Judith Neunhäuserer / Federico Delfrati

 

 

human or computer


Judith Neunhäuserer beschäftigt sich mit Welt- und Selbsterklärungs-modellen, deren Einschreibungen in den menschlichen Körper und ihrem utopischen Potential. Im Video ‚Calling Stephen‘ (2015) wird Stephen Hawking (1942-2018) als Physiker zur Zukunft der Menschheit befragt. Seine Arbeit in den Bereichen der Kosmologie und der allgemeinen Relativitätstheorie sowie seine Überlegungen zu Schwarzen Löchern haben unser Verständnis über das Universum entscheidend geprägt.

Die Künstlerin interviewt Stephen Hawkings in einem Videogespräch – für das Jahr 2015 ein progressives Format, heute ein alltägliches Kommunikationsmittel. Auf die Frage, ob er sich eher als Mensch oder Maschine definiert, antwortet er, dass er sich als neue überlegene Spezies sieht, da sich der Mensch durch Technik weiterentwickeln kann. Seine Stimme wird von einem Sprachcomputer generiert, der durch Bewegungen im Wangenbereich gesteuert wird, da er im Rahmen seiner Erkrankung mit ALS die Fähigkeit zu sprechen verloren hatte.

Die Künstlerin choreografiert „gefundene“ Antworten des Wissenschaftlers und lässt ein Gespräch entstehen, welches durch die Kombination von Frage und Antwort neuartige Aussagen enthält, daher wird das Material als „semifiktiv“ bezeichnet.

Laut Hawking ist der technische Fortschritt die einzige Rettung für die Menschheit, gleichzeitig aber eine große Gefahr. Das menschliche Leben hat sich durch die Digitalisierung bereits stark verändert und die akute Bedrohung wird vom Wissenschaftler durch folgende Geschichte anschaulich gemacht:

Scientists built an intelligent computer. 
The first question they asked it was: 
Is there a God?

The computer replied: 
There is now,
and a bold of lightning wrecked the plug 
so it couldn’t be turned off.

Einige der Fragen, die die Künstlerin an den Physiker richtet, sind eher Bestandteil ethischer Diskussionen, daher klingen die Antworten des Wissenschaftlers Hawking orakelhaft.

(BM)

Calling Stephen, 2015, Video (1920 x 1080 px), Farbe, mit Sound, 12.30 min

Politische Entscheidungen werden gerade vor allem durch die Wissenschaft legitimiert

Interview mit Judith Neunhäuserer

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

Die Arbeit Calling Stephen entstand 2015 noch zu Studienzeiten und zeigt sowohl mein seitdem verfolgtes künstlerisches Interesse, als auch meine Arbeitsweise. Ich gehe häufig von historischen Ereignissen und Figuren aus dem Bereich der Wissenschaft oder der Religion aus, ich befrage ihre Existenzbedingungen und spinne die Geschichte dann auf meine Art weiter.

Mein Video inszeniert den berühmten Astrophysiker Stephen Hawking, der 2018 gestorben ist, in einer semifiktiven Interviewsituation als Propheten, der sich zur Zukunft der Menschheit äußert. Die Bedrohung des Planeten Erde durch Umweltkatastrophen und Überbevölkerung sowie die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz werden in Zusammenhang gebracht und Lösungsvorschläge formuliert, zum Beispiel die Kolonialisierung des Weltraums. Das deskriptive Modell von Welt verwandelt Hawking hier in ein normatives Modell für Welt: Fakten werden ethisch interpretiert.

Ein zweiter Aspekt des Videos betrifft die Interaktion von Hawkings Körper mit seinem Sprechcomputer. Der Wissenschaftler – der scheinbar objektive Wissensproduzent – wird zum Beispiel für einen unauflösbaren Verbund von Subjekten und Objekten. Forschung wird demnach nicht autonom und singulär gedacht, sondern als Prozess, der grundlegend in Teams stattfindet. Nach Bruno Latour sind auch moderne Menschen eingebunden in solche Akteurs-Netzwerke an der Basis von Gesellschaft und stehen nicht über den Dingen. 

Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Ich habe diese Arbeit für das Projekt kunst-netz-werk.online ausgewählt, weil während der Pandemie Naturwissenschaftler*innen wie Hawking ins Zentrum der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit rückten. Politische Entscheidungen werden gerade vor allem durch die Wissenschaft legitimiert – mitunter auch über einen instrumentalisierenden Zugriff und gegen den Willen der Wissenschaftler*innen selbst. Die Massenmedien berichten über Forschungsergebnisse und die Wege dorthin, in einem vorher nie dagewesenen Umfang. Der auf Falsifikationsprinzip, Plausibilitätskriterien und Modellen beruhende Forschungsprozess ist auch wegen dieser Berichterstattung einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden. Die Virologie ist aktuell die Leitdisziplin; wie die Kosmologie funktioniert sie aber auf der Basis der gleichen wissenschaftlichen Paradigmen. Diese offen zu legen, zu hinterfragen und in ihrer Ästhetik darzustellen, ist ein zentrales Anliegen meiner künstlerischen Arbeit. 

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deines Kollegen?

Eine Parallele zum Song ‚A girl who flew into space from her garden‘ von Federico Delfrati (2020) sehe ich in der Ausgangslage der beiden Arbeiten, in ihrem Setting: Eine junge Frau verlässt ihren terrestrischen Kontext, indem sie auf zeitlich und räumlich weitest mögliche, kosmische Dimensionen blickt. Diese Perspektive fragt nach möglichen alternativen Erzählungen und Zukunftsentwürfen.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Da ich keine Termine im realen Raum habe, verbringe ich die gesamte Zeit in meinem Atelier. Ich unternehme keine Ausflüge zu internationalen Kulturveranstaltungen mehr und habe natürlich auch in München wenig Kunst live erlebt. Sowohl mein Arbeitsalltag als auch meine Freizeitgestaltung sind also, wie für alle Menschen, eintönig geworden. Außerdem wird seit letztem Jahr jedes geplante Ereignis – ob Ausstellung oder Residenz – verschoben, und es ist schwierig, motiviert zu bleiben. Mir fehlt die Öffentlichkeit, der ich die neuen Produkte und Arbeitsansätze präsentieren kann, und mir fehlen die anderen, mit denen ich sie diskutiere und die mich spiegeln.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Kunst bietet einen nicht rein rationalen Zugang zur Welt, der gerade durch die Dominanz der wissenschaftlichen Weltsicht in der Pandemie eine notwendige Ergänzung, einen vernachlässigten Aspekt des menschlichen Lebens darstellt. Mit dem Fehlen der Kunst in der Krise fehlt der Gesellschaft eine etablierte Art von Reflexion über das, was gerade passiert.

Im physischen Raum erfahrbare Kunst – hier spreche ich als bildende Künstlerin, insbesondere als Bildhauerin – hat das Monopol, den Betrachtenden andere Materialien und Körper gegenüberzustellen und sie in ungewöhnliche Situationen einzubinden. Die Konfrontation mit Andersartigkeit und mit Objekten, die (in vielen Fällen) nicht zu kommerziellen Zwecken und industriell produziert wurden, macht die prinzipielle Möglichkeit von Alternativen sichtbar und hält das Denken im besten Fall ein bisschen flexibel – und optimistisch.

Judith Neunhäuserer, 1990 geboren in Bruneck (Italien), studierte Bildhauerei und Religions- und Kulturwissenschaft in München und Istanbul. 2017-18 war sie Artist in Residence am Hanse-Wissenschaftskolleg Delmenhorst und unternahm eine Expedition zur Forschungsstation Neumayer III in der Antarktis. Das Jahr 2019 verbrachte sie an der Cité Internationale des Arts in Paris und erhielt das Stipendium Bildende Kunst der Stadt München (mit Mathias R. Zausinger). Ihre Arbeit umfasst eine Vielzahl an Medien und wurde in München sowie im Ausland gezeigt. Ihr Buch Tekeli-li erscheint 2021 im Textem Verlag Hamburg.

Judith Neunhäuserer

 

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