Monika Huber setzt sich in ihren Foto- und Videoarbeiten kritisch mit der Kraft und Wirksamkeit medialer Bilder auseinander. Seit 2011 legt sie ein digitales Archiv mit Nachrichtenbildern an, die den globalen politischen und gesellschaftlichen Wandel widerspiegeln. Die medialen Bilder bearbeitet sie durch Übermalung, Schnitt, Fragmentierung und schärft mit ihren künstlerischen Mitteln den Blick auf das vorgeführte Ereignis. Durch diesen genuin malerischen Prozess eröffnen sich neue Bildwelten und Perspektiven.

Die Videoarbeit ‚AT HOME‘ entstand eigens für dieses Projekt zu Weihnachten 2020 und stellt die Frage nach dem „Zuhause“ in den Mittelpunkt. Auch in der Weihnachtsgeschichte spielt die „Herberge“ eine zentrale Rolle. In Zeiten von Migration und weltweiter Armut ist die Frage nach einem Zuhause allgegenwärtig, und gerade in diesen Tagen der Corona-Pandemie mit Einschränkung der Bewegungsfreiheit ist die Bedeutung des Zuhauses unmittelbar greifbar.

Die Videoarbeit spiegelt die Ambivalenz des Lebens auch im Erleben der Weihnachtstage wider. In der Tradition deutscher Weihnachtsgedichte, von v. Eichendorff über Storm bis Tucholsky, richtet sich der Blick auf das Leben, wie es ist, und ist doch verklärt durch Erinnerung und Sehnsucht.

Die Videoarbeit ist von der Rahmung eines Smartphones umgeben, der digitalen „Heimat“, die wir mit uns tragen, und die uns alltäglich als Blick in die Welt begleitet. Das Leitmotiv in der Videoarbeit ist eine brennende Kerze. Die glitzernde, auch kitschige Weihnachtsbilderwelt, persönliche Weihnachtserinnerungen in alten Fotografien, Sehnsucht, „Zuhause“ in aller Welt, heil und beschädigt, und die brennende Kerze, die alles immer wieder zentriert und vertieft – eine sehr persönliche und berührende und doch auch an manchen Stellen heitere Arbeit, begleitet von meditativen, gesampelten Klängen und musikalischen Fragmenten, in denen immer wieder das Motiv ‚Lume‘ – ‚Licht‘ von Andrea Tarrodi anklingt.

Monika Huber
AT HOME, Weihnachten 2020
Video, Dauer 6:43 min

Die Videoarbeit ist als Installation in München zu sehen vom 13.12.2020 bis 6.01.2021

  • Im rechten Seitenschiff der Heilig Geist Kirche
  • Im Freien im Haus-Durchgang zwischen Schäfflerstraße und Frauenplatz bei der Dombuchhandlung

 

Dr. Ulrich Schäfert im Gespräch mit Monika Huber

Was bedeutet dir diese Arbeit und wie ist sie gestaltet?

‚AT HOME‘ ist eine sehr persönliche Arbeit geworden. Es ist ein narratives Video über Weihachten, über Erinnerungen, über die unterschiedlichsten Orte in der Welt, an denen Menschen wohnen. Gleichzeitig zeigt es uns auch Bilder von Konflikten und Gewalt, von denen wir medial umgeben sind. Es ist wohl wie im richtigen Leben – das Nebeneinander von schönen und hässlichen Momenten, eben auch zur Weihnachtszeit. Um diese Disparatheit geht es mir, die wir alle täglich sehen und vielleicht auch erleben.

Zum Video: Ein Smartphone auf quietschgrünem Grund übernimmt das Framing der Bilder – es ist unser Fenster in die Welt geworden. Wir drücken den Home Button und schon sind wir mitten im globalen Geschehen. Aktuell, noch verstärkt durch die Pandemie, ist das Smartphone unser erweitertes „At Home“ geworden. Und das Internet wird zum täglichen Erlebnisraum, Office, Ausstellungsraum und zu vielem mehr.

Eine glitzernde Glaskugelwelt führt in das Video ein. Die Hersteller dieser Dekoartikel packen all den Kitsch – Weihnachtsmann, Zuckerstab, Schaukelpferd und Kind – in die Kugel rein, viel Glitzer dazu und schon schneit es, und irgendwie rührt uns dies an. Vielleicht erzeugt diese kitschige Glitzerwelt ein Schmunzeln in uns, erheitert uns – ich würde es mir wünschen. Mit Weihnachten hat dies alles nichts zu tun – es ist der Kitsch, Tand, der uns ablenkt.

Als wiederkehrende Konstante im Video entschied ich mich für eine schlichte, brennende Kerze. Sie ist einfach da, brennt ruhig vor sich hin, flackert hin und wieder und leitet in verschiedene Kapitel über.

Das Licht der Kerze verbindet Unversöhnliches, auch die ungleichen Bilder. Sie führt uns in die Kindheit, zu Weihnachten zurück und zu Orten, an denen Menschen unter sehr unterschiedlichen Bedingungen leben. Sie hält den weihnachtlichen Tand neben sich aus und brennt einfach weiter.

Die Kerze blendet über in Familienfotos zur Weihnachtszeit, ein schneller Gang durch die letzten 80 Jahre beginnt. Interessant ist zu sehen, dass bei all der Unterschiedlichkeit der weihnachtlichen Erinnerungsfotos von Freunden und Bekannten – egal, ob eine Fotografie brillant, verwackelt oder verblasst ist – sich fast immer eine spürbare erwartungsvolle Stimmung einstellt. Diese Stimmung verbindet die Fotografien durch verschiedene Zeiten hindurch und glättet unsere Erinnerung, denn wir wissen ja alle, dass Weihnachten für viele Familien nicht immer eine friedliche Zeit war und ist.

Eine andere Videopassage will wissen, wo ist „mein Zuhause“ oder wo kann zukünftig „mein Zuhause“ sein: Ist es das geraniengeschmückte Wohnhaus, das anonyme Hochhaus, der Verschlag an der Straße oder doch das überfüllte Boot, das auf dem Meer treibt. Unterschiede könnten hier nicht größer sein. Als EuropäerInnen sind wir wohl auf der besseren Seite des Lebens gelandet. Glück gehabt!

Und schon geht es wieder weiter mit dem Tand und Kitsch zur Weihnachtszeit. Die Kerze brennt weiter und blendet über in einen festlich gedeckten Tisch, Christbaumschmuck aller Art, und es schließt sich der Kreis mit dem leuchtenden Christbaum, als verbindendes Symbol wohl überall auf der Welt.

Zum Ton: Die Idee, die Kerze und die Komposition ‚LUME‘ der schwedischen Komponistin Andrea Tarrodi zu verbinden, entstand gleich zu Anfang. In ihrer Chorkomposition für mindestens 16 Stimmen lässt Tarrodi das Licht besingen und schafft einen Klangkörper, der den Raum langsam füllt und mit dem eigenen Echo spielt. In der Wiederholung des Gesanges wird die Anwesenheit des Lichtes schier festgehalten und bewegt sich mit dem Flackern der Flamme. Der Gesang ist auf der Tonebene die Fortführung der bildlichen Konstanz der Kerze. In der Tonmontage spiele ich mit dem musikalischen Motiv ‚LUME‘, zerschneide Tarrodis Komposition und füge sie neu zusammen. Dank hier nochmals an Andrea Tarrodi, dass ich ihre berührende Komposition verwenden durfte.

Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Im Moment leben wir alle sehr reduziert, vor allem isoliert, und vermissen unsere Erlebnisse außerhalb der eigenen vier Wände. Zugleich führt uns die Pandemie die Ungleichheit der Lebensbedingungen der Menschen bildlich vor Augen und zeigt uns deutlich, wie in einem Brennglas, welche gigantischen Aufgaben vor uns liegen, Güter endlich gerechter zu verteilen und unaufschiebbar (!) unsere Welt endlich nachhaltig zu gestalten und nicht nur auszubeuten, koste es was es wolle. Der Club of Rome machte uns bereits 1972 auf die Grenzen des Wachstums aufmerksam. Wir alle, jeder einzelne, die Politik und die Wirtschaft müssen handeln und können nicht mehr jahrzehntelang warten. Oder wollen wir erleben, wie sich unser Planet durch unser Nichtstun von selbst verabschiedet? Auch die diesjährige Arktis-Expedition MOSAiK zeigt uns, dass selbst die Atmosphäre in der Arktis sich verändert. Zu diesen gewaltigen Klimaveränderungen kommt hinzu, dass unsere Gesellschaft politisch extrem auseinander driftet. Meine große Sorge ist, dass unser Demokratieverständnis noch stärker untergraben und geschwächt wird. Dies erzeugt in mir manchmal ein machtloses Gefühl – diese Aufgaben sind extrem groß. Und alles muss global gedacht werden. Und gleichzeitig ist wieder Weihnachtszeit – das Video will diese Ambivalenz einfangen und dies in ca. 6 Minuten Bild und Ton. Es ist nur ein kleiner Versuch der Komplexität der Welt Herr zu werden.

Was hat sich für dich seit dem letzten Jahr verändert?

Der erste Lockdown war für mich einschneidend, der plötzliche Stillstand, von jetzt auf heute alles von 100 auf 0 herunterzufahren. Ein eigenartiges, diffuses Gefühl machte sich breit. Angenehm empfand ich die Entschleunigung – weniger Termine, weniger Verpflichtungen, man konnte das Hamsterrad endlich verlassen. Selbst der Natur tat es gut, weniger CO2-Emissionen – das könnte doch Zukunft haben!

Irritiert war ich von der Nachrichtenberichterstattung. Seit 10 Jahren dokumentiere ich täglich politisch-gesellschaftliche Veränderungen in der Welt, und plötzlich gibt es nur noch Nachrichten und Informationen ausschließlich zu Corona – März, April, Mai – kein einziges Foto mehr für das Archiv. Vor dem Lockdown viele Berichte über den Krieg in Jemen und Syrien – und jetzt nichts mehr, als wären die Kriege beendet.

Diese Nachricht wäre herzlich willkommen, jedoch die Welt hört ja nicht auf sich zu drehen – die Konflikte und Kriege gehen weiter, ausgeblendet, unkommentiert und fern ab der Öffentlichkeit. Was das für die betroffenen Menschen bedeutet, möchte ich mir gar nicht vorstellen. Das hat mich tatsächlich sehr schockiert.

Meine Arbeit im Atelier ging weiter und ich beendete das Video ‚WORDLESS‘. Es zeigt in 3 Kapiteln – ‚Border‘, ‚the Observer‘ und ‚Noise‘ – verschiedene Grenzverletzungen auf. Das Video liegt seitdem in der Schublade.

Nun sind wieder Monate vergangen, wir sind im 2. Lockdown, und meine Hoffnung ist geringer geworden, dass wir die Weichen für eine nachhaltige Zukunft jetzt besser stellen werden. Das stimmt mich ein wenig melancholisch; vielleicht schlägt sich das auch ein wenig im neuen Video ‚AT HOME‘ nieder.

Was kann nur die Kunst (in der Krise)?

Gute Frage, wenn die Kunst gerade so ausgebremst wird; im Moment dürfen wir ja gar nichts machen, außer still zu Hause sitzen und nicht nach außen treten. Kunst ist Austausch von Gedanken, Ideen, von Welt- und Wertvorstellungen, eine Reise in unbekannte Gebiete, ein Kennenlernen von fremden Inhalten und Sichtbarmachen von dem, was nicht gesehen wird, oder was nicht gesehen werden soll. Vor allem bedeutet Kunst Meinungsfreiheit und die Chance Utopien zu entwickeln, die vielleicht einmal real werden können. Kunst lebt mit und von Kommunikation und ist ein ganz wesentlicher Teil unseres gesellschaftlichen Lebens – wie öde wäre unsere Welt ohne die Kunst. Wir merken es doch jetzt alle, was uns fehlt, wenn Kultur nicht stattfinden darf.

Aber wir sind ja nicht allein seit der Corona-Pandemie in einer Krise. Krisen gibt es ja schon immer und stets um uns herum. Wir wollen sie nur manchmal nicht sehen, sie einfach aus unserem Leben heraushalten. Mein künstlerischer Ansatz ist gerade das Gegenteilige, nämlich dort hinzusehen, wo Konflikte stattfinden. Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit Ländern, die einen großen gesellschaftlichen, oft von Bürgerkriegen gezeichneten Wandel durchleben. Warum mache ich dies? Zum einen, um selbst zu verstehen, was und warum die Ereignisse so stattfinden und nicht anders; und zum anderen wünsche ich mir, dass es mir ab und zu gelingt, durch den Fokus der Kunst, auch andere Menschen für diese Themen zu interessieren.

Monika Huber (*1959 in Dingolfing) lebt und arbeitet in München. Sie studierte freie Malerei bei Prof. Fruhtrunk an der Akademie der Bildenden Künste, München und schloss 1985 das Studium mit dem Meisterschülerdiplom für Malerei und Grafik ab. Ihre Arbeiten werden seit 1983 in zahlreichen Galerie-Ausstellungen, Museumspräsentationen, architekturbezogenen Installationen und öffentlichen Interventionen gezeigt und sind vielfach ausgezeichnet. Die Künstlerin fand über 30 Jahre große Anerkennung für ihre reduzierten, oft großformatigen malerische Arbeiten, die die architektonischen Strukturen des Bildes betonen, bevor sie 2011 unter dem Eindruck der Medienberichterstattung über politische Umwälzungen begann, parallel zu ihrer bisherigen Arbeit Foto- und Videoarbeiten zu entwickeln. Start hierfür war die Werkreihe ‚EINSDREISSIG‘, deren Titel jenen Zeitraum bezeichnet, den eine Nachricht gewöhnlich innerhalb eines Nachrichtenblockes im Fernsehen einnimmt. Seit Ende 2010 legt Huber ein Archiv von Nachrichtenbildern an, die die Fernseh-Berichterstattung medial beherrschen: Proteste, Demonstrationen, die Krisen- und Kriegsherde u.a. in der Ukraine und in Syrien. Auch in ihren Foto- und Videoarbeiten pflegt Huber eine malerische Herangehensweise durch Übermalung, Schnitt und Montage, so dass die zugrundeliegenden Medienbilder oft nur noch schemenhaft zu erkennen sind und sich neue Sichtweisen eröffnen.
www.monikahuber.com

Dr. Ulrich Schäfert ist Theologe und Kunsthistoriker und leitet den Fachbereich Kunstpastoral der Erzdiözese München und Freising mit Sitz in St. Paul.“ www.erzbistum-muenchen.de/kunstpastoral

Eine Kooperation der Fachbereiche Kunstpastoral, Stadtpastoral und Pastoral Menschen mit Behinderung sowie der diözesanen Schwerbehindertenvertretung der Erzdiözese München und Freising

Dank an die Pfarrei Heilig Geist, München für die gute Zusammenarbeit und an den DG Kunstraum für die Unterstützung!

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1 Kommentar

  1. eva strasser Dezember 31, 2020

    Vielen Dank für die berührende Arbeit und das einsichtsvolle Interview. Die Gedanken knüpfen an Gedankenfäden bei mir an, denn ich verbinde Weihnachten vor allem mit Migration – auch der Flucht- und Vertreibungs-Geschichten in meiner und anderen deutschen Familien, die ja vor allem die Herausforderung des Neu-Anfangs ins Leben bringen. Deshalb ist für mich Weihnachten und auch viele Lebensgeschichten von Migranten auch ein Narrativ von Hoffnung, Gottvertrauen und Zuversicht, dass Gelingen nicht unmöglich ist. Als Psychologin beschäftige ich mich seit mehr als 30 Jahren mit Entwicklung und Veränderung. Da ist mir Ihre Arbeit eine große Inspiration.

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