wie sie behauptet – es gibt allerdings schöne Ausnahmen.

 

Federico Delfrati, geb. 1987, ist ein bildender Künstler und Musiker aus Mailand, Italien, der derzeit in München lebt und arbeitet. Er studierte Kommunikationsdesign an der Politecnico Universität in Mailand und machte seinen Abschluss in Bildhauerei bei Hermann Pitz an der Akademie der Bildenden Künste München. Seine künstlerische Forschung konzentriert sich darauf, wie die Neugier des Menschen die Realität interpretiert; wie sie nach Bedeutung sucht und diese schafft, was oft zu Gegensätzen und Paradoxien, ethischen Dilemmata, Verletzlichkeit und Größenwahn führt. Delfratis Haupt-Referenzpool schöpft aus den wissenschaftlichen Bereichen Astronomie, Physik, Paläontologie, Ökologie und Anthropologie. Der Künstler untersucht, wie diese transdisziplinär miteinander verwoben sind, um die Natur zu verstehen. Er arbeitet mit Performance, Video und Multimedia-Installation und wendet sich in seiner künstlerischen Produktion seit kurzem auch der Musik und dem Sound zu.

Federico Delfrati

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