Lydia Haider / Karen Irmer

Gesang 17
Lasset kein faul Geschwätz aus eurem Munde, sondern was nützlich zur Besserung, wo es
Not tut, dass es holdselig sei zu hören, nicht dieses brunzwarm bildungsbürgerliche
Gesudere von einem Ordentlich und Gerade, so gänzlich detachiert, so ganz und gar glatt
und geschmiert und so stinkend, einzig und allein bloßgelegt als Faulbrut, als die stinkendste
Faulbrut aller faulen Bruten, die leibhaftige Vollfaulbrut.

 Gesang 39
Darum sollt ihr keine Arbeit tun.
Ich richte das schon für euch.
In Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhren, in Wachen, in Fasten. 

Gesang 60
Von wahrer Niedertracht zeugt ihr Naturverbundenen, der Natur Verfallenen – die ihr euch
in und mit und durch die Natur dem Tod so anbiedert, dass man speiben könnte Tag und
Nacht wenn man das sieht. Echte Stärke beweist ihr, die ihr in Künstlichkeit und Beton und
menschlicher Entfremdung dem Tod in die Visage schaut und nicht flüchtet ins Naturhafte dabei.
Die Natur ist der Tod.
Die Kunst ist der Übertod.

Gesang 34
Verirrtes, verlorenes Schaf: Suche deinen Knecht: Mich!
Und wenn du brav bist, darfst du am Ende des Tages auch sterben.

Und dieses gemeinsame Leiden lässt das Leid klein werden oder sogar verschwinden.

Interview mit Lydia Haider

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

Diese Texte haben einen sehr speziellen Produktionsprozess hinter sich: Vor Jahren habe ich begonnen, kürzere Texte zu schreiben, Texte unterschiedlichster Art und noch ohne durchgehendes Konzept, ohne bestimmten Plan. Und diese Texte, nennen wir sie ruhig Gedichte oder Lyrik, waren weit davon entfernt, ernsthaft veröffentlicht zu werden, da sie in meinen Augen noch nicht „genügten“. Viele dieser Texte habe ich dann einfach vertont – um den Abfall noch irgendwie zu verwerten, um das noch Fehlende vielleicht über Musik hinein zu bekommen. In diesem Vertonungsprozess veränderten sich Rhythmus, Schwerpunkte, Satzstellung, der Gestus, die Wortwahl, schlicht sehr viel. Ein beinahe durchgehender und sich selbst ad absurdum führender liturgischer Gestus nahm Einzug in die Texte. Zum Verständnis: Meine Band inszeniert eine Messe und nennt sich gebenedeit, man kann sich daraus in etwa zusammenreimen, was ich meine. Und letztlich wurden die Texte dann doch richtige und standhafte Gedichte, da sie durch den Vertonungsprozess gegangen waren, durch die Aufführung, durch das Gehörte. Und zugespitzt in dieser Form funktionieren sie nun auf dem Blatt, wie ich finde. Genregrenzen wurden damit nicht überwunden, denn es gab diese Grenzen nie. Ein alter Hut.

Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

In der Pandemie hat sich meine Zeit noch mehr begrenzt – als Mutter zweier Kinder und in einem Produktionsprozessrad, das sich nicht langsamer drehte, sondern ganz im Gegenteil, immer schneller. Diese Texte sind konsumierbarer für alle, die ebenso an Zeitmangel leiden. Außerdem sind sie wie ein Reinigungsritual: Leser*innen erzählen mir oft, dass sie die Gesänge gerne vor dem Einschlafen lesen, um ihren Frust und ihre angestauten Aggressionen des Tages loszuwerden, um sie zu verlachen, um das Gefühl zu bekommen, dass es vielen Menschen wie ihnen geht. Und dieses gemeinsame Leiden lässt das Leid klein werden oder sogar verschwinden. Oder das Gefühl von Macht in der Ohnmacht erstarken.

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deines Kollegen?

Dieses Zusammenspiel ist eines mit einer Kollegin und nicht mit einem Kollegen. Ich bin da sehr streng, denn Sprache bildet unsere Wirklichkeit ab. Würde ich die weibliche Form nicht verwenden – bzw. Sie haben diese nicht verwendet – so existiert mein Geschlecht nicht in dieser Wirklichkeit.
Spannend am Werk der Kollegin finde ich die Engführung von Natur und Kultur/Kunst, und außerdem die sehr eigene Sicht auf das Abgebildete, damit einhergehend als Erweiterung des Blickes und damit wiederum des Eigenen. Ein Fokus auf den Ausschnitt. Das ist vergleichbar mit den Gesängen, die ebenso ein Ausschnitt sind und ebenso begrenzt und beschränkt von daher, aber in dieser Begrenzung wiederum das Eigene erst ermöglichen, das ansonsten ausufern täte.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Vieles und Nichts: Mit Arbeit habe ich mich beinahe „derstessen“, wie man in meinem Herkunftsdialekt sagt, also „erstoßen“. Ich musste oder konnte trotz der Pandemie aufgrund von Theaterarbeiten dennoch reisen, hatte ein Übermaß an Kinderbetreuungsarbeit zu leisten, wollte aber nicht auf den Rausch, den ich für mein Arbeiten gern verwende, verzichten, und meine Schreibsituation hat sich grundlegend verändert, da ich normalerweise in Kaffeehäusern und Beisln schreibe, in Menschen, in Gesellschaft.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Ebenso Alles und Nichts. In einer Existenznot – vgl. Brechts „Zuerst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ – geht der Fokus des Menschen nicht auf, sondern zu. Aber eigentlich glaube ich das nicht. Denn die Moral kommt auch nicht hinterher. Die Moral kommt überhaupt nie, denn sie ist dem Menschen nicht inhärent. Und das bedeutet: Kunst kann eigentlich nichts, so wie die Menschheit ebenso nichts kann, wie sollte auch etwas etwas können, das von einer solchen kommt.

Lydia Haider, geb. 1985 in Steyr, lebt und arbeitet als Schriftstellerin in Wien. Sie studierte Germanistik und Philosophie und arbeitet an einer Dissertation mit dem Titel Rhythmische Subversion in Texten Thomas Bernhards und Ernst Jandls. Außerdem ist sie Chefpredigerin der Musikkapelle gebenedeit und hat an Allerheiligen 2020 das erste Album – Missgeburt. Macht eine Messe! – im Musikverlag problembär records veröffentlicht. Im Moment ist sie Hausautorin am Volkstheater Wien und arbeitet u.a. an Projekten mit der Volksbühne Berlin.

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