Gerald von Foris / Lydia Dahler

Gerald von Foris ist Fotograf. Seine freien Arbeiten veröffentlicht er meist in Buchform.
Schön handlich und nicht zu aufdringlich:

„Ich hab gar keine Erwartungen. Ich bin einfach froh, wenn es einige Leute gibt, denen die Publikationen gefallen.“

Man könnte von einem intimen Verhältnis zwischen Bild und Betrachter sprechen, das durch diese Art der Veröffentlichung entsteht. Es sind nicht nur Motive, sondern es sind Erzählungen, die man auf dem sorgfältig ausgewählten Papier entdecken darf – ganz ohne Text, die Bilder allein sind die Erzählenden. Manchmal verbreiten sie eine gewisse Schwermut. Es sind Spaziergänge, die uns die Welt in ihrer Absonderlichkeit, Schönheit, aber vor allem Einzigartigkeit näherbringen.

Die Pandemie nutzte Gerald von Foris um mehrere Buchprojekte im Jahr 2020 abzuschließen. Die erste Publikation »Ich hatte zwar eigentlich Lamm bestellt, aber kein Problem« nennt Gerald von Foris einen »Spaziergang durch meine Seele«. Während der Umschlag zwei Fotografien aus dem Bildarchiv seines Vaters zeigt, lässt die Bilderfolge im Inneren tatsächlich eine sehr persönliche, zum Teil, sehr eigenwillige Sicht auf die Welt entdecken. So viel sei noch verraten, der genaue Beobachter entdeckt unter der japanischen Bindung vereinzelt Botschaften.

 

Gerald von Foris
Ich hatte zwar eigentlich Lamm bestellt, aber kein Problem
Offset, Dünndruckpapier, japanische Bindung,
Auflage 300, nummeriert und signiert,
Format 150 x 210 mm, 142 Seiten
2020

 

Gerald von Foris "Schädel"

Gerald von Foris
Schädel
Offset, fadengeheftet, Broschur,
Auflage 500, nummeriert und signiert,
Format 200 x 270 mm, 304 Seiten
2020

 

Das zweite Buch „Schädel“ widmet sich auf knapp 300 Seiten Aufnahmen von Tierschädeln einer Privatsammlung, die Gerald von Foris akribisch genau studiert und portraitiert hat. Ab und an wird der Schädel mit seinem ursprünglichen Habitat in Verbindung gesetzt, so dass die Skelette vor dem inneren Auge beinahe lebendig werden. Die vielfältigen Schädel suggerieren fast wissenschaftlichen Anspruch. Dem Betrachter wird der Artenreichtum als auch die biologische Verwandtschaft der unterschiedlichen Tierarten deutlich.

Die Serie der Überreste von Küchentüchern stammt aus dem Hauptteil des Buches „Das, mein Sohn, wird alles einmal dir gehören“, das bereits 2013 veröffentlicht wurde. Die Aufnahmen wurden mit einer Großformatkamera erstellt. Der Stoff ist von der Zeit völlig zerfressen, einige Tücher bilden nur noch lose Fadenbündel, die aneinanderhängen.

2015 ist mit Lydia Daher die Publikation “Frisches Trauma“ entstanden. Lydia Dahers Textbeilage korrespondiert wunderbar mit den eigenartigen, schönen, teils humorvollen teils düsteren Bildern von Gerald von Foris. Für das Kunst-Netz-Werk gibt es nun eine neue, digitale, assoziative Begegnung von Text und Bild der beiden.

(BM)

 

Der Zufall ist vom Aussterben bedroht

Interview mit Gerald von Foris


 

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

Diese Arbeiten sind natürlich auch eine Auseinandersetzung vor allem mit mir und meinen persönlichen Themen. „Schädel“ beschäftigt sich eher dokumentarisch mit dem, was bleibt, in all seiner Schönheit und Brutalität. Das knüpft klar an „Das, mein Sohn, wird alles einmal Dir gehören“, eine zum Teil dokumentarische Arbeit in der reinsten Form über meinen Vater: Verfall und Auflösung anhand von Fundstücken und auch die oberflächliche Schönheit dieser Dinge. „Ich hatte zwar eigentlich Lamm bestellt, aber kein Problem“ knüpft wohl eher an „Frisches Trauma“ an. Ein eher assoziatives Werk. Eine wichtige Form für mich ist das Gedruckte in Form von Buch, Zeitung etc. Das kann man sich immer wieder auch zu Hause ansehen.

Wie siehst du deine Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Die Stimmung in dieser kontaktlosen und etwas trostlosen Zeit ohne Ablenkungen überträgt sich natürlich auf meine Arbeit. „Ich hatte zwar Lamm bestellt…“ ist in dieser Zeit entstanden. „Schädel“ final auch, aber diese Arbeit spiegelt diese Zeit doch auch ganz gut wieder. Die durch die Pandemie immensen Auswirkungen auf die Psyche sind vielleicht in den Büchern zu spüren.

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deiner Kollegin (die in einer anderen künstlerischen Sparte tätig ist)?

Lydias Lyrik macht den Horizont auf. Man kommt in Gegenden, wo man vorher vielleicht noch nie war. Sie beobachtet sehr gut. Vielleicht verbindet uns das. Oder einfach der Humor und diese seltsame Sicht in den Abgrund.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Man denkt noch mehr nach. Das kann mitunter unerträglich sein. Das Leben ist nicht mehr spontan, Begegnungen werden geplant und rarer. Der Zufall ist vom Aussterben bedroht. Sich in der Welt treiben zu lassen und Eindrücke zu sammeln, ist schwierig geworden. Diese elende Zeitschleife zu verlassen, ist nicht einfach.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Man kann sich mit Kunst in Traum oder Albtraum begeben. Dorthin kann man sich zurückziehen und frei bewegen. Kunst kann Grenzen überschreiten, Trauer an das Gewesene vergessen machen, erheitern, unterhalten, Hoffnung machen – aber auch Elend und Ausweglosigkeit ein Bild oder eine Stimme geben.

 

Gerald von Foris, geb. 1968, lebt und arbeitet als freier Fotograf in München. Dort absolvierte er eine Ausbildung an der staatlichen Fachakademie für Fotodesign. Folgende Veröffentlichungen sind erschienen: „Wunden“ inkl. Hörbuch, 2010; „Das, mein Sohn, wird alles einmal Dir gehören“, 2013; „Das letzte Gericht oder die Strafe Gottes“, Digitaldruck, 2013; „Frisches Trauma“, mit Lydia Daher, 2015; „Rebound“, Digitaldruck, 2015; „Evolution“, Zeitung/Digitaldruck, 2020; „Schädel“, 2020; „Ich hatte zwar eigentlich Lamm bestellt, aber kein Problem“, 2020.

 

www.geraldvonforis.de

https://shop.suolocco.de/gerald-v.-foris/

 

 

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