Lydia Daher / Gerald von Foris

Lydia Daher ist Lyrikerin, Musikerin, Performerin und Produzentin. Im Bereich der bildenden Kunst gab es schon einige Kooperationen mit nationalen und internationalen Künstler*innen.

Mit Gerald von Foris teilt sie die Aufmerksamkeit für das Detail und eine gewisse Unerschrockenheit. Mehrfach ließen sie ihre Bild- und Gedankenassoziationsketten schon aufeinandertreffen, u.a. 2015 im Foto-Text-Buch „Frisches Trauma“.

„Vielleicht ist dies ein guter Tag, um an gute Tage zu denken“

 

 

Die Texte, die Lydia Daher zu den Fotografien von Gerald von Foris ausgewählt hat, sind während des ersten Lockdowns entstanden. Ähnlich wie in ihrer Publikation „101 Collagen“ hat sie eine besondere Form von digitaler Cut-Up-Lyrik verwendet. Kommentare aus Musik-Foren im Internet wurden von ihr ausgewählt und verändertum dann daraus eigenständige Textcollagen zu kreieren. Es entstehen ganz neue Sinnzusammenhänge.

Die Texte der Lyrikerin zeugen von einem spielerisch anmutenden Umgang mit Sprache. Die Zeilen wirken wie Sprachfetzen, die sich wie zufällig beim „Durchzappen“ des Fernsehprogramms aneinanderreihen und doch einen (neuen) Sinn ergeben. Vielleicht sind es Abbilder der Gedankenfetzen, die während der Pandemie immer wiederkehren, sich aneinanderreihen und überlappen, um sich anschließend gegenseitig zu überholen, bis einem schwindelig wird.

Lydia Daher schafft so neue Imaginationsräume, schlägt verschiedene Stimmungen an, die man gedanklich durchschreiten kann wie die Bilderwelten von Gerald von Foris. Da ist nichts Prätentiöses, nichts Aufgesetztes, Bild und Text leuchten gegenseitig auf sich, es entsteht ein Gegenüber

(BM)

 

mehr schlaflose Nächte

Interview mit Lydia Daher

 

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

Die Arbeit ist noch im Prozess. Deshalb kann ich in diesem Moment nicht genau sagen, was sie mir bedeutet. Die Auszüge, die hier zu lesen sind, knüpfen an meine Schreibexperimente an: Ich denke mir selbst eine Aufgabe aus und stecke mir einen zeitlichen Rahmen dafür. Die Texte sind während des ersten Lockdowns auf Basis von Kommentaren entstanden, die Nutzer unter zwei Ambient-Alben auf Youtube hinterlassen haben. Ich habe aus dem vollen Kommentar-Material geschöpft, das heißt ausgewählt, collagiert, frei übersetzt und hier und da etwas hinzugefügt.

Wie siehst du deine Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Ich wollte neue Gedichte schreiben, mir fehlte aber aufgrund der Gesamtsituation im ersten Lockdown die Konzentration. Also habe ich mich für eine spielerische Form der Textproduktion entschieden, um überhaupt etwas zustande zu kriegen. Nebenher habe ich täglich Skizzen für einen Zyklus gesammelt, der wohl mehr mit meinem Leben und Erleben zu Beginn der Pandemie zu tun haben wird. Ich werde die Aufzeichnungen noch etwas ruhen lassen und dann sehen, ob sich daraus etwas machen lässt.

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deines Kollegen (der in einer anderen künstlerischen Sparte tätig ist)?

Gerald und ich sind gut befreundet und haben auch früher schon zusammen gearbeitet. Seinem Bildband „Frisches Trauma“ durfte ich einige Texte beisteuern, und gemeinsame Ausstellungsprojekte haben wir auch schon realisiert. Unser künstlerischer Blick ähnelt sich, und deshalb passen unsere Arbeiten ganz gut zusammen: Der Fokus auf die scheinbar kleinen Dinge des Alltags, in denen sich die großen und kleinen Dramen offenbaren. Es gibt Menschen, die finden unseren Blick zu düster, zu melancholisch, aber das greift zu kurz. Beim Betrachten von Geralds Fotos, zum Beispiel, muss ich oft lachen. Er ist der Cioran der Fotografie. Das wird er mögen.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Ich habe weniger Jobs, bin nicht so oft beruflich unterwegs, habe aber nicht unbedingt mehr Zeit, weil ich mal wieder keine geregelte Betreuung für meinen Sohn habe. Und es gibt mehr schlaflose Nächte. Die Sorgen umspannen mittlerweile viele Bereiche: Gesundheit, Arbeit, Soziales, Kultur. Alles auf einmal. Das ist wohl neu.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Ich bin überfordert mit der Frage. Kunst und Künstler*innen müssen dazu keine genaue Gedanken haben, finde ich.

Lydia Daher, geb. 1980 in Berlin, lebt und arbeitet ebendort. Die Lyrikerin experimentiert und kollaboriert national und international an den Schnittstellen zu Musik, Hörspiel, Performance und bildender Kunst. Außerdem ist sie als Kuratorin und Moderatorin für Kulturveranstaltungen und als Dozentin für kreatives Schreiben tätig. Ihre Literatur wurde mit Preisen und Stipendien ausgezeichnet, ihre Bildkunst in mehreren Einzelausstellungen, zuletzt im Literaturhaus Stuttgart, gezeigt.

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