Maria Cristina Tangorra/ Cristina Ohlmer

‚Scoprire / Entdecken‘
Viele Dinge passieren, manche warten darauf, gefunden zu sein. Maria Cristina Tangorra und Cristina Ohlmer erkunden / entdecken mit unterschiedlichen Medien das menschliche Verlangen nach Glück als die große Sehnsucht des Lebens – die Suche nach Zugehörigkeit und Werten. Ist Glück ein Versprechen für den Auserwählten? Hat Glück mit dem Willen zu tun? Was stillt unsere Sehnsucht nach Identität? Gibt es Orte der Sehnsucht, die in allen Kulturen zu finden sind, an denen Erfahrungen des Überirdischen möglich sind?

Zwölf Gärten, 2009-2019, Installation von zwölf Werken, Freskomalerei, Pigmente und Radierung auf Putzträger, über das Werk der hl. Caterina Vigri (Bologna, Italien, 15. Jh.)

Maria Cristina Tangorra findet in einem Garten den Ort, der ihre Sehnsucht stillt. In der christlichen Ikonografie ist der Garten eine „Wohnung der Seele“. Nicht nur, dass Maria Cristina Tangorra selbst sehr gern gärtnert. Für ihre Installation ‚Zwölf Gärten‘ hat sie sich von Caterina von Bologna inspirieren lassen. Sie beschreibt in ihrem Werk detailliert den Weg durch die zwölf Gärten, der höchst sinnlich der Lebensentfaltung dient.

Der Parcours von Maria Cristina Tangorra war ursprünglich für den Innenhof eines Klosters konzipiert. Klöster haben es verstanden, Gärten anzulegen und jede Pflanze – von einfachen Heilkräutern bis hin zu edlen Blüten und Gewächsen – dem Leben dienen zu lassen. Dieses Verstehen war auch Caterina von Bologna zu eigen. Sie beschreibt drei Tage, an denen sie auf der Suche nach dem Selbst, auf der Suche nach Gott je vier Gärten durchschreitet. Jede Pflanze, jede Farbe, jede Gestaltung erhält einen bestimmten Sinn, eine bestimmte Deutung. Maria Cristina Tangorra gestaltet in ihren zwölf Gärten, gleich einem Gärtnerhandwerk, das innere Wachstum der Seele, mit allen Wegen und Umwegen, filigran und sensibel. Es ist ein innerer und künstlerisch-handwerklicher Prozess des ENTDECKENS.

(Zu Gast im Team Kunst-Netz-Werk: Dr. Katharina Seifert, Referat Kunst, Kultur, Kirche, Erzdiözese Freiburg)

Kunst als Aus-Weg

Interview mit Maria Cristina Tangorra

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

Die Arbeit ist aus meiner Auseinandersetzung mit dem Werk der Mystikerin der hl. Caterina Vigri aus Bologna (15. Jh.), entstanden. Diese Begegnung stellt einen Fixpunkt, nicht nur in meiner Kunst, sondern auch in meinem Leben als Christin, dar. Es gibt Orte der Sehnsucht, die in allen Kulturen zu finden sind. Ein solcher Ort ist der Garten: Die Suche nach dem glückseligen Ort, wo alle Menschen geboren sind, der gleichsam schön, Leben spendend, gesund und nützlich ist, ist die verbindende Vision einer idealen Gartenvorstellung – in den Religionen, in der Literatur und in der bildenden Kunst. Viele Mystiker wählten das Bild des Gartens zur Darstellung ihres Weges zu Gott und bedienten sich hierfür allgemein bekannter Symbole aus der Pflanzenwelt (wie beispielsweise der Lilie als Symbol der Reinheit). Caterina Vigris Text knüpft an diesen Traditionen an. In ihrem Werk fand ich auch das Vorbild eines Gesamtkunstwerkes, im dem in synästhetischer Erzählung Deutung, Form, Farbe, Geruch und Klang im geschriebenen Wort zerschmelzen. Meine Arbeit nährt sich aus dieser Quelle und aus dem Reichtum der tradierten Formensprache, um die Spuren jener mystischen Erfahrungen nachzuverfolgen.

Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Hierzu möchte ich mit einem Zitat von T. Adorno antworten: „Die vollends aufgeklärte Welt erstrahlt im Zeichen triumphalen Unheils“. In Krisenzeiten suchen die Menschen nach Rückzugsorten, aus denen sie Halt und Hoffnung schöpfen können. Das Sinnbild des Gartens als Wohnung der Seele ist verankert in unserer westlichen, christlichen Tradition. In einer Gesellschaft, die den Glauben durch Wissenschaft ersetzt, will meine Arbeit ein Denkanstoß sein, um diese geistliche Ebene nicht zu verachten – sie vielleicht neu zu entdecken.

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deiner Kollegin (die in einer anderen künstlerischen Sparte tätig ist)?

Cristina Ohlmer ist wie ich eine Suchende. In unserer künstlerischen Praxis experimentieren wir beide mit unterschiedlichen Medien, Materialien und Formaten. In ‚Scoprire-Entdecken ‘ enthüllt sie performativ eine wildbelassene Landschaft und enthüllt dabei eine glänzende Goldschicht. Auf dem Weg durch meine ‚Zwölf Gärten‘ untersuche ich wiederum von Menschen gestaltete Orte, an denen Erfahrungen des Überirdischen möglich sind. Unsere Ansätze sind also unterschiedlich: hier die Reflexion über das Verhältnis Mensch/Wildnis, dort über die von Menschenhand gestaltete Umgebung. Uns eint die Frage nach den Gründen der Sehnsucht, eine schonungslose, ernsthafte Intention und ein ähnliches Verständnis der Kunst – und damit auch des Lebens, das starke Anleihen bei der italienischen Kultur nimmt, was dann einer hiermit übereinstimmenden Biografie geschuldet ist.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Als 1960er Jahrgang in Italien aufgewachsen, waren die zentralen gesellschaftlichen Fragen meiner Generation das Bewahren der freiheitlichen Gesellschaft und der Glaube an eine wirksame Einheit Europas. Dies alles ist durch die Pandemie-Krise in Gefahr geraten. Die Fragen nach dem Verlust der Freiheit, nach der Leichtigkeit, mit der lang erkämpfte Errungenschaften ihre Wirksamkeit verlieren können, nach den Werten einer Gesellschaft und nach dem Sinn einer künstlerischen Tätigkeit sind in den Vordergrund getreten und haben auch mein künstlerisches Schaffen bestimmt.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Kunst, als freier Gedanke und als einzige unabhängige Forschung, kann Krisen untersuchen und womöglich Aus-Wege aufzeigen, vorausgesetzt, sie kann über den Zeitgeist hinaus denken. Zusätzlich hat sie für mich die Aufgabe, die Werte der Spiritualität, besonderes bei solchen folgeschweren gesellschaftlichen Veränderungen wie den aktuellen, zu bewahren. Sie sollte nicht nur Ausdruck der Träume und der Sehnsüchte der Menschen, sondern auch eine der Werkstätten der Zukunft sein.

Maria Cristina Tangorra, geboren 1961 in Mailand, Italien, ist eine bildende Künstlerin und Kunstdozentin, die seit 30 Jahren in Süddeutschland tätig ist. Sie studierte Architektur in Rom und am Politecnico Mailand und Malerei an der Kunstakademie Brera in Mailand. Ihre Werke befinden sich in einigen öffentlichen Sammlungen und wurden mit Preisen honoriert. In ihrer Arbeit hinterfragt sie Themen der Kulturgeschichte und des Gesellschaftsleben, mit einem besonderen Interesse für den Garten als Ort der Sehnsucht nach Spiritualität. Dabei experimentiert sie mit unterschiedlichen Medien und entwickelt raum- und prozessorientierte Installationen und Projekte im öffentlichen Raum.

www.tangorra.de

 

 

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