Janna Jirkova / Lina Zylla

the sky above the city
is bleeding red and pink
all the torn-down houses and sheds
visible before night fall
like scars in the cityscape

all that is left to do
is drive
drive in circles
all around
headlights on

start moving out
outwards
to the dark
until the spotlight falls upon you
no place left to go

Durch dieses Fremd-Sein ergeben sich ganz neue Möglichkeiten der Reflexion

Wenn wir unsere vertraute Umgebung verlassen, werden wir oftmals mit vollkommen anderen Lebensweisen und Formen des Zusammenlebens konfrontiert. Wie sollen wir damit umgehen?

Janna Jirkova erhielt nach ihrem Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München ein Projektstipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes DAAD für Los Angeles. Was ihr besonders fremd war und was starken Eindruck auf sie machte, war für jemanden wie sie, die in Deutschland mit seinen gewachsenen Städten mit Plätzen, Fußgängerzonen, mit öffentlichem Nahverkehr, mit Rad- und Autoverkehr aufgewachsen ist, die völlig andere Form des Verkehrs und der Stadterschließung in Los Angeles: Ausschließlich zu Fuß ist es dort kaum möglich, von einem Ort zum anderen zu gelangen – vielspurige Straßen grenzen die Viertel voneinander ab. Öffentlicher Verkehr wird überwiegend von sozial Schwächeren genutzt. Das Rad ist – wenn überhaupt vorhanden – ein reines Sportgerät. Im Grunde ermöglicht dort nur das Auto, die Stadt in all ihren Bereichen zu erschließen und am Leben teilzuhaben.

Janna Jirkova – selbst ohne Auto in Los Angeles unterwegs – erlebt so Facetten einer Stadt, indem sie „die Straßen umkreist“. Sie reagiert in ihrer sensiblen künstlerischen Haltung, in einem Zusammenspiel von inneren Bildern und Außenwahrnehmung, auf diese Eindrücke aus der Stadtlandschaft. In ihrer Arbeit setzt sie dies mit unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksformen um, wobei das Medium Film als medienreflexive Kunstform eine wesentliche Rolle spielt und von ihr mit einer Performance kombiniert wird. Dabei werden äußere Bilder aus der Stadt, über Fotografien und Video als kurzzeitige Manifestationen von äußerer und innerer Wahrnehmung wiedergegeben. In Form einer Lesung trägt die Künstlerin Wahrnehmungen und Gedankensplitter vor: „Man is a product of his environment“ – „Der Mensch ist das Produkt seiner Umgebung“.

„LA – die Stadt, die sich ins Unendliche erstreckt und sich selbst immer wieder in der Wüste reproduziert. Die Stadt, die mehr in der Vorstellung entsteht und nie richtig geplant wurde; die imaginierte Stadt…“

Die Performerin ist dabei mit einer sich wandelnden Montur bekleidet, die mit einem augenartigen Lichtring auf Kopfhöhe als technoide Variante einer Science-Fiction-Figur erscheint, deren Alter Ego zeitgleich im Video im Hintergrund den Boden saugt. Und sie trägt orangefarbene, mit Leuchtdioden bestückte Gurte, die ebenso an eine Schutzweste erinnern, wie an Sicherheitsgurte oder ein Klettergeschirr. Was gibt mir Halt in dieser Stadt, an welche Regeln bin ich gebunden, welche eigenen Vorgaben trage ich mit mir herum?

Der Prozess von Wahrnehmung, in Relation mit Innen und Außen, von künstlerischer Verarbeitung und vielschichtiger performativer Umsetzung, ermöglich so – transferiert in ein anderes Umfeld – mit Mitteln der Kunst eine Wandlung, in der Fremdem offen begegnet und das Eigene besser erkannt werden kann.

Mit ihrer Partnerin bei kunst-netz-werk.online, Lina Zylla, verbindet Janna Jirkova nicht nur eine längere Weg- und Ateliergemeinschaft, sondern auch die Fähigkeit, sensibel Stimmungen einzufangen und zu erzeugen. Kunst schafft hier ganzheitliche Wahrnehmungs- und Wandlungsräume.

(US)

 

 

Janna Jirkova
Circling the streets, 
Performance, 2020
Video, 14:14 min., HD, 16:9
Objekte aus Nylon, Baumwollband, Metallösen, Nylonnetz
Fotos und Aufzeichnung der Performance: Peter Kees

Die Performance setzt sich zusammen aus gesprochenen Texten, Videoaufnahmen und getragenen Objekten, und wurde im Kunstverein Ebersberg für das Videoformat erneut aufgeführt und aufgenommen.

… die Wahrnehmung meiner Umgebung oder eines Ereignisses mit inneren Vorgängen in Verbindung zu bringen

Interview mit Janna Jirkova

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

Entstanden ist die Performance ‚Circling the streets‘ aus der Recherche vor Ort, als auch den Beobachtungen, festgehalten in Form von Videoaufnahmen, Texten und Objekten. Die Arbeit besteht zu einem großen Teil aus Beobachtungen, dennoch bringe ich mich sehr über die Texte und Videos ein. Dieser Ansatz, die Wahrnehmung meiner Umgebung oder eines Ereignisses mit inneren Vorgängen in Verbindung zu bringen, findet sich in meinen Arbeiten oft wieder. Letztlich möchte ich so zeigen, wie die Außenwelt, beispielsweise auch über Bilder, meine Wahrnehmung prägt. Andererseits geht es auch darum, inwiefern innere Bilder das Wahrgenommene in ihrer Erscheinung mitgestalten. Dabei bietet die Performance die Möglichkeit, die Videos, Texte und inneren Vorgänge zusammenzuführen und zu kommunizieren.

Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Ich war aufgrund des Projektstipendiums noch bis kurz vor dem Ausbruch der Pandemie in einer Stadt und inmitten einer Kultur, die mir an vielen Stellen fremd ist. Durch dieses Fremd-sein ergeben sich ganz neue Möglichkeiten der Reflexion dessen, was vor Ort oft schon als alltäglich angesehen wird. Hier zurück und vor dem Hintergrund der pandemischen Situation mussten neue Wege gefunden werden, das gesammelte Material zu zeigen. Daraus entstand einerseits eine Selbstpublikation, die ich erst einmal zum Austausch an Freunde schickte, und später das Performance-Video. Die Situation hat also keinen direkten Einfluss auf den Inhalt, aber auf die Form der Darbietung und auf die Kommunikation der Inhalte.

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deiner Kollegin?

Lina Zylla ist längere Zeit Wegbegleiterin und seit letztem Jahr auch Atelierpartnerin, mit der ich neben gemeinsamen Projekten auch über Kunst und Gedanken in einem engen Austausch stehe. In ihren Arbeiten geht Lina, ähnlich wie ich, von einer sehr persönlichen Sichtweise aus, und bringt sich ein, um einen Blick auf die (innere) Welt wiederzugeben. In ‚Where are the phantasms‘ schafft sie über den Raum eine synergetische Gesamtkomposition aus Sound, Installation und Videos. Darin, wie Lina über die zu einem großen Teil verdeckte Fensterscheibe die Blicke der Betrachter*innen bewusst lenkt, lässt sich eine Ähnlichkeit feststellen zu meiner Auswahl bestimmter Videoausschnitte. In beiden Arbeiten ist eine Art Landschaft zu sehen, bei Lina die räumliche Situation und bei mir die Aufnahmen der Stadtlandschaft, aus der bestimmte Aspekte hervorgehoben und sichtbar gemacht wurden. Ebenso spielen das Kreieren oder Einfangen bestimmter Stimmungen in beiden Arbeiten eine zentrale Rolle: Lina erschafft eine gewisse Stimmung, indem sie stark auf die Gegebenheiten des Raumes reagiert, wohingegen ich die Stimmung einer Stadtlandschaft erfasst, reflektiert und in ein anderes Umfeld transportiert habe.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Letztes Jahr war das erste Jahr nach dem Studium als Berufsanfängerin, somit stellte sich an einigen Punkten ein Wandel ein. Ein zentrales Thema nach dem Abschluss der Akademie ist für mich die Suche nach Möglichkeiten des Sichtbar-Werdens, des Austauschs und des in Kontakt-Bleibens außerhalb der institutionellen Strukturen der Akademie. Dies ist vor dem Hintergrund der Pandemie besonders herausfordernd, andererseits befördert die Situation auch eigene, kleinere Kooperationen. Was größtenteils wegfällt, sind Reflexionen und neue Inputs über die Konfrontation mit neuen Kontexten, Menschen und Kulturen. Das fehlt mir an einigen Punkten sehr, andererseits bewirkt es, einen offenen Blick für vermeintlich weniger spannende Impulse zu behalten.

Was kann nur Kunst in der Krise?

In Zeiten wie diesen, in denen alltägliche und existentielle Fragen sehr präsent sind, und das öffentliche Leben in weiten Teilen in den Funktionsmodus heruntergefahren wurde, kann Kunst idealerweise spielerische Räume eröffnen, andere Blickweisen einbringen und auch ein Ventil für Emotionen sein.

Janna Jirkova, geb. 1991 in München, studierte von 2012 bis 2019 Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in München bei Olaf Nicolai. Nach dem Abschluss erhielt sie ein Projektstipendium des DAAD für Los Angeles. Das Ergebnis dieser Zeit wurde in der Galerie von Empfangshalle gezeigt und die Umsetzung von der Erwin und Gisela von Steiner-Stiftung gefördert. Zuletzt zeigte sie die Performance ‚Circling the streets‘ im Kunstverein Ebersberg und sie ist für die Debütant*innenförderung des BBK Nürnberg nominiert.

In Ihrer künstlerischen Arbeit verwendet sie das Medium Film als eine unabhängige, medienreflexive Kunstform, wobei dieses meist in Performances aufgegriffen und mit Objekten kombiniert wird. Inhaltlich spielt die Fluktuation zwischen inneren Bildern und der Außenwahrnehmung eine wichtige Rolle sowie die Beobachtung, inwiefern sich beides gegenseitig bedingt. Hinzu kommt die Rezeption und Wiedergabe äußerer Bilder über Fotografien oder Video als kurzzeitige Manifestation dieser beiden Pole.

www.janna-jirkova.com

 

 

 

 

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