Katharina Kneip / Duoni Liu
uatsh-tide-uatsh, 2020
Interdisziplinäres Kooperationsprojekt von
Katharina Kneip, Masako Kato und Duoni Liu

Katharina Kneip ist ständig in Bewegung. Ich lernte die Künstlerin 2017 bei unserer ersten Ausstellung mit Studierenden des Cusanuswerks kennen. 2018 stellte sie dann im Rahmen einer Mitgliederausstellung die Videoarbeit ‚Retournierung – Schönheit in Phase 2‘ aus, in der Kneip den Dortmund-Ems-Kanal in der kalten Jahreszeit auf einer Strecke von ca. 7 km durchschwimmt.

Bereits beim Aufbau der Ausstellung erzählte Katharina Kneip von ihrer bevorstehenden Expedition, die sie im folgenden Jahr umsetzen wollte. In den sozialen Medien verfolgte ich ihre akribischen, aufwendigen Vorbereitungen, da sie die heimatlichen Gefilde verlassen wollte. Sie machte sich auf eine große Reise, um das Joiken von den Samen zu erlernen. Dazu reiste sie über Russland nach Norwegen, um von Kirkenes an der Westküste (alleine!) mit Schneeschuhen und Pulka bis Tromsoe zu gehen.

Wahrscheinlich plante die Künstlerin schon während der vielen Kilometer alleine im Eis ihre nächste große Reise, die auf jeden Fall ganz anders sein sollte: eine sommerliche Reise auf dem Meer, zu zweit.

(BM)

 

30 Tage, über 1100 km paddelten Masako Kato und Katharina Kneip im Sommer 2020 in einem Seekajak von Münster nach Kopenhagen, während sie bis auf die Schlafenszeiten non-stop mit zwei Actionkameras filmten. Zu den zwei, jeweils 30 Tage langen Videos komponierte Duoni Liu eine ebenso lange elektronische Komposition.

Erfahrung von Landschaften in Zusammenhang mit Hierarchien, Gender, Geschlecht und nicht binärem Denken

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

Viele meiner Arbeiten kreisen um verschiedene Möglichkeiten der Kommunikation, des körperlichen Erlebens und der Bewegung in Zusammenhang mit Fragen nach Aspekten der Zeit und eigenen Grenzen. Häufig folge ich projekthaft einer Leitfrage und entwickle daraus eine größere Aktion, Installation oder Performance, begleitet durch Zeichnungen, Texte oder Skulpturen. Dabei interessiert mich immer mehr die Verbindung der Erfahrung von Landschaften in Zusammenhang mit Hierarchien, Gender, Geschlecht und nicht binärem Denken. Die Fortbewegung, das Zurücklegen einer Strecke aus Muskelkraft, wurde so wiederholt zu einem zentralen Element. uatsh-tide-uatsh ist ein Kooperationsprojekt der Künstlerin Masako Kato und mir, zusammen mit der Komponistin Duoni Liu. Gemeinsam mit Masako Kato paddelte ich von Münster nach Kopenhagen, und wir filmten bis auf die Schlafenszeiten durchgehend mit zwei Action-Kameras. Zu der 30 Tage langen Zweikanal-Echtzeit-Videoinstallation komponierte Duoni Liu eine ebenso lange elektronische Komposition. Ausgehend von unseren verschiedenen Hintergründen begegnen sich in dieser Arbeit drei Perspektiven, welche ein gemeinsames neues Bild, eine Unbegreifbarkeit, Zeitlichkeit und Form der Dokumentation schaffen.

Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?  

Ein wesentlicher Bestandteil meiner performativen Arbeiten ist der Teil der Improvisation, das Umgehen mit neuen, nicht vorhersehbaren Situationen. Meine Planung begreife ich eher als unterstützenden Rahmen, denn als streng zu befolgende Richtlinie. Durch die Pandemie und die damit einhergehenden Beschränkungen bekam uatsh-tide-uatsh jedoch einen weiteren Kontext. Wir setzten uns anders mit unserer Verantwortung gegenüber unseren Mitmenschen auseinander. Während unsere Route über ein Netz aus zu großen Teilen menschengemachter Wasserstraßen, durch Industrie, landwirtschaftlich genutzte Gebiete und Städte führte und wir uns durch die Wahl eines Paddelbootes als Fortbewegungsmittel bereits in dieser unnatürlichen Natürlichkeit an eine gegebene Infrastruktur banden, kamen nun die Pandemiebestimmungen hinzu. Eine in der Arbeit zu weiten Teilen unsichtbare Infrastruktur, welche jedoch eine Auseinandersetzung mit der uns – insbesondere ab meiner Generation in Deutschland – kaum bewussten Freiheit herausfordert.

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deiner Kollegin?

Duoni Liu entwickelte eine eigenständige Position und Ebene zu unserer Tour und den Videos. Mir ist der Aspekt, dass sie nicht im klassischen Sinne eine Soundtrack geschaffen hat, besonders wichtig, auch wenn ihre Komposition für die Besucher*innen unserer Arbeit möglicherweise zu einem solchen wird. Während Masako Kato und ich auch die körperliche Erfahrung des Paddelns und Unterwegsseins erlebt haben, welche für uns immer präsent ist, konnte Duoni Liu eine betrachtendere Rolle einnehmen und eine erweiternde Ebene hinzufügen.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Durch uatsh-tide-uatsh hatte ich zunächst ein Projekt, welchem ich mich lange abseits des Ateliers widmen konnte. Leider wurden mehrere Ausstellungen komplett abgesagt, wodurch ich – neben Pandemiebestimmungen sowie zu großen Teilen geschlossene Werkstätten und Ateliers – so wenig gereist bin und Menschen getroffen und gesprochen habe, wie noch nie. Auch mein nächstes Hauptprojekt, dessen Kern sich bereits zu Beginn letzten Jahres herauskristallisiert hat, lässt sich momentan nicht praktisch/ realistisch planen, wodurch ich mich auf Recherche, Schreiben von Texten, Zeichnen und Materialexperimente konzentriere.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Ich denke, eine Form eines persönlichen, übergeordneten Ziels oder einer tief empfundenen, wenn auch nicht immer von außen nachvollziehbaren Sinnhaftigkeit einer bestimmten Handlung kann (bis zu einem gewissen Grad) helfen, mit finanzielle Engpässen, Platzmangel, verschiedenen Ängsten usw. umzugehen und nicht auf Dauer zu resignieren. Diese Eigenschaft in Kombination mit einer bewussten Auseinandersetzung und Offenheit in Bezug auf unsere individuelle Position in dieser Welt, Begeisterungsfähigkeit und dem Wunsch, etwas Neues zu entwickeln, lässt Kunst als solche (vielleicht im Gegensatz zur sonst lebendigen Kunstwelt/ Kulturlandschaft/ Kunstinstitutionen usw.) auch dann weiterleben und irgendwie immer wieder, wenn auch in kleinerem Rahmen, aufstehen, wenn der Lebensunterhalt durch sie nicht mehr gegeben ist. Sie hat die Möglichkeit konsequent inkonsequent, essentiell, ohne sich selbst zu ernst nehmend, antwortend und gleichzeitig fragend zu sein.

Katharina Kneip, geb. 1990 in Trier, lebt und arbeitet zur Zeit in Münster. Ihr Studium der Freien Kunst schloss sie 2020 als Meisterschülerin bei Mariana Castillo Deball an der Kunstakademie Münster ab. Ihre häufig projekthaft aufgebauten und prozessorientierten Arbeiten verbinden körperlich performative Aspekte mit Vorstellungen über Zeit, dem Wechselspiel von Landschaften als passiv-aktives Element und Bewegung. Die Phasen eines Projekts sind teils untrennbar verwoben zwischen Recherche, Experiment, Spiel, Kommunikation und Installation. In Annäherung an eine Grundfrage entstehen eine Reihe an Zeichnungen, Texten, Videos, Skulpturen und Performances – einer Dringlichkeit folgend, sie aus möglichst verschiedenen Perspektiven zu betrachten, zu entwickeln und zu erleben.

www.katharinakneip.com

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