Lina Augustin/ Neringa Vasiliauskaite

Der Moment – die Haut zwischen dem Erlebten und dem noch nicht Erlebten

Lina Augustin beleuchtet in ihren zueinander in enger Beziehung stehenden Gemälden und Gedichten Momentaufnahmen menschlichen Lebens. Der Moment – das Dazwischen zwischen Vergangenheit und Zukunft. Der Moment – die Haut zwischen dem Erlebten und dem noch nicht Erlebten. Der Moment – das Leben, mit all dem, was Leben ausmacht: das Flüchtige, das Vergängliche, der Genuss im Augenblick, das Denken der Vergangenheit und Zukunft, das Spüren des Innen, das Empfinden des Außen.

Lina Augustin erzählt in ihren bildnerischen und literarischen Momentaufnahmen Geschichten. Texturen, Puzzleteile, Ausschnitte, Perspektiven – meist leicht und locker gezeichnet, diffus im Farbauftrag, kraftvoll und berührend in der Poesie.

(HB)

Lina Augustin, I can only stand straight if I lose all my jewellery, 2020
65 x 50 cm
Mischtechnik auf Papier

Ohne Ablenkungen bleiben mein Körper und meine Gedanken übrig

Interview mit Lina Augustin

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

Meine Arbeit ‚I can only stand straight if I lose all my jewellery‘ steht für das Ablegen von Ballast. „Geschmückt sein“ kann auf die Art zu leben, zu sprechen, zu denken, sich zu kleiden oder sich zu bewegen übertragen werden. Es steht dafür, das Eigentliche, das Prägnante, künstlich zu ummanteln – mit Ramsch oder leeren Phrasen. Die Frau auf dem Bild verwächst mit einem Baum und streift alles ab, was ihr nicht entspricht. Alles, was sich ihr aufgedrängt hat oder ihr angedreht wurde, was sie in einem unachtsamen Moment mitnahm oder seit langem schon nicht loslassen konnte. In meiner Arbeit steht der Schmuck auch für ein Zuviel an Wahllosem. Ich habe die Zeichnung nach einer Berlinreise, kurz vor dem Beginn der Pandemie, angefertigt. In Berlin sind mir die vielen aussortierten Dinge vor Hauseingängen aufgefallen, wie sie etwas trostlos in der Februarluft zu warten schienen. „Schmuck“ in meiner Arbeit steht für ein Überlappen von Oberflächen über der Essenz. Schmuck will mir die Kontemplation nehmen und mich verwirren. Also lasse ich ihn los, lasse mir ein Fell wachsen und suche Nähe bei einem Baum. Der Baum kennt immer das richtige Tempo, er nimmt nichts mit, was nicht zu ihm gehört.

Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

In der Pandemie war ich auf mich selbst zurückgeworfen. Ohne Ablenkungen bleiben mein Körper und meine Gedanken übrig. Die Frau auf dem Bild macht sich bereit für eine Zeit in der Höhle, lässt sich ein Fell wachsen und versucht, sich schweren Schmuck vom Buckel zu werfen. Sie versucht, alles für sie Unechte von sich abzutrennen, um wieder mit ihrem inneren Kern zu verwachsen. In der Pandemie kommt man mit sich und seinen Gedanken stärker in Kontakt, ob man will oder nicht. Die Person macht es schon davor, freiwillig, da sie von dem „Durst nach allem Möglichen“ müde geworden ist, weil sie das Leichte und Natürliche in sich selbst nicht mehr hören konnte.

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deiner Kollegin?

Neringa Vasiliauskaite beschreibt, es interessiert sie, wie sich das Innenleben mit dem Außenleben zu einem Ganzen verbindet, wie Oberflächen auch das Innere widerspiegeln können. Ihre Arbeit ‚SkinVIII‘ wirkt auf mich, als wäre das Äußere des Objekts bereits eine Innenansicht. In meiner Arbeit möchte die Person alles Oberflächliche, Störende ablegen wie eine kratzige, feuchte Jacke in der falschen Größe. ‚SkinVIII‘ wirkt auf mich wie das Resultat dieser Aktion. In beiden Arbeiten erkenne ich den Ausdruck von etwas Rohem, Unverfälschtem. In beiden Arbeiten kommt mir der Gedanke der Entledigung einer falschen Haut, um die ehrliche Haut zu zeigen und mit ihr offen zu leben – ohne dabei Makel zu kaschieren oder Füllsätze zu verwenden.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Mein physischer Radius hat sich verkleinert, dadurch aber auch intensiviert. Ich bin konzentrierter geworden, manchmal auch verkrampft fokussiert. Spontanität ist verloren gegangen, man wird selten aus „dem eigenen“ herausgerissen. Ich bin viel ordentlicher geworden. Das ist teilweise eine „Scheinordnung“. Man wird auch dünnhäutiger, da die echte Auseinandersetzung mit der Umwelt fehlt – als würde man sich persönlich zurück entwickeln. Ich bin generell achtsamer geworden. Mit mir und mit anderen und auch mit Dingen. Meine Aufmerksamkeit hat sich verlagert. Das Planen fällt weg. Dafür schätze ich das, was schon da ist, mehr, weil ich es mir genauer ansehe. Kultur fehlt, die Straßen sind gerade abends so still. Der Blick aus meinem Fenster auf die leere, dunkle, große Kreuzung jeden Abend, eiskalte Luft – ich mache die Vorhänge nicht mehr zu. Die Natur bleibt als Verbündete. Ausstellungen werden zu- und abgesagt. Das macht die Arbeit als Künstlerin kompliziert.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Kunst wirkt entlastend auf unser Inneres. In der Kunst gelten eigenen Regeln, Gesetze und Codes werden aufgehoben, neu definiert – ohne dabei die Realität zu verharmlosen oder zu verleugnen.
Hier darf der Geist auf Streifzüge gehen, kontemplativ sein und muss sich nicht anpassen. Die Kunst ist wie die Lunge der Gesellschaft –freies Atmen wird ermöglicht. Unerwartetes wird begrüßt. Kunst ist vielleicht der einzige Bereich, in dem die Irritation genossen wird. Gerade jetzt, wo das physische Unterwegssein eingeschränkt ist, kann die Kunst zum inneren Umherziehen anregen und Gedankenspiralen unterbrechen. Ich glaube, wir brauchen sie dringender denn je, um einen wohltuenden Abstand zum Alltag in der Krise zu erlangen.

 

Lina Augustin, geb. 1986 in München, lebt und arbeitet in München. Sie studierte Malerei und Grafik an der Akademie der Bildenden Künste in München bei Prof. Markus Oehlen sowie Kunstpädagogik bei Prof. Tanja Widmann. In ihren malerischen Zeichnungen und ihren Texten erzeugt sie durch den Akt des Einfrierens von Momenten und Gedanken Kontemplation, wodurch eine unbegrenzte Betrachtung ermöglicht wird (Tiefenschärfe = Ordnung). Durch dieses nachträglich erzeugte Ausatmen erhalten erlebte Momente, Visionen und Gedanken ihre Vielschichtigkeit zurück, deren Komplexität wird anerkannt und ein tieferes Verständnis kann entstehen.
Meist sind menschheitsübergreifende Selbstdarstellungen zu sehen, die in Verbindung stehen – zu einer zweiten Person, zu sich selbst, zur Tier- und Pflanzenwelt.

www.momentensammlerin.blogspot.com

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