Guido Weggenmann / Leonie Felle
Guido Weggenmann, Diggin‘ for Gold oder die Suche nach Glück, 2021
Ausschnitt aus dem Video zur Ausstellung ‚Letzte Ausfahrt‘ im Kunstverein Rosenheim (4.2.-28.2.2021)

„Ich sauge mich immer tief in die Materie hinein“

Materie ist in den Naturwissenschaften eine Sammelbezeichnung für alles, woraus physikalische Körper aufgebaut sein können. Spannend ist, dass die dauerhafte und vertiefte Auseinandersetzung mit Materie irgendwann Dimensionen eröffnet, die ins Geistig-Philosophische greifen. Dies gilt heute bzgl. der Relativitätstheorie, war aber schon in der griechischen Philosophie und von da ausgehend in der auf Aristoteles basierenden mittelalterlichen Philosophie eines Thomas von Aquin wesentliches Thema: Einzeldinge entstehen dadurch, dass die „materia“ durch die „forma“ bestimmt wird. In der Kunst arbeitet der Künstler mit Materie und verleiht dieser Form – ganz unmittelbar greifbar ist dies in der Bildhauerei; und in dieser formenden Auseinandersetzung mit Materie eröffnen sich Bedeutungen, Assoziationsräume, Bedeutungsverschiebungen.

Der in Berlin geborene und heute in Kempten wirkende Bildhauer Guido Weggenmann, Meisterschüler von Olaf Metzel, „saugt sich“, wie er selbst sagt, in seiner Arbeit „tief in die Materie hinein.“ Eine wichtige Strategie seiner Arbeit ist die Vergrößerung von alltäglichen Dingen ins Überdimensionale. Die Steigerung von Dingen ins Übergroße/Gigantische lässt die Betrachtenden staunen und erschrecken – das scheinbar Alltägliche tritt uns ganz neu und in verwandelter Präsenz gegenüber – „Wahrnehmungsverrückungen“ nennt es die Kunsthistorikerin Birgit Höppl. Plötzlich kann ich – in der Arbeit ‚Frühling‘ – Handschellen umschreiten, es gibt je nach meinem Standpunkt unterschiedliche Blickwinkel auf diese Apparatur, und die Funktion derselben erscheint sinnlos. Plötzlich erweist sich in der Installation ‚Auf Palette‘ eine Krone – dieser Ausweis der Überhöhung der Bedeutung eines einzelnen Menschen – in seiner Überdimensionalität als absurd, plump und nutzlos; die Befestigung dieses Blech-Ungetüms mit Spanngurten auf einer Palette signalisiert zudem die Übergängigkeit und Beliebigkeit von Macht- und Bedeutungszuweisungen.

Guido Weggenmann, Diggin‘ for Gold oder die Suche nach Glück, 2021, Getriebemotor, Holz, Lack, 300 x 350 x 280 cm, Foto: Martin Weiland

Für seine – aufgrund der Corona-Pandemie – leider nur online zugängliche Ausstellung ‚Letzte Ausfahrt‘ vom 04.02. bis 28.02.2021 beim Kunstverein Rosenheim, schuf Guido Weggenmann in der Arbeit ‚Diggin‘ for Gold oder die Suche nach Glück‘eine gewaltige, hellorangene Maschine, mit der – mit großem Poltern der Holztrommel – Gold bzw. Glück geschürft wird, bzw. mittels der zwei unterschiedlichen Ausgangs-Rinnen Glänzendes und Verworfenes getrennt werden. Wie so oft in seinen Arbeiten, signalisiert auch hier die leuchtend orangene Farbe der Konstruktion deren skulpturale Bedeutung und Zeichenhaftigkeit. Unmittelbar führt diese Anordnung die Betrachtenden zu den eigenen Sehnsüchten, zu dem, was sie selbst als Leben in den Händen haben und durch den großen Trichter in die Abläufe des Lebens einspeisen, zu dem was sie suchen bzw. verwerfen und zu der Frage, nach welchen Kriterien diese Unterscheidung eigentlich abläuft. In Corona-Zeiten hat diese aktuelle Arbeit eine nochmalige Aufladung erfahren.

Ganz persönlich ist Guido Weggenmann das Zusammenspiel und die Vernetzung von Kreativen im Tun in dieser und für diese Welt ein großes Anliegen: So initiierte und realisierte er ab 2018 in Kempten die „Kunstarkaden“ als Zwischennutzung in einem Gebäude der Sparkasse Allgäu – ein Ausstellungsraum in Verbindung mit einem Artist-in-Residence-Projekt, als Gesamtkonzept in zentraler Lage in der Stadt. Ein Ort, an dem ‚Diggin‘ for Gold oder die Suche nach Glück‘ im besten geistigen und menschlichen Sinn tatsächlich im Augenblick Wirklichkeit werden konnte.

Ein kreativer Ort, an dem die bildende Künstlerin, Performerin und Musikerin Leonie Felle mit ihm gemeinsam ausstellte, und mit der Guido Weggenmann schon seit der gemeinsamen Zeit an der Akademie in künstlerischem Austausch ist, und deren Musik er auch immer wieder beim Schaffen seiner Werke hört. Das Schaffen beider ist verbunden in der Bedeutung des Sounds, wie in ‚Diggin‘ for Gold‘, der unmittelbar emotional den Menschen ergreift und packt, aber auch ganz grundsätzlich in der Haltung der Sehnsucht, mit der beide in dieser Welt stehen.

(US)

Was kostbar war, ist mir noch wertvoller geworden

Interview mit Guido Weggenmann

Guido Weggenmann, Frühling, 2013
Stahl, 350 x 350 x 40 cm
Foto: Leonie Felle

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

Ich sauge mich immer tief in die Materie ein. Bei der Arbeit ‚Frühling‘ arbeite ich einen tiefen Schmerz auf. So sind es formal vergrößerte Handschellen, die abgestreift auf der Erde liegen; aber durch ihre Größe können sie einen oder etwas nicht festhalten, deshalb liegen sie geöffnet als Zeichen der Befreiung auf dem Boden. Bei vielen meiner Arbeiten geht es um Leben, Existenz und Überleben. Wie bei der Arbeit ‚Auf Palette‘ oder ‚Diggin‘ for Gold oder auf der Suche nach Glück‘.


Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Guido Weggenman, Auf Palette, 2014 Palette, Spanngurt, Stahl, Lack, 120 x 80 x 100 cm, Foto: Leonie Felle

In der Zeit als ‚Artist in Residence‘ in den Kunstarkaden. Wie bei vielen meiner Projekte fügt sich das eine zum anderen. Es war nicht mein Ziel, eine Corona-Arbeit zu erschaffen. Ist es immer noch nicht. Da die Zeit leider reif war und die Not groß ist, steht sie aber für die selbige. Die Arbeit berichtet von Träumen und Hoffnungen, die erfüllt, aber in der Regel zerschmettert wurden. Sie zeugt von dem Mut, mit den eigenen Händen etwas zu erringen, um sich auch eine gewisse Sicherheit und Unabhängigkeit aufzubauen. In sich selbst ist die Apparatur fast schon eine Lebensform, die zu Beginn über den Trichter etwas aufnimmt in die Trommel. Die Entscheidung fällt zwischen Richtig und Falsch, Gut und Schlecht, Wichtig und Unnütz, um am Ende zweierlei Produkte auszuscheiden. Das passt dann wohl auf schmerzende Weise in unsere pandemiegeplagte Welt, bis hinein in das Atelier der Künstler*innen.

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deiner Kollegin?

Mit Leonie Felle verbindet mich ein langer gemeinsamer Weg. Ich schätze ihre Arbeit, deren Poesie mich berührt. Darüber hinaus schätze ich sie als Musikerin, da mir ihre Lieder gerade in dieser Zeit Freude gespendet haben. So begleitete mich ‚Leonie singt‘ beim Bau meiner Goldwaschanlage. Gerade in so ernsten und existentiell bedrohenden Zeiten werden Untiefen freigelegt, in denen wir Kunstschaffenden uns befinden. Nun wird längst gefühltes Nacktes realisiert und zeigt den Stellenwert, den die Kunst einnimmt. Dazu braucht es eigentlich jeden schöpferischen Geist, um Vielfalt zu leben. Wir werden niemals aufgeben, Kunst findet immer einen Weg.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Ich arbeite, nicht mehr und nicht weniger, aber ich fühle anders in meine Werke hinein. Was kostbar war, ist mir noch wertvoller geworden. Es bedarf dem allen, um noch klarer sehen zu können.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Kunst kann so vieles bewerkstelligen, wenn ihre Kraft entfesselt wird. Sie kann Vermittler, kann Forscher, kann Dokumentierer, kann Mahner, kann Freude und Liebesspender sein. Doch am Anfang der Pandemie durchfuhr mich blankes Entsetzen, erleben zu müssen, wie Kunst und Kultur in den Boden getreten wurden. Kunst und Kultur als unwichtig zu deklarieren und als nicht relevant abzustrafen, entspricht einfach nicht der Wahrheit. Kunst ist Nährboden für unendlich viele emotionale Dinge und wohl der treueste Begleiter des Erwachsenwerdens, der gerade jetzt in Zeiten der Not, Angst und Unsicherheit hinter einem steht.

Guido Weggenmann, geb. 1980 in Berlin, lebt und arbeitet in Kempten. Er studierte Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in München bei Olaf Metzel, schloss sein Studium als Meisterschüler mit Diplom ab. Weggenmann gründete 2018 die Kunstarkaden Kempten (Produzentengalerie, Kunstraum, Artist in Residence). Er erhielt zahlreiche Kunstpreise, seine Werke werden national und international auf Kunstmessen wie auch in Gruppen- und Einzelausstellungen gezeigt.

www.guidoweggenmann.de

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

Antworten

© 2021         Impressum         Datenschutz