Maria Berauer / Fumie Ogura

Maria Berauer, Triade, 5:49, Video Triptychon, 2017

Maria Berauer hat 2012 ihr Diplom im Bereich Medienkunst an der Akademie der Bildenden Künste München absolviert. Ihr künstlerisches Schaffen umfasst neben Videos auch Performances, Installationen, Klangkunst und Aktionen im öffentlichen Raum. Verbindendes Element ist dabei der eigene Körper, den sie als Werkzeug und Material einsetzt, um die Spielarten des menschlichen Seins und Verhaltens zu untersuchen.

Maria Berauer präsentiert in ‚Triade‘ (Dreiheit) ein sinnliches Enthüllungsspiel: Die Künstlerin ist vollständig unter einem blauen Hut aus Stoff, der an eine Zwergenmütze erinnert, versteckt. Durch das Ziehen an einer Schnur hebt sich der Überwurf sukzessive nach oben und gibt dadurch die Sicht auf den nur mit Unterwäsche bekleideten Körper frei. Der Hut wird abwechselnd zum Rock oder zur langen Kutte.

In rhythmischen Wiederholungen wird der blaue Stoff angehoben und enthüllt den Körper darunter, der ständig bemüht ist, eine gute Figur zu machen, bevor der blaue „Vorhang“ wieder fällt. Das geräuschvolle Ziehen der Schnur lässt Maria Berauer zum Dirigenten ihres Spiels werden. Der Dreiklang erinnert eher an eine Komposition, als an ein zufälliges Klangereignis.

Die Aufnahme wird zeitversetzt nebeneinander als Triptychon präsentiert und kann als kritischer – zugleich augenzwinkernder – Kommentar zum allgegenwärtigen Zwang zur Selbstdarstellung und Selbstinszenierung gelesen werden.

(BM)

Der Körper ist für mich das wichtigste künstlerische Werkzeug

Interview mit Maria Berauer

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Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

Die Videoarbeit ‚Triade‘ ist schon etwas älter, aber sie ist eine meiner Lieblingsarbeiten geworden, und erstaunlicherweise sehe ich sie mir immer noch gerne an. Wenn ich darüber nachdenke, welchen Stellenwert die Arbeit in meinem Werk einnimmt, dann finde ich, dass sie beinahe als Manifest für meine künstlerische Auffassung gelesen werden könnte. Es geht um Selbstinszenierung und Selbstdarstellung und darum, den Körper als künstlerisches Material und Ausdrucksmittel zu benutzen und dies zugleich im Akt des Zeigens zur Schau zu stellen. Seit meiner Kindheit tanze ich, und der Körper ist für mich das wichtigste künstlerische Werkzeug. In ‚Triade‘ geht es um das Zeigen und Verbergen der eigenen Körperlichkeit einerseits, aber auch um die Show und den Versuch, stets eine gute Figur abzugeben, gleich wie wackelig und ungünstig die Ausgangslage und die momentane Verfassung ist. Vorhang auf, Vorhang zu. Dreifach nebeneinander und zeitlich versetzt wird jede erneute Enthüllung zum sportlichen Ereignis und kommentiert zugleich augenzwinkernd den allgegenwärtigen „Zwang“ zur Selbstdarstellung. Humor und die Rolle der Künstlerin als Clownin spielen in meiner Arbeit immer schon eine wichtige Rolle.

Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Schwer zu sagen. Die Leichtigkeit und der Ulk der Arbeit scheinen im Angesicht des Schreckens der Pandemie wie, naja…, aus einer anderen Zeit. Eine solche Arbeit wäre wohl kaum im letzten Jahr entstanden. Oder vielleicht gerade erst recht?

Ich denke in letzter Zeit immer wieder an ein YouTube-Video aus Spanien, das während des ersten Lockdowns entstanden ist und um die Welt ging: Ein Pfleger im Krankenhaus, der in voller Schutzmontur, also mit so einem weißen Ganzkörperanzug und Atemmaske, ein Bett mit einem Schlauch desinfiziert und plötzlich, wie aus dem Nichts heraus, ein paar Flamenco-Schritte tanzt und dazu rhythmisch die Desinfektionsdüse betätigt. Irgendwie hat mich das sehr berührt und ich finde, das zeigt eindrucksvoll, wie der Mensch aus beinahe jeder noch so aussichtslosen Situation einen Moment der Hoffnung, der Freude und der Poesie machen kann. Vorausgesetzt der Wille und die Kraft dazu sind da.

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit Deiner Kollegin (die in einer anderen künstlerischen Sparte tätig ist)?

Interessanterweise haben wir beide eine Arbeit von 2017 ausgewählt, und als wir darüber gesprochen haben, ist uns aufgefallen, dass wir uns in diesem Jahr kennengelernt haben. Ein schöner Zufall.

Was unsere Arbeiten verbindet? Wir mögen Blau. Wir spielen mit Balance, suchen Stabilität im Instabilen oder andersherum und bedienen uns der Schwerkraft. Wir machen ernsthaft Komisches und nehmen uns dabei nicht zu ernst. Ich mag Fumies Arbeit sehr, unter anderem, weil sie mich zum Schmunzeln bringt und weil sie leichtfüßig daherkommt, aber dabei ziemlich ausgeklügelt ist. Sie erzeugt eine Art Schwebezustand: Jeden Moment könnte das ganze Konstrukt kippen und mit lautem Krach in sich zusammenbrechen. Diesen spannungsgeladenen Moment, den Fumie in der Arbeit erzeugt, den finde ich sehr anziehend. Es hat etwas performatives, etwas von Unberechenbarkeit und Möglichkeit. Das interessiert mich als Performerin. Und dass sie auch ein bisschen gefährlich ist, das finde ich toll! Ich glaube, was uns künstlerisch verbindet, ist vor allem der Humor, aber auch eine formale Klarheit und Reduktion.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Uff, so viel! Was die Kunst angeht, so hat mir die Kollaboration mit anderen Künstler*innen schon sehr gefehlt. Die Proben mit dem Performance-Kollektiv „The Hercules and Leo Case“, das Kat Petroschkat, Karo Knote und ich 2015 gegründet haben, fielen über einen langen Zeitraum komplett flach. Das kollektive Arbeiten mit dem Körper und im Fall von „The Hercules and Leo Case“ mit der Stimme und selbst entworfenen Instrumenten, lebt von der Begegnung und der spontanen Kreation im Moment, wenn wir zusammenkommen. Wir haben uns nach anfänglicher Skepsis dann doch auf Zoom eingelassen und eine Online Performance entwickelt, und – wir hätten das nicht gedacht – es hat super geklappt, und wir haben ganz neue Wege für uns gefunden. Außerdem sind meine beiden Mitperformerinnen gerade beide Mamas geworden und eine rasche Zoom-Probe zwischendurch, wenn die Babies schlafen – perfekt! Und gerade besser mach- und organisierbar, als sich live zu treffen. So sind in der Not auch viele gute Sachen entstanden, wie z.B. das international agierende Klangkunst-Netzwerk „Alligator Gozaimasu“, das u.a. von der großartigen Münchner Künstlerin und Soundartistin Stephanie Müller aka Rag Treasure gegründet wurde. Teilzuhaben an diesem weltumspannenden Künstler*innen-Netzwerk macht Mut und hat mich vor allem in den Lockdown-Phasen motiviert und ein Gefühl von Verbunden-Sein erzeugt.

Dennoch: Online Begegnungen ersetzen keine Performances vor Publikum, und ich kann es kaum erwarten, wieder zu proben und live aufzutreten.

Was kann nur Kunst in der Krise?

         

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Maria Berauer, geb. 1982 in Regensburg, lebt in München und bewegt sich künstlerisch in und zwischen den Bereichen Performance, Video, Installation, Klangerzeugung und Aktivismus.Sie hat an der Akademie der bildenden Künste München Medienkunst studiert und diverse Stipendien, Förderungen und einen Preis erhalten und international ausgestellt und performt. 2015 gründete sie mit Kat Petroschkat und Karo Knote das Performance-Kollektiv „The Hercules and Leo Case“. Sie ist außerdem als Dozentin für Performance, weitere künstlerische Sparten und Tanz tätig.

www.mariaberauer.com

 

 

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