Lina Zylla/ Janna Jirkova

Installation: Sneaky fashion, 2020

Weck Dich nicht, 2018/19
curved, pink colored and mirrored artista glass
150 x 90 cm
Video Lina Zylla: Wiederkehrender Loop der Phantasmabälle, 00:02 minSound: Sneaky Fashion: 4:13 min im Loop
recorded, composed and performed by Lina Zylla
mastered by Simon Kummer
Foto credit: Felix Rodewaldt

Diese Installation setzt sich zusammen aus einer Glasarbeit, zwei Videos, den Phantasmabällen und einer Soundinstallation, die in der Passage des Gasteigs und im Raum Pixel am Gasteig zu sehen und hören war. Die Ausstellung hieß „Where are the phantasms?“

Sound: Sneaky Fashion: 4:13 min 

Die Idee eines raumdynamischen Bildes, das die Malerei in den Raum erweitert

Die Malerei in den Raum erweitern… dieser Wunsch führte Lina Zylla, die Kunstwissenschaft an der LMU und bildende Kunst an der Münchner Akademie studierte, folgerichtig zu Klang und Musik, zu Video, Installation und Performance. Diese erweiterte künstlerische Gestaltung umfasst den ganzen Raum in synästhetischer Weise, alle Sinne werden aktiviert und lassen eine eigene Welt entstehen… in dieser Herangehensweise gibt es Parallelen zum Schaffen von Janna Jirkova, ihrer Atelierpartnerin und Dialogpartnerin bei diesem Beitrag für kunst-netz.werk.online – Räume und Landschaften entstehen, bei denen innere und äußere Wahrnehmung verbunden werden. Der dialogische Ansatz entspricht grundsätzlich Lina Zyllas künstlerischem Arbeiten: Sie tritt nicht nur als Solokünstlerin auf, bei der sie ihren Sound mit ihren malerischen Installationen aus Glas- und Wandmalereien verbindet, sondern kollaboriert zusätzlich musikalisch mit anderen Künstler*innen. 

Spannend und konsequent ist es, dass sich Lina Zylla bei diesem Erschaffen umfassender künstlerischer Erlebnisräume auch inhaltlich mit der Manipulation von Realität auseinandersetzt, reflektiert, wie eine solche ausgelöst und erhalten wird. Dabei beziehen sich ihre Ausstellungs- und Werktitel, auf die Verschiebung von Realitäten bei der menschlichen Gedächtnisleistung, wie z.B. das musikalische Gedächtnis. Ihre Ausstellungen tragen entsprechend Titel, wie „Where are the phantasms“ (Pixel am Gasteig, 2020), „That‘s me in the corner“ (fructa space, 2019), „Wenn Du oben bist, schau durchs Fenster“ (super+centercourt, 2018) oder „Do you really want to go back in time?“ (Gartenlaube der Kunst, 2018). Dabei arbeitet die Künstlerin orts- und raumspezifisch und untersucht das Spiel der Verschiebung von Realitäten speziell für diesen Kontext. 

Die hier präsentierte Arbeit zeigte Lina Zylla bei der Ausstellung „Where are the phantasms?“ in der Passage des Münchner Gasteigs und im Raum Pixel am Gasteig. ‚Trugbilder‘ bzw. ‚Sinnestäuschungen‘ erfüllen den Raum, sind aber nicht lokalisierbar: Das Unsichtbare der Phantasmen wird in Kombination mit den

Sounds zu einer Erzählung und geht mit dem Sichtbaren, den Spiegelungen des durchsichtigen, reflektierten und verformten Glas eine sinnliche und sinnenhafte Verbindung ein. Die Videos zeigen die Phantasmabälle in einem sich wiederholenden Bewegungs-Loop und korrespondieren mit den Klängen. Dabei schaffen die Mantren im Sound wie „I need a sneaky fashion to get what I want“ und „I can´t decide“ eine spirituell-rituelle Atmosphäre.

Der Installationsshot zeigt die Glasarbeit und die Phantasmen durch eines der ausgesparten Fenster: das verformte und verspiegelte Artista Glases erzeugt Reflexionen und die Phantasmen aus Gummi leuchten durch die Fenster, wobei die Klänge das Erlebbare erzählerisch in den Raum erweitern – wobei für die Passanten der innere Raum der Phantasmen unzugänglich bleibt. Zentrales Element ist dabei das verformte Glas, zerbrechlich, durchsichtig, spiegelnd, die Realität verzerrend… Diese sinnliche Qualität des Glases lässt an den berühmten Satz des Apostels Paulus im ersten Korintherbrief Kapitel 13 Vers 12 denken und zeigt das philosophisch-theologische Potential dieser Wahrnehmung: „jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse…“

(US)

 

 

Die Glass & Soundperformance in Zimmer 13 bei „ZIMMER FREI“ im Hotel Mariandl am 17.10.2020 macht die kontextuelle und synästhetische Arbeitsweise von Lina Zylla unmittelbar erlebbar.

Die Arbeit knüpft an die Idee eines raumdynamischen Bildes an, das die Malerei in den Raum erweitert

Interview mit Lina Zylla

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

Die Arbeit ist Teil der Weiterführung des Spiels der Verschiebung von Realitäten. Das Unsichtbare der Phantasmen wird in Kombinationen mit den Sounds zu einer Narrative, und das Sichtbare, die Spiegelungen vom verformten Glas, bildet eine synästhetisch malerische Einheit. Die Videos zeigen die Phantasmen in einem sich wiederholenden Bewegungs-Loop und stehen im Bezug zu den Sounds. Im Sound tauchen immer wiederkehrende Mantren auf, wie „I need a sneaky fashion to get what I want“ und „I can‘t decide“, wobei das Spiegeln des verformten und verspielten Artista Glases und die Phantasmen aus Gummi durch die Fenster leuchten. Der Installations-Shot zeigt die Glasarbeit und die Phantasmen durch eines der ausgesparten Fenster, der Sound die narrative Ebene dazu. Die Arbeit knüpft an die Idee eines raumdynamischen Bildes an, das die Malerei in den Raum erweitert. Die Glasarbeiten, die wie Paneele an der Wand lehnen und sich durch die eingesungenen geloopten Stimmen zusammenfügen, sind ein zentraler Ansatz meiner künstlerischen Arbeit. Dieser ist abhängig vom Raum jedes Mal anders konzipiert.

Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Diese Arbeit zeigt für mich den unbewussten Zugang zu den uns umgebenden Möglichkeiten in dieser Zeit, Kunst sichtbar zu machen. Ausstellungsräume sind momentan selten begehbar oder oft nur von außen einsehbar. Hier ist die Passage im Gasteig ausschlaggebend, die von dem Sound umgeben ist, und in der die Glasarbeit nur durch die mit Buttermilch ausgesparten Fenster einsehbar ist. Der Sound ertönt in der Passage, und die Passant*innen können durch die Fenster sehen, was sich dahinter abspielt, aber nicht alles ist sichtbar und kann nur aus der Distanz betrachtet werden. Dabei werden die Phantasmen hier noch mehr Teil der Realitätsverschiebung.

Wie siehst Du Deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit Deiner Kollegin (die in einer anderen künstlerischen Sparte tätig ist)?

Janna Jirkovas filmische Performance über die Stadt Los Angeles zeigt eine brüchige Stimmung eines sich immer wieder verändernden Stadtbildes und verbindet Sound, Text und Bild. Meine Arbeit lässt sich ebenfalls auf die gegenwärtige Stadtsituation in München während der Corona-Pandemie ein. Die Bild-im-Bild Situation in meiner Arbeit korrespondiert ebenso mit den unterschiedlichen Ebenen und Distanzen. Die filmische Arbeit von Janna arbeitet mit gesprochenen Textfragmenten, wohingegen meine Sounds eher malerische Schichtungen sind. Trotz der unterschiedlichen Herangehensweise verbindet uns die synästhetische und unbewusste Ebene, die bei ihr einmal filmisch-piktografisch umgesetzt wird und bei mir akustisch-malerisch zusammenspielt.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Seit dem letzten Jahr arbeite ich vermehrt an meinen Soundarbeiten und setze diese performativ in Raumkontexte um. Dadurch, dass es kaum Ausstellungsmöglichkeiten gab, die begehbar sind, tritt die visuelle Ebene in den Hintergrund. Durch die Kontaktbeschränkungen ist der Fokus auf das Arbeiten stärker geworden, wodurch die Arbeit im Atelier konzentrierter wird. Aber die Krisensituation erfordert mehr Kraft, und ich brauche mehr Erholungspausen. Neu ist für mich, Performances und Ausstellungsbegebenheiten zu streamen, wobei ein anderes Distanzverhältnis zu den Zuschauer*innen entsteht. Dies ist nicht nur Bereicherung, sondern verringert die direkte Kommunikation mit den Rezipient*innen, verstärkt aber den Fokus auf die eigene Präsenz.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Kunst kann sich gegebenen Situationen anpassen und diese spannender machen. Indem sie Realitäten in einem anderen Licht zeigt, bietet sie die Möglichkeit, sich an einen anderen Ort zu träumen. Sie gibt Raum, Dinge anders zu denken, und spielerisch neue Wege zu entdecken.

Lina Zylla, geb. 1986 in München, studierte Kunstwissenschaften an der LMU München und Freie Kunst an der AdBK München. 2019 schloss sie als Meisterschülerin von Florian Pumhösl ihr Diplom ab und erwarb den Preis der Akademie der Bildenden Künste. Anschließend erhielt sie ein Stipendium für ein Projekt in Italien vom DAAD und den Preis für junge Kunst PERSPEKTIVEN vom Kunstclub13 and der PLATFORM. Ihre künstlerische Praxis konzentriert sich auf die Manipulation von Realität und kreist um die Frage, wie diese ausgelöst und erhalten wird. In ihren Installationen und Performances reagiert sie malerisch visuell-akustisch auf die jeweiligen Räume. Zuletzt waren Sound- und Glasinstallationen in der Ausstellung ZimmerFrei 2020 im Hotel Mariandl und  im Pixel am Gasteig zu sehen und zu hören.

/www.linazylla.com

 

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