Johannes Evers/ Nora Gomringer

 

Johannes Evers/ Nora Gomringer, Der Gang, HD-Video, 2021, 15 min

Der Prozess ist wie eine Geburt oder das Sterben, ein Vorgang

Johannes Evers lotet in seinen Videoarbeiten und Performances mit vollem Einsatz seiner Person, Humor und Scharfsinn die Möglichkeitsbedingungen und den Prozess künstlerischen Arbeitens aus und eröffnet dabei weit darüber hinausreichende Reflexionen. Nora Gomringer, Schriftstellerin und Direktorin des internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg, wo Johannes Evers 2016/17 Stipendiat war und die der Künstler zum Zusammenspiel für kunst-netz-werk.online eingeladen hat, beschreibt es in ihrem Interviewbeitrag treffend: „Der Künstler unternimmt mit jedem Film eine neue Auseinandersetzung mit dem Begriff des Künstlertums und seiner Tradition. Wie hoch der Grad eines Werkes an „Robustheit“ ist, um durch die Jahrhunderte von Medium zu Medium, etwas Leinwand zu digitalem Frame transferiert zu werden, klärt er dabei fast en passant und für den Betrachter immer erhellend ab. Ein so eigenständiger und auch humorvoller Umgang mit dem Begriff kulturellen Erbes ist selten.“ So stellt Johannes Evers etwa 2011 in der Videoarbeit ‚Male Gaze‘ drei berühmte Bilder der Kunstgeschichte nach, Jan Vermeers ‚Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge‘ (ca. 1665), – Edouard Manets ‚Olympia‘ (1863) und Valie Exports ‚Aktionshose Genitalpanik‘ (1969) und lässt sich bei der Inszenierung dieser unterschiedlichen Frauen-Inszenierungen von der Kunst- und Literaturwissenschaftlerin Rachel Michael anleiten, welche zeitgleich die Beziehung der drei Bilder, den Blick der Dargestellten und die Blickweise des Betrachters untersucht…. erhellender, emotionaler und gegenwärtiger als dutzende Bücher…

In der Videoarbeit ‚Der Gang‘ präsentiert der Künstler im eigenen performativen, körperlichen Tun den Prozess der Erschaffung und Auslöschung einer installativen bildnerischen Arbeit mit zuvor bemalten Leinwänden und vorbereiteten Holzgestellen, die er in einem fensterlosen Gang herbeiträgt, aufbaut, umgruppiert und dann wieder entfernt. Der Künstler selbst ist in seiner Körperlichkeit und seinem Tun integraler Bestandteil der filmischen Umsetzung und Reflexion dieses Vorgangs. Und als ob diese vielschichtige Anordnung nicht schon assoziationsreich und ambivalent genug wäre, lädt Johannes Evers noch Nora Gomringer ein – in Pandemie-Zeiten digital in der Ferne verbunden – mit ihrem Medium, der Sprache, auf diese an sich abgeschlossene Videoarbeit zu reagieren. Und so entsteht eine neue, gemeinsame Arbeit: „Noras Stimme in der Arbeit verändert den Blickwinkel und fügt dem Gang ihre eigene Wahrnehmung hinzu. Durch ihre Beobachtungen ergibt sich die Möglichkeit, andere Schritte oder Zeichen zu lesen.“

(US)

Denn das Reflektierende ist die einzige Möglichkeit, das Licht einzuhegen, zu gestalten und zu bewahren

Interview mit Johannes Evers

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

Das Video ‚Gang‘ versucht sich, wie auch in früheren Arbeiten, an den Fragestellungen künstlerischer Arbeit: im mentalen Raum des Ateliers, der Bilder, der Assoziationen des Prozesses. Der Prozess ist wie eine Geburt oder das Sterben, ein Vorgang. Ein Ereignis, das vorbereitet wird, sich entfaltet, dann vergeht und verarbeitet wird. Das ist meine Herangehensweise, in der die Wiederholung, der Loop, Signifikanz hat.

Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Die Pandemie ist ein Zeitraum, der durchschritten wird, er wirft uns auf uns selbst zurück. Die immer gleichen Handlungen in der Zeit des Lockdowns, der begrenzte Raum der Möglichkeiten erinnern mich sehr an die eigene Atelierarbeit. Nur, dass die Regeln diesmal nicht von mir gemacht, sondern von außen in Kraft treten. In dieser Zeit kann die Reflexion über diese Wege und Handlungsräume uns neue Erzählebenen/Perspektiven eröffnen. Die Wiederholung ist ein wichtiger Teil der Arbeit, dennoch kann sie einen ermüden. Die Wege sind lang, der Raum begrenzt, und jeder Anfang impliziert ein Ende. Der Prozess des Durchwatens dieser Zeit ist für mich ein Pfeiler dieser Arbeit.

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deiner Kollegin?

Im Zusammenspiel mit Nora sehe ich beispielsweise, wie sich die Formen der Bilder in unseren Köpfen nur durch Hinzufügen eines anderen, zusätzlichen verändern, mäandern und umgestalten lassen. Noras Stimme in der Arbeit verändert den Blickwinkel und fügt dem Gang ihre eigene Wahrnehmung hinzu. Durch ihre Beobachtungen ergibt sich die Möglichkeit, andere Schritte oder Zeichen zu lesen. Die Wege, die wir gehen, sind für mich meist non-linear und werden im Nachhinein als eine Entwicklung des Unaufhaltbaren gesehen.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Mein Bart ist gewachsen Mein Bauch ist größer geworden. Und meine Frau und ich haben ein Baby bekommen.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Kunst bedeutet Fragestellungen und thematisiert das, was man nicht formuliert. Die Gedankenwelten der Menschen verändern sich, wenn sie herangelassen werden. Die Distanz ist etwas, das dem Innenwohnenden nicht guttut. Der Weg des in sich selbst Gewagten, Gemeinsamen ist eine schwierige Angelegenheit. Hoffnung, Lichtblicke, zurück auf sich selbst geworfen zu sein sind Reflexionen. Denn das Reflektierende ist die einzige Möglichkeit, das Licht einzuhegen, zu gestalten und zu bewahren.

Johannes Evers, geboren 1979 in München, studierte Bildhauerei bei Hermann Pitz an der Akademie der Bildenden Künste München. Das Hauptaugenmerk seiner Arbeit liegt auf dem Format Video, indem er sich durch ausgesuchten Dilettantismus den Fragen stellt und nachgeht, die sich ihm darbieten, sowie Sie entdeckt werden. Versucht wird dies in der Beschäftigung mit den Fragen über die Malerei, der künstlerischen Arbeit und den spezifischen Erkenntnissen dieser. Die Experimente werden meist mit der Videokamera eingefangen, die ohne Unterlass in den selbstgebauten, experimentellen Räumen entstehen. „Johannes Evers nimmt dabei auf die Kunstgeschichte Bezug, wenn er etwa Werke von Malewitsch oder Mondrian neu interpretiert. Dabei setzt er nicht nur den eigenen Körper ohne Eitelkeit in Szene, sondern schafft auch witzige und komische Figuren, die den Betrachter anrühren.“ (Hermann Pitz)

https://www.johannesevers.de/

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