Leonie Felle / Guido Weggenmann

Leonie Felle, Horizont, 2017-2020
Analoge Fotografie: Silbergelatine Handabzug, im Rahmen 56 x 66 cm
Objekt: Ruder,18 x 210 x 4 cm
Text und Musik: „Horizont“ von Leonie Felle, Maße variabel

Das Album „Horizont“ von „Leonie singt“ erschien 2020 beim Münchener Label Gutfeeling Records.

 

der Horizont steht schräg

Wie in dieser Welt die Balance finden, die Mitte? Als Gesellschaft aber auch im eigenen Leben? Leonie Felle verleiht in ihrem Lied „Horizont“dem Gefühl Ausdruck, dass wir im Großen und im Kleinen die Balance verloren haben – und dies bereits vor der Corona-Pandemie…
Sensibel nimmt sie diese ‚Schräglage‘wahr und reagiert auf sie künstlerisch. Bezeichnend für das Schaffen von Leonie Felle ist, dass sie sich verschiedenster künstlerischer Ausdrucksmittel bedient, um diese Wahrnehmungen zum Ausdruck zu bringen und künstlerisch auf sie zu reagieren: an der Münchner Kunstakademie hat Leonie Felle ihr künstlerisches Arbeiten als bildende Künstlerin grundgelegt  – sie lernte in dieser Zeit auch Guido Weggenmann, ihren Duo-Partner im Kunst-Netz-Werk kennen, mit dem sie bis heute in engem Austausch steht und mit dem sie eine Haltung der Sehnsucht und eine Vorliebe für unmittelbare Emotionen hervorrufende, vielschichtige künstlerische Setzungen teilt. Heute nutzt sie Fotografie, Installation, Text und Sound um ein Äquivalent zur Vielschichtigkeit dieser Welt zu entwickeln und narrative Strukturen zu schaffen, die zueinander in Spannung treten. Die Musik ist ihr zweiter künstlerischer Beruf und mit Ihrer Band hat sie 2020 ihr zweites „Leonie singt“-Album aufgenommen, auf dem sich auch der Titel „Horizont“findet.

Charakteristisch für Ihr Arbeiten ist dabei die enge Verschränkung der einzelnen künstlerischen Herangehensweisen. Und so besteht auch die Arbeit „Horizont“aus einer analoge Fotografie, die die Künstlerin selbst mit Ruder nicht vor schrägem, aber doch durch Nebel verunklärtem Horizont zeigt und zugleich Platten-Cover des zweiten Albums „Leonie singt“ist, aus diesem originalem Ruder als Objet trouvé (das wiederum auch auf dem Schallplatten-Etikett abgebildet ist), aus einer mit Schreibmaschine geschriebenen und mit handschriftlichen Kommentaren versehenen Entwurfsblatt für den Song-Text von „Horizont“(auf dem Innen-Cover der Platte findet sich eine spätere Text-Version mit weniger Korrekturen) sowie der Musik, die Leonie Felle auch selbst geschrieben und gesungen und zusammen mit ihren Band-Kollegen aufgenommen hat.

Dabei sieht die Künstlerin diese Zusammenstellung ihrer künstlerischen Äußerungen als Prozess und Ergänzung, der so auch nicht abgeschlossen sein muss. Hierbei legt sie ihr Tun und Suchen offen: der in der Installation präsentierte Liedtext enthält vielfache Korrekturen und Suchbewegungen entsprechend dem Inhalt der suchenden Ausfahrt mit dem Boot, die symbolhaft als Erzählung zugrunde liegt: da eröffnen sich Assoziation von einer Boots-Fahrt ins Ungewisse, von der Arche Noah in unsicheren Zeiten der Sintflut, von der Fähre über den Styx als Bild des Hinübergehens in eine andere Welt, von der Sehnsucht, die zugrunde liegen muss, um überhaupt die Kraft zu haben aufzubrechen und loszufahren…

Dass diese Bootsfahrt höchst unsicher und gefährdet ist signalisiert der Song-Text schon zu Beginn: „Wie ein Fähnlein im Wind“ist diese Nussschale unterwegs, Zweifel kommen auf: „Dreh um“schreit der Vogel, und in Selbstzweifeln fragt das lyrische Ich: „Wer geht als Erster über Bord“und denkt „Das wird ich sein:“Zweifel gehören zu jedem künstlerischen Schaffen dazu, diesem Versuchslabor des menschlichen Wahrnehmens und Gestaltens. Wäre nicht das Offenlegen des Zweifelns und der eigenen Unsicherheit und des Suchens wie in dem korrigierten Entwurfsblatt für den Songtext ablesbar eine Arznei für diese Selbstsicherheit und Erfolg vorgaukelnde Welt? Und wäre nicht das Vertrauen, anderen Menschen mit dieser Suchbewegung gegenübertreten zu wagen heilsam für unser Zusammenleben?

Auch die Atmosphäre der musikalischen Umsetzung mit Gesang, Gitarre, Bass und Percussion changiert zwischen kraftvoller Melancholie, abgeklärter Coolness und sehnsuchtvoller Getriebenheit – und dies alles geschieht vor der verschwommenen Linie des Horizonts der uns Halt geben sollte und doch oft nicht zu sehen oder in Schieflage geraten ist…

 

 

Wir versuchen weiter die Balance zu halten

Interview mit Leonie Felle

 

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?Viele meiner Arbeiten als Bildende Künstlerin entstehen aus Texten oder Liedern und werden durch diese ergänzt. Auch bei der Arbeit »Horizont« ist das der Fall. Die Installation besteht aus einem Liedtext, einem alten Holzruder und einer Fotografie – ein Selbstportrait mit Ruder. Diese mehrteilige Arbeit zeigt die Verschränkung der unterschiedlichen Medien, die ich gerne verwende. Die Musik ist ein wichtiger Bestandteil dabei, jedoch ebenso gleichberechtigt sind Objekt und Fotografie. Mir geht es dabei nicht um eine abgeschlossene Form. Meine Arbeitsweise gleicht eher einer Sammlung, die nach und nach ergänzt, erweitert und verändert werden kann.

2020 haben meine Bandkollegen (Hagen Keller, Jakob Egenrieder, Sascha Schwegeler) und ich dann zusammen unser zweites „Leonie singt“-Album mit dem Titel „Horizont“ veröffentlicht. Darauf ist der Song mit dem gleichnamigen Titel zu hören. Der Song ergänzt für mich die Installation und macht sie komplett. Das Selbstportrait mit Ruder (eine Variante davon) wurde das Motiv für das Platten-Cover. Damit schließt sich der Kreis, kann aber jederzeit wieder geöffnet werden und neue Elemente zum Thema aufnehmen.

Wie siehst du diese vor dem Hintergrund der Pandemie?

Das Lied »Horizont« handelt vom Verlust des Gleichgewichts und dem Versuch, es wieder zu erlangen. Der Horizont ist für mich die Balance. Im Lied ist die Balance gekippt. Der Schwerpunkt und die Mitte sind verloren gegangen. Ich habe den Text aus dem Gefühl heraus geschrieben, dass etwas nicht in Ordnung ist, dass ich, wir, die Gesellschaft und somit jeder Einzelne von uns das Gleichgewicht verloren haben.

Den Text des Liedes habe ich aber schon vor der Pandemie geschrieben, denn auch vor dieser Zeit war schon Einiges ins Ungleichgewicht geraten. Vor dem Hintergrund der Pandemie hat sich der Inhalt der Worte weiter verändert oder vielleicht sogar noch verstärkt:  „Es schaukelt und ich wanke…es schaukelt und ich schwanke … der Horizont steht schräg.“

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deines Kollegen?

Guido Weggenmann und ich kennen uns (und unsere Arbeiten) seit unserem gemeinsamen Studium an der Kunstakademie in München und somit schon eine ganze Weile. Wir haben den Kontakt zueinander nie verloren, tauschen uns aus und unterstützen uns gegenseitig. Das schätze ich sehr und möchte es hier betonen!

Eine Gemeinsamkeit unserer Arbeiten ist das Element Sound. Wir haben aber unterschiedliche Herangehensweisen an – vielleicht sogar inhaltlich ähnliche – Themen, was ich spannend finde. Wie zum Beispiel bei „Diggin’ for Gold oder die Suche nach dem Glück“:

Die riesige, orangene Skulptur von Guido Weggenmann hat die Form einer Goldwaschanlage. In dieser Sortiermaschine wird nur der wertvolle Anteil des aufgenommenen Materials herausgefiltert –  der Rest wird aussortiert und als unbrauchbar weggeworfen. Dieser imaginäre Akt wird begleitet von einem großen Krach, denn die rotierende Trommel ist mit Steinen gefüllt, die durch die Drehung immer wieder auf das Holz krachen. Für mich ist die Skulptur ein ironischer Blick auf unsere jetzige Situation. Wer ist in unserer Gesellschaft relevant und wer nicht? Was ist wertvoll und was nicht?

Durch die Pandemie wurde das Ungleichgewicht in unserer Gesellschaft größer oder hat sich noch stärker bemerkbar gemacht. Gerade für uns Künstler*innen ist die Zeit nicht einfach. Wir versuchen weiter die Balance zu halten, um nicht im Sturm unterzugehen oder aussortiert zu werden. Du fragst: „Wer geht als erster über Bord?“ Ich sag dir: „Das werd’ ich sein. Das bin dann wohl ich.“

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Ich habe ein blaues Auge abbekommen  – jetzt bin ich nicht mehr so blauäugig.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Ehrlich gesagt frage ich mich das momentan sehr häufig. Wir Kunst- und Kulturschaffende sind angehalten weiter zu machen – nicht aufzugeben und durchzuhalten – obwohl wir gerade keine Möglichkeit haben, mit unserem Publikum direkt in Kontakt zu treten. Ich weiß gar nicht was da „draußen“ überhaupt ankommt und was Kunst für die Menschen eigentlich bedeutet. Der Austausch darüber fehlt. Ich hoffe aber, dass Kunst eine Inspirationsquelle ist und denke, dass wir genau das in dieser Krisen-Zeit brauchen, um unser aller Motivation aufrecht zu halten.

Leonie Felle, geb.1979, arbeitet als bildende Künstlerin und Musikerin. Felles Arbeiten entwickeln sich im Zusammenspiel unterschiedlicher Medien und künstlerischer Ausdrucksformen. Die Künstlerin nutzt Fotografie, Installation, Text und Sound, um narrative Strukturen zu entwickeln und eine produktive Spannung zwischen den einzelnen Elementen anzulegen. Neben dem Einsatz musikalischer Elemente im Ausstellungskontext verfolgt die Künstlerin mit der Band Leonie singt‘zudem auch eine performative, musikalische Praxis, bei der die Texte auf der Bühne und im Zusammenspiel der Musiker*innen und vor Publikum live performt eine veränderte Zuschreibung erfahren.

www.leonie-felle.de

https://leoniesingt.bandcamp.com/

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