Jochen Kitzbihler / Ephraim Wegner

https://weltausfugen.e-wegner.net/

Statement:

‚Welt aus Fugen‘

Ein dialogisch-digitales Material-Klang-Projekt von Jochen Kitzbihler und Ephraim Wegner

Bei unseren Überlegungen, einen Beitrag für Kunst-Netz-Werk zu schaffen, galt es zunächst, die üblicherweise real-raumbezogene Arbeitsweise beider Künstler in das Digitale, den virtuellen Raum, zu übersetzen. Wichtig erschien es hierbei, dem Medium Rechnung zu tragen, dieses auf seine spezifischen Eigenschaften hin zu untersuchen und eine gemeinsame Arbeit entsprechend zu konzipieren und umzusetzen. Stein erscheint unvergänglich, unterliegt anderen Zeitintervallen als ephemer vorüberziehender Klang, der flüchtig und vergänglich wirkt. Doch hinterfragen wir den unmittelbaren Eindruck erneut, verändert jedes Material fortwährend seine Form. Stein zerfällt, wird durch Erosion langsam abgetragen und fügt sich unter anderen Bedingungen neu zusammen. Der augenblickliche Zustand des Materials entscheidet über dessen Art der räumlichen Erscheinung. Klang weist in gewisser Weise ähnliche Eigenschaften auf. Je nach Materialdichte variiert das Schwingverhalten – unterschiedliche Tonhöhen und Lautstärken sind das Resultat. Darüber hinaus gibt es ebenfalls die räumliche Komponente in Form von Richtungshören. Je nach Positionierung und Distanz kann dies ebenfalls in den kreativen Schaffensprozess eingearbeitet und kompositorisch genutzt werden. Und wie lassen sich diese Gemeinsamkeiten in ein audiovisuelles Medium, z.B. in Film oder eine Website, überführen? Welche Möglichkeiten eröffnen sich unter den eingegrenzten Bedingungen, den Rezipienten aktiv in den Prozess miteinzubeziehen?

Unter Berücksichtigung derartiger Fragestellungen fiel die Wahl auf eine interaktive Konzeptionsidee: ein nicht lineares Medium, in dem Klang und Bild miteinander verknüpft zum Interagieren einladen. Mittels Ton- und Bildaufzeichnung fokussiert ‚Welt aus Fugen‘ die Fragmentierung und Transformation von Materie aus größeren Entitäten in Kleinere (und vice versa). Über lange Zeiträume stattfindende Erosions- oder Neubindungsprozesse werden hier durch äußere Einwirkungen zeitlich verkürzt und räumlich fragmentiert. Die Originalklänge des Zerlegungsprozesses werden digital durch verschiedene Granularsyntheseverfahren in unterschiedlich große Partikel zerlegt und neu in Form gebracht. Das klangliche Spektrum reicht hierbei von der Wiedergabe des ursprünglichen Klangmaterials bis hin zu zeitlich gedehnten Klangflächen oder rhythmischer Zersplitterung. ‚Welt aus Fugen‘ nähert sich permanent voranschreitenden irdischen (ergo: kosmischen) Wandlungsprozessen an.

Soweit sich diese Komplexität sprachlich überhaupt fassen lässt, geht es um Phänomene der Form-„Erscheinung“ in den Dimensionen von Raum, Zeit und Schwingung. Kunst erscheint als eine der wenigen Möglichkeitsformen, um diese, unsere Existenz letztlich definierenden Vorgänge zu berühren und diese zugänglich und erfahrbar zu machen.

(Zu Gast im Team Kunst-Netz-Werk: Dr. Katharina Seifert, Referat Kunst, Kultur, Kirche der Erzdiözese Freiburg)

Alte Strukturen lösen sich, neue entstehen

Interview mit Jochen Kitzbihler

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?
‚Welt aus Fugen‘ entstand unmittelbar aus den bestehenden Arbeitsfeldern von Ephraim Wegner und meinem Schaffen. Zu meinem Anteil in dieser konstruktiven Kooperation knüpfte ich an die Werkgruppe von raumbezogenen Installationen mit Erosionsgesteinen und Laserprojektionen an, die seit 2006 entstehen. 2014 entstand bereits die Videoskulptur ‚Abscence‘, bei der ich erstmals einen erodierten Gesteinsbrocken zerkleinert habe. In der aktuellen Zusammenarbeit sind wir weit darüber hinaus gegangen, auch durch die komplexe Einbindung der digital modulierten Geräuschklänge des aufbrechenden Gesteines.

Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Alte Strukturen lösen sich, neue entstehen. Ehemalige Übereinkünfte stehen in Frage, wir sehen die Fragilität der Welt und haben unsere eigene vor Augen. Die transdisziplinäre Arbeit und ihr Titel sprechen ja letztlich für sich!

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deines Kollegen?

Diese, unsere erste Zusammenarbeit, war geprägt von lebendiger, beidseitiger Intuition und zugleich Zielgerichtetheit. Die Arbeitsweise im jeweiligen Medium war verschieden, die inhaltlich-ästhetischen Fragestellungen waren von Synergien erfüllt. So kann es sein, bestenfalls. Eine Fortsetzung folgt bestimmt, dann wohl auch im Real-Raum! Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert? Die Entschleunigung im vergangenen Jahr hat mir fast verloren gegangene, essenzielle Freiräume wieder geöffnet und einen schöpferischen Boom ausgelöst. Inzwischen kam die alte, äußere Geschwindigkeit zurück. Ich versuche jetzt, die Dynamik zu nutzen und die zurück gewonnenen Freiheiten nicht wieder preiszugeben.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Ein bisher vermeintlicher Nachteil wurde in der Krise zum Vorteil, denn der Umgang mit existentiellen Unsicherheiten ist Künstler*innen vertraut. Kunst steht dem Glauben und den spirituellen Welten da durchaus nahe und kann wie diese tiefere Sinnhaftigkeit, seelische Orientierung und Stabilität schenken. Die Kunst ist eben ein spannendes Paralleluniversum. Wer dort Einblick gewinnt, der kann sich selbst mit etwas Demut im Ganzen sehen und vielleicht erkennen: Der Ausgang ist immer offen.

Jochen Kitzbihler, geb. 1966 in Ludwigshafen/Rhein, ist freier Künstler und Bildhauer. Er war Meisterschüler von Prof. Hiromi Akiyama an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe. Sein Tätigkeitsfeld ist international, mit Ausstellungen, Stipendien und Kunst im öffentlichen Raum. Er ist mit seinen bildhauerischen und medialen Werken in Museumssammlungen, der französischen Staatsgalerie, zahlreichen öffentlichen Sammlungen wie auch Privatsammlungen vertreten. Er lebt und arbeitet in Freiburg im Breisgau sowie in Breitnau im Hochschwarzwald.

www.kitzbihler.de

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