Mark Polscher / Ena Oppenheimer

Mark Polscher, Blanche Starr, 2014, Kompositionsskizze, Filzstift und Acryl auf Packpapier, 33 x 50 cm

 

…das Schweigen zum Sprechen bringen.

Musik ist tönendes Schweigen. Es handelt sich nicht um Verschweigen, sondern um das Schweigen, welches spricht. Nie also sprechen, um das Schweigen zu brechen, sondern das Schweigen zum Sprechen bringen.“ (Karl Bohrmann)

Die gezeigten Arbeiten von Mark Polscher bilden skizzenhaft Leben, Aktion und Werk als eine Einheit im Sinne eines sehr persönlichen Gesamtkunstwerks ab. Die Form der Zeichnung ist ein Garant für künstlerische Freiheit. Notenbilder, Notizen, Gedanken, Ideen werden wie Chiffren spontan und auch als Spurensicherung einer „verborgenen“ Mythologie abgebildet. Fast wie Tagebucheinträge werden die Einträge gesetzt. Auf einer Arbeit ist „Anakoluth“ zu lesen, so auch der Titel der Komposition, als ob dem Schreiber wichtig ist, dass nicht die Gesamtkomposition der Zeichnung im Vordergrund steht, sondern ihre Form sukzessive durch Brüche, Ergänzungen, Einfügungen und Änderungen entsteht. So können Intuition und Reflexion im Dialog miteinander verbunden und dynamisch weitergetrieben werden.

Die Kompositionsskizzen spiegeln das Interesse des Künstlers an der prozessualen künstlerischen Entwicklung. „Es ist nicht meine Absicht innerhalb der musikalisch künstlerischen Prozesse eine persönliche Entwicklung abzubilden, sondern ich versuche über die natürliche Beschränkung meiner Persönlichkeit hinauszugehen, also ein Material zu entdecken, jenseits der eigenen Befindlichkeiten.“ (Mark Polscher)

(HB)

 

Künstlerische Prozesse und auch persönliche Entwicklungen bedürfen doch einer längeren Beobachtung, um sie reflektieren zu können.

Interview mit Mark Polscher

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Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

Seit gut 20 Jahren entstehen zusätzlich zu den Partituren bei jedem Stück eine oder mehrere Kompositionsskizzen. Ursprünglich war es eine rein praktische Entscheidung, um alle Ideen, Gedanken und Notizen für eine neue Arbeit an einer einzigen Stelle zu vereinen und so den gesamten Entstehungsprozess stets im Überblick zu behalten. Um auch komplexere Strukturen sofort notieren zu können, habe ich dann begonnen, mit Farben und Formen zu arbeiten. Mit der Zeit konnte ich so ein graphisches Vokabular entwickeln, mit dem ich nicht nur musikalisches Material, sondern auch szenische Vorgänge, Hinweise zur Aufführungspraxis oder audiotechnische Ereignisse beschreiben konnte. Da die Skizzen mehr und mehr zum zentralen Arbeitsblatt wurden, bin ich dazu übergegangen, alles, was die laufende musikalische Arbeit betrifft, dort zu vermerken, also auch persönliche Gedanken oder tagebuchähnliche Einträge. Ebenso Ideen, die nicht unmittelbar mit dem aktuellen Stück zu tun haben, von denen ich aber grundsätzlich annehme, dass sie sehr wohl irgendwie dazu gehören, sonst wären sie mir in dem Moment nicht in den Sinn gekommen, finden ihren Platz in den Kompositionsskizzen.

Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Bisher konnte ich keine Auswirkungen der Pandemie auf meine musikalische Arbeit feststellen, was sicherlich auch damit zu tun hat, dass man sich als Komponist während der Arbeit immer in einem quarantäneähnlichen Zustand befindet. Auch wenn die aktuelle Situation natürlich immer wieder für Unruhe und Irritationen gesorgt hat, so ist es noch viel zu früh, um zu Erkenntnissen zu gelangen. Künstlerische Prozesse und auch persönliche Entwicklungen bedürfen doch einer längeren Beobachtung, um sie reflektieren zu können.

Mark Polscher, Anakoluth, 2006, Kompositionsskizze, Filzstift auf Packpapier, 50 x 33 cm

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deiner Kollegin (die in einer anderen künstlerischen Sparte tätig ist)?

Ena Oppenheimer und ich haben uns erst vor kurzem durch eine gemeinsame Freundin kennengelernt und bereits bei unserer ersten Begegnung festgestellt, dass es in unseren künstlerischen Herangehensweisen einige Übereinstimmungen gibt. Ihre Arbeit ‚Dark Matter‘ hat mich sehr beeindruckt, und in unseren Gesprächen wurde schnell deutlich, dass es uns beiden in der Materialfrage um eine umfassende Gestalt geht, die versucht, über das rein physische Material hinauszugehen. Zu den Bildern aus ‚Dark Matter‘ fiel mir gleich eine Kompositionsskizze zu einem Stück aus 2014 ein, eine Klanginstallation für das Ernst-Barlach-Museum in Güstrow. Aber auch andere Skizzenblätter von mir korrespondieren in Anmutung und Ausdruck überraschend mit den Arbeiten von Ena. Wir haben dann entschieden, entgegen unserer eigentlichen Überlegung, dass wir für unsere erste Zusammenarbeit keine Musik von mir nehmen, sondern unsere Bilder gegenüberstellen wollen.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Wie schon erwähnt, ich kann es noch nicht beurteilen. Natürlich ist seit Beginn der Pandemie vieles passiert, innen wie außen, aber um zu konstatieren, inwieweit sich diese Ereignisse verändernd auf die künstlerische und die persönliche Entwicklung auswirken, bedarf es mehr Zeit. Allerdings sind die Tagesabläufe rhythmisierter geworden, und ich fahre mehr Fahrrad.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Ich denke nicht, dass der Kunst in der „Krise“ eine andere Bedeutung zukommt als vor oder nach einer außerordentlichen Situation, so wie jetzt diese Pandemie, zumal sich die Gesellschaft ja naturgemäß auch in einer Art Dauerkrise befindet. Natürlich wird man als Künstler immer auch auf die soziokulturellen Umstände reagieren und agieren, denn künstlerische Arbeit sollte ja permanent auf kritisches Hinterfragen bestehender Systeme basieren. Die mit der Pandemie einhergehenden ökonomischen Schwierigkeiten der meisten Künstler sind enorm, aber das ist keine Krise der Kunst (oder „Kunst in der Krise“), sondern eher eine Krise der Gesellschaft.

Mark Polscher, Komponist und Multiinstrumentalist, studierte bei Joe Mubare und Karlheinz Stockhausen. Sein Werkverzeichnis umfasst Orchester- und Chorwerke, Musiktheater und Kammermusik sowie rein elektronische Werke und Klanginstallationen. Durch seine langjährige Theaterarbeit, auch als Regisseur, sind viele seiner Stücke als szenische Musik mit elektroakustischer Aufführungspraxis konzipiert. Polscher ergänzt seine Konzert- und Studioarbeit durch Vorträge und Workshops.

www.markpolscher.de

 

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