Graham Waterhouse / Susanne Schütte-Steinig
Graham Waterhouse, HYPER – Partitur

 

Graham Waterhouse, pure (uneditierte Fassung von ‚Hyper‘), Cello, 2:34 min.

Eine Art Dialog zwischen dem Spieler, seiner Körperlichkeit, seinen Aktionen und den anspruchsvollen und komplexen akustischen Eigenschaften (…) eines Cellos

Der englische Komponist und Cellist Graham Waterhouse engagiert sich besonders im Bereich Kammermusik und erkundet dabei Möglichkeiten des Dialogs: So komponierte er Kammermusik für ungewöhnliche Dialogpartner wie Cello und Sprechstimme, Piccolo und Streichquartett, Great Highland Bagpipe und Orchester. Ebenso bringt er – etwa in einer regelmäßigen Kammermusik-Konzertreihe im Münchner Gasteig – zeitgenössische Werke mit klassischem Repertoire in Verbindung.
Die grundlegende dialogische Haltung des Musikers erstreckt sich ganz elementar auch auf sein Instrument, das Cello, mit dem er in all seinen Bestandteilen, seiner materiellen Beschaffenheit und seinen körperlichen Eigenschaften in einen forschenden Dialog tritt, wie er selbst zum Ausdruck bringt: „Ohne tonales Zentrum und melodische Linie“ Klänge erforschen, „Klänge, die durch den Einsatz spezieller Techniken hervorgerufen werden. Ein einzelner Ton oder „Sound-Byte“ wird zur Basis für eine weitreichende, ausdrucksstarke Geste. (…) eine Art Dialog zwischen dem Spieler, seiner Körperlichkeit, seinen Aktionen und den anspruchsvollen und komplexen akustischen Eigenschaften des Korpus und der vibrierenden Saiten eines Cellos“. Die Partitur zum Stück ‚HYPER‘ signalisiert in den Extremen des Tonumfangs und der Dynamik aber auch in den Kommentaren zur Spielweise dieses elementare Herangehen – etwa „finger tapping (random notes)“.
Bemerkenswert ist, dass durch die Corona-Pandemie diese essentielle Art, mit dem Instrument in Dialog zu treten, nochmals intensiviert wurde: „Da ich der Möglichkeit beraubt war, mit anderen Musikern polyphone Musik zu spielen, war ich gezwungen, meine Musik isoliert zu schaffen und vorzutragen. Dieses Stück war ein Versuch, erweiterte Aspekte des Solospiels anzusprechen…“
Das Prinzip des Dialogs als Grundlage künstlerischen Schaffens teilt Graham Waterhouse in besonderer Weise mit der bildenden Künstlerin, Tänzerin und Architektin Susanne Schütte-Steinig, die ihre interaktiven Skulpturen und experimentellen Anordnungen im Dialog mit Menschen entwickelt. Bei Going to Paradise _ Paarungsversuch PV #17 im April 2017 im Kösk München traten beide in einen interdisziplinären Dialog, um auch hier die Grenzen der Kommunikation auszuweiten.
                                                                                                                                                                                                          (US)

Für andere zu spielen ist nicht mehr nur eine Unterhaltung (…), sondern es ist ein existenzielles Bedürfnis   

Interview mit Graham Waterhouse

Was bedeutet die Arbeit in deinem Werk?
The piece of music specified for this project (‘Hyper’ from Smithereens, for Cello Solo) represents a new type of writing for cello in my output. Devoid of tonal center, melodic line, the piece explores sounds, sonorities through the use of special techniques. Just a single tone or ‘sound-byte’ become the basis for a wide-ranging, expressive gesture. The piece represents a kind of dialogue between player, his physicality, his actions and the sophisticated and complex acoustical properties of the corpus and vibrating strings of a cello.  
Das für dieses Projekt neu konzipierte Musikstück (‚Hyper‘ von Smithereens, für Cello-Solo) repräsentiert in meiner Arbeit eine neue Art, für das Instrument „Cello“ zu schreiben. Ohne tonales Zentrum und melodische Linie erforscht das Stück Klänge – Klänge, die durch den Einsatz spezieller Techniken hervorgerufen werden. Ein einzelner Ton oder „Sound-Byte“ wird zur Basis für eine weitreichende, ausdrucksstarke Geste. Das Stück stellt eine Art Dialog zwischen dem Spieler, seiner Körperlichkeit, seinen Aktionen und den anspruchsvollen und komplexen akustischen Eigenschaften des Korpus und den vibrierenden Saiten eines Cellos dar.
Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?
Deprived of the possibility of playing polyphonic music with other musicians, I was obliged to create and play my music in isolation. This piece was an attempt to address extended aspects of solo performance including my own approach to the instrument, to its expressive possibilities through the use of unorthodox sounds.  
Da ich der Möglichkeit beraubt war, mit anderen Musikern polyphone Musik zu spielen, war ich gezwungen, meine Musik isoliert zu schaffen und vorzutragen. Dieses Stück war ein Versuch, erweiterte Aspekte des Solospiels anzusprechen, einschließlich meiner eigenen Herangehensweise an das Instrument und seiner Ausdrucksmöglichkeiten, durch die Verwendung unorthodoxer Klänge.
Wie siehst du deine Arbeit in Zusammenhang mit der Arbeit deiner Kollegin?
Having worked with Susanne in a previous project, I became acquainted with some of her ideas of conceptual art or „performance art“. Just as she engages in a dialogue between persons and open spaces, so the cello piece addresses questions of the relationship between performer and instrument, between intention and execution, between physical gesture and musical gesture.  
Durch die Zusammenarbeit mit Susanne in einem früheren Projekt habe ich einige ihrer Ideen von Konzeptkunst oder „Performance Kunst“ kennengelernt. So wie sie einen Dialog zwischen Personen und Freiräumen herbeiführt, so thematisiert das Cellostück Fragen nach dem Verhältnis von Interpreten und Instrument, von Intention und Ausführung, von körperlicher und musikalischer Geste.
Was hat sich im letzten Jahr verändert?
My approach to performing and to composing for a single instrument. No longer is playing for others just an entertainment or a journey into a composer’s mindset, but it it an existential need to express one’s own attitude to one’s art by acoustical means and through one’s own attitude to the instrument.  
Meine Herangehensweise an das Aufführen und Komponieren für ein einziges Instrument. Für andere zu spielen, ist nicht mehr nur eine Unterhaltung oder eine Reise in die Denkweise eines Komponisten, sondern es ist ein existenzielles Bedürfnis, die eigene Haltung zur eigenen Kunst mit akustischen Mitteln und durch die eigene Einstellung zum Instrument zum Ausdruck zu bringen.
Was kann nur die Kunst in der Krise?
It can offer a kind of reflection to those that gaze within – can mirror their own hopes, desires, aspirations. Perhaps in times of crisis this process may go deeper than at other times. A piece conceived during the crisis may now gain a new dimension through the juxtaposition with another creative artistic concept in a different field – a meeting of minds which would otherwise never have happened.
Es kann denen, die nach Innen schauen, eine Art Reflexion bieten – kann ihre Hoffnungen, Wünsche und Bestrebungen widerspiegeln. Vielleicht kann dieser Prozess in Krisenzeiten tiefer gehen als zu anderen Zeiten. Ein in der Krise entstandenes Stück kann nun durch die Gegenüberstellung mit einem anderen kreativen künstlerischen Konzept in einem anderen Feld eine neue Dimension gewinnen – eine Begegnung von kreativen Geistern, die sonst nie stattgefunden hätte.
Graham Waterhouse, Komponist und Cellist, wurde 1962 in London geboren und lebt seit 1992 bei München. Er spielte zeitgenössische Musik, unter anderem mit Ensemble Modern, MusikFabrik NRW, Philharmonia Orchestra London, Schleswig-Holstein Festival Orchester. Als Komponist wie auch als Cellist fühlt er sich am meisten zur Kammermusik hingezogen und gründete mehrere Ensembles. Seit 2002 veranstaltet er regelmäßig Kammerkonzerte im Gasteig in München, in denen Musik der Gegenwart klassischer Literatur gegenübergestellt wird. Wesentliche Werke sind ein Cellokonzert, drei Kantaten, ein Streichsextett, vier Streichquartette, Musik für Soloinstrumente sowie Lieder. Seine Kompositionen gewannen Preise bei Wettbewerben des Münchener Tonkünstlerverbandes und der Via Nova in Weimar. 2011 wurde sein Streichquartett Chinese Whispers mit dem BCMS Composition Prize der Birmingham Chamber Music Society ausgezeichnet. 2018 wurde ihm der Doktortitel der Birmingham City University verliehen. Seit 2019 erscheinen seine Werke bei Schott Music.
www.grahamwaterhouse.com

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