Karen Irmer / Lydia Haider

Stable Square‘, 2019, Videoarbeit

 

Die Ruhe des Films, das Fließen des Wassers laden zur Besinnung ein.

Im Video ‚Stable Square‘ richtet die Künstlerin Karen Irmer den Blick der Kamera auf ein fließendes Gewässer: Grau-blau, mit kleinen weißen Schaumkronen, zieht das Wasser an der Linse vorbei. Im Kontrast zur stetigen Bewegung des Wassers, wirken die Spiegelungen an der Wasseroberfläche statisch, wie festgefroren, und erheben sich nach einer Weile der Beobachtung über das Wasser. Besonders fällt ein dunkles Rechteck in der Mitte des Bildausschnittes auf, das nicht identifizierbar ist.

Das Rechteck kann als Bild für den Einzelnen gelesen werden und das Wasser steht für die Zeit, die sich ohne Unterlass bewegt und verrinnt. Das Bild des Rechtecks ist vermeintlich immer dasselbe, doch die sich kräuselnde Oberfläche des Wassers und die Schaumkronen verändern das Bild des Rechtecks kontinuierlich. Die Ruhe des Films, das Fließen des Wassers laden zur Besinnung ein, zu einer Meditation über das Flüchtige und das Stete, und lassen den Betrachter im Innersten berührt zurück.

Karen Irmer liegt es fern, den flüchtigen Moment einzufangen. Sie eröffnet in ihrer Arbeit das Ergebnis von stundenlangem Ausharren und Suchen. Sie hält den passenden Moment, die geeignete Lichtstimmung fest, mit Ruhe und Zeit.

(BM)

… den vermeintlich weniger wichtigen Begegnungen noch mehr Wert beimessen.

Interview mit Karen Irmer

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

Die während einer Künstlerresidenz in Kaunas, Litauen entstandene Videoarbeit ‚Stable Square‘ ist eine Reflexion über Stillstand und Fortschritt. Die Arbeit zeigt eine quadratische Spiegelung in einem ruhig dahinfließenden Gewässer. Blickt man länger auf die Oberfläche des Wassers, so bleibt das gespiegelte Quadrat dauerhaft statisch, während sich manche Bereiche schneller zu bewegen scheinen als andere. Wie ist das möglich? In meinem Werk ist die Beobachtung von Unscheinbarem und sich sehr langsam Veränderndem immer ein Schlüssel. Ich finde den Gedanken faszinierend, dass sich Dinge fast unmerklich transformieren und entwickeln können – und gleichzeitig auf einer anderen Ebene doch immer aufs Neue wiederkehren.

Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Wir haben die Pandemie im letzten Jahr als tiefgreifenden Einschnitt erlebt. Wie wird dies unser Leben auf Dauer beeinflussen? Haben wir uns verändert? Werden wir Neuerungen angehen, oder verfallen wir zurück in unsere alten Muster? ‚Stable Square‘ ist eine Reflexionsfläche für diese Fragen.

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deiner Kollegin (die in einer anderen künstlerischen Sparte tätig ist)?

Lydia Haider und ich kennen uns erst seit wenigen Tagen. Durch die Anerkennung eines Stipendiums des Landes Kärnten, sind wir für eine Weile Nachbarn im Europahaus Klagenfurt. Wir haben gemeinsam, dass wir uns in dieser ungeordneten Zeit auf Neues einlassen. Genauso wichtig wie die zuweilen einsame, solitäre Arbeit, ist die Inspiration, die von unbekannter Umgebung und frischen zwischenmenschlichen Kontakten ausgeht.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Im künstlerischen Tun ist eine große Ruhe eingekehrt, die ich sehr schätze. Der Zwang, immer und überall anwesend sein zu müssen, hat sich aufgelöst. Was jedoch schmerzlich fehlt, ist der Austausch mit unterschiedlichsten Menschen, auch solchen, denen man zufällig und nebenbei begegnet. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ich auch beiläufige Gespräche in diesem Maße vermissen könnte. Deshalb werde ich in Zukunft den vermeintlich weniger wichtigen Begegnungen noch mehr Wert beimessen.

Was kann nur Kunst in der Krise? 

Kunst eröffnet die Option einer Form von Kommunikation, die über den Umweg des Werks funktioniert. Dingen, die sich nur schwer sprachlich fassen lassen, gebe ich über das Werk einen Ausdruck und trete auf diesem Weg mit dem Betrachter in einen Dialog. So ist es möglich, sich im Erleben und der Reflexion einer Arbeit zu treffen. Es entsteht ein Mittel, um mit anderen in eine Verbindung zu treten, die auf dem direkten Weg nicht immer möglich ist.

Karen Irmer, geb. 1974, wurde bekannt durch ihr Werk, das die Grenzen zwischen Film und Fotografie aufbricht. Aufmerksam beobachtend erschafft sie Arbeiten, in denen der Übergang zwischen realer und vorgestellter Welt verwischt und die auf diesem Weg das menschliche Wahrnehmungsverhalten reflektieren. Charakteristisch für ihre Werke ist eine höchst atmosphärische Bildsprache, einhergehend mit einer extremen Reduktion der Bildmittel bis hin zur Gegenstandslosigkeit. Neben zahlreichen Residenzaufenthalten und Ausstellungen im In- und Ausland, hatte sie in den Jahren 2015 bis 2017 das Dorothea-Erxleben-Stipendium inne, das mit einem Lehrauftrag an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig verbunden ist. Aktuell ist Irmer im Rahmen des Foto- und Medienstipendiums des Landes Kärnten im Atelier des Europahauses in Klagenfurt zu Gast.

www.karen-irmer.de

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