Florian Tuercke / Peter Kees

Florian Tuercke, Longboardharp 4track #2, 4-Spur Aufnahme mit Longboardharp_2, 2020

Der Entzug der Komfortzone ist eine Herausforderung, die zu neuen Strategien führt…

Die Arbeiten von Florian Tuercke sind im Spannungsfeld zwischen Skulptur, Performance und Musik angesiedelt. Einen Schwerpunkt der Arbeit des Künstlers bildet das Projekt ‚URBAN AUDIO‘, bei dem, durch analoge Schallwandlungen, das harmonikale Verhalten des Straßenverkehrs und dessen musikalische Zusammenhänge untersucht werden. Tuercke arbeitet mit Klang im Raum, analysiert Klang im Raum, verändert oder fügt neuen Klang hinzu und definiert damit den Raum ganz neu. Das von ihm entwickelte Instrument ‚Longboardharp‘ erzeugt mittels Bogen und Bottleneck sphärisch gedehnte und warme Klänge. Diese, im abgeschlossenen Klangraum des Ateliers erzeugt, verbreiten sich nun digital über das Kunstnetzwerk und suchen sich auf diesem Wege neue individuelle Klangräume.

(HB)

Florian Tuercke, Longboardharp_2 in der Ausstellung zum NN Kunstpreis im Kunsthaus Nürnberg 2020. Foto: Florian Tuercke

Kunst muss sein; nur SEIN – Krise oder nicht.

Interview mit Florian Tuercke

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

Das Saiteninstrument „Longboardharp“ hatte ich in Grundzügen schon vor der Pandemie entwickelt. Den ersten Lockdowns nutzte ich, um es so weiterzuentwickeln, dass es dem Begriff „Instrument“ in Klang, Spielbarkeit, Material und Fertigung gerecht wird. Außerdem fand ich viel Zeit, um es zu spielen. Über Herbst und Winter haben sich dann noch zwei weitere „Longboardharps“ zu dem Instrumentarium gesellt, mit dem ich – sobald das wieder uneingeschränkt möglich ist – Projekte im Austausch mit Musikern plane.

Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Vor der Pandemie hatte ich mir manchmal mehr Atelier-Zeit gewünscht, um ohne Unterbrechungen oder Termindruck die eine oder andere Arbeit weiterentwickeln oder vertiefen zu können oder Zeit für Experimente zu haben. Atelier-Zeit kam durch meine vielfältigen Projekte und internationalen Reisen in den vergangenen Jahren oft kurz. Nun habe ich sie unverhofft bekommen und versuche, sie sinnvoll zu nutzen.
Derzeit arbeite ich an einer Klanginstallation, die im August im Rahmen von Ortung12 in der Stadtkirche in Schwabach zu sehen und hören sein wird. Auch hier fließen neue Strategien und Techniken in die Arbeit ein, die ich in der Zeit des zweiten Lockdowns entwickelt habe.

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deines Kollegen (der in einer anderen künstlerischen Sparte tätig ist)?

Peter Kees und ich haben uns genau zu Beginn der Pandemie kennengelernt. Beim vielleicht letzten öffentlichen Kunstfestival vor dem ersten Lockdown, „Beethoven Reloaded“, fuhren wir im März 2020 beide mit unseren „Firmenwagen“ in Siegburg vor. Peter mit dem Arkadischen Botschaftswagen und ich mit meinem Urban Audio Fahrzeug. Nach zehn Tagen semi-intensiver Festival-Atmosphäre (die Pandemie und ihre Verunsicherung hatten sich schon über die Seelen gelegt), ging es direkt in die Isolation. Die ausgiebige gegenseitige Entdeckung der Gemeinsamkeiten in Werk und Haltung wird diesen Sommer in Ebersberg beim Festival „wo bitte geht’s nach Arkadien“, das Peter zusammen mit dem Ebersberger Kunstverein organisiert, fortgesetzt.

Zwei Wanderer
auf dem selben Weg
in unterschiedliche Richtungen
begegnen sich

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Vieles. Der Entzug der Komfortzone ist eine Herausforderung, die zu neuen Strategien führt; das kann man auch positiv bewerten. Die finanzielle Herausforderung ist schon deutlich ernster. Eine noch größere Herausforderung ist allerdings die Perspektivlosigkeit. Die Leichtigkeit und Unbefangenheit, mit der man „vor Corona“ international bei Festivals, Vernissagen, Kunstprojekten und auf Künstlerresidenzen den engen persönlichen Kontakt mit Kollegen und Publikum gepflegt hat, ist eine verblassende Erinnerung, und die Geschwindigkeit, mit der sie verblasst, ist erschreckend. Die größte Herausforderung von allen ist es vielleicht, dieses Gefühl nicht zu vergessen.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Kunst muss nichts können müssen – Krise oder nicht.
Kunst muss ihre Existenz nicht rechtfertigen – Krise oder nicht.
Kunst muss sein; nur SEIN – Krise oder nicht.

 

Florian Tuercke, Longboardharp 4track #6
4-Spur Aufnahme mit Longboardharp_2, 2020
Florian Tuercke, geboren 1977, lebt und arbeitet in Nürnberg und Danzig. Er verwendet in seinen Arbeiten verschiedene Medien und Strategien. Für seine Projekte im Spannungsfeld von Raum, Klang und Kontext entwickelt er unterschiedliche Instrumente und Installationen, bei denen gestimmte Saiten meist eine zentrale Rolle spielen. Florian Tuercke beteiligt sich international an Festivals, Ausstellungen und Künstlerresidenzen. Seine Arbeiten wurden unter anderem mit dem Bayerischen Kunstförderpreis (2006), dem Stiftung Kunstfonds Projektstipendium (2008), dem PaseoProject Award (ESP 2012) und dem Beethoven Reloaded Kunstpreis (2020) ausgezeichnet.

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

Antworten

© 2021         Impressum         Datenschutz