Monika Humm / Isabel Haase
‚Sehnsucht‘, 2021
Video, 3:08 min

Bild: Aufnahmen und Ausschnitte aus der Serie
‚Landscapes – Places of Longing‘, 2020
© Monika Humm / VG Bild-Kunst, Bonn 2021
Filmkonzeption: Monika Humm / Isabel Haase
Filmschnitt: Monika Humm
Komponist / Textautor / Vocals / Ukulele: Isabel Haase
Mischung: Jean-Jacques Kraïf / Isabel Haase

Alles fließt

Farben fließen, Schichten bewegen sich, Überlagerungen entstehen, Formen verändern sich, alles ist in Bewegung. Panta Rhei. Verbindungen entstehen, Verbindungen verschwinden. Aus Allem scheint Eins zu werden und aus Einem Alles. Zu den Bildern kommen die Musik und die Stimme von Isabel Haase. Alles klingt einfach und vermittelt eine große Leichtigkeit. Bildliche und klangliche Strukturen scheinen sich zu wiederholen, ins Unendliche fortzusetzen. Die Melodie geht ins Ohr. Der Text ist ebenfalls einfach – und geht ins Ohr. Lässt eigene Gedanken zu. Vielleicht braucht es nicht mehr, als fließende Bilder und einen fließenden Klang, wenn die Sehnsucht nach Ruhe, nach Veränderung, nach Freiheit anklopft.

Platons Zitat „Pánta chorei kaì oudèn ménei“ (alles fließt und nichts bleibt) kommt in den Sinn. Es greift die Flusslehre Heraklits auf, in deren Metapher alles fließt und nichts bleibt. Es gibt nur ein ewiges Werden und Wandeln. Vielleicht ist das gemeinsame Werk von Monika Humm und Isabel Haase auch eine Metapher für die Prozessualität alles Seienden. Sein ist das Entstehen und Werden des Ganzen und im dynamischen und ewigen Wandel.

Monika Humm beleuchtet in ihren Bildern und Rauminstallationen in dialektischen Strukturen das Verhältnis von Fläche und Raum, von Vielfalt und Einheit, von Gegenständlichkeit und Abstraktion, von Reflexion und Transparenz, und verbindet Urbanität mit landschaftlichen Strukturen.

„Aus sich selbst schöpfen – das kann Kunst“, sagt Monika Humm. Sich besinnen, in den Flow kommen. Und so entstehen auch oder gerade in einer Krise Möglichkeiten einer Neuorientierung. Monika Humm entwickelt ganz neue Formate, die vorher nicht vorstellbar waren: „Kunst ist am Puls der Zeit. Stimmungen einfangen, aufzeigen, was noch nicht so klar zu definieren ist, all das kann Kunst.“

Durch die Einschränkung des Bewegungsradius fand bei mir auch eine Besinnung auf das, was bereits vorhanden und in meinen Erinnerungen gespeichert ist, statt.

Interview mit Monika Humm

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

Das Video ‚Sehnsucht‘ ist ein weiterer Schritt, die Eindrücke und Stimmungen, die ich auf meinen Reisen einfing, in eine neue Realität zu bringen. Es transportiert die in meinen Ölbildern enthaltenen Gefühle in ein Bewegtbild. Durch die Überlagerung von verschiedenen Bildern der Serie, im Zusammenspiel mit Details, ergeben sich Traumlandschaften. Die Betrachtenden finden sich in den eigenen Reflexionen wieder, nichts ist statisch, alles ist im Fluss. Die Arbeit ‚Sehnsucht‘ reiht sich in meine Videos ein, die ich zu meinen malerischen und rauminstallativen Serien entwickelte, z.B. ‚Seaweed‘ in 2010 und ‚Movements‘ in 2018. Allerdings bekommt diese Arbeit durch die Stimme und Soundkomposition von Isabel noch eine weitere Ebene.

Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Die Arbeiten, die dem Video ‚Sehnsucht‘ zugrunde liegen, entstanden am Anfang der Pandemie, im ersten Lockdown 2020. Da ich nicht reisen konnte, zog ich mich in mein Atelier zurück, und aus der Erinnerung entstanden Arbeiten der neuen Serie ‚Landscapes – Places of Longing‘. Eindrücke und Stimmungen vergangener Reisen, u.a. nach Ecuador, Panama und auf die Vulkaninseln der Azoren, finden sich darin wieder. Schon im Titel drückt sich Sehnsucht, mein damals vorherrschendes Gefühl, aus. 

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deiner Kollegin (die in einer anderen künstlerischen Sparte tätig ist) ?

Als ich Isabels neu interpretierten Song ‚Summertime‘ auf ihrem YouTube-Kanal sah, lud ich sie ein, ein gemeinsames Werk für KunstNetzWerk zu erarbeiten. In einem Gespräch war schnell klar, dass sich unsere Sehnsuchtsorte wunderbar ergänzen – Isabel auf der Karibikinsel, ich, mit Sehnsucht im Herzen, festsitzend in München. Unser Thema war gefunden. Durch gemeinsam realisierte Projekte, wie das Projekt Pangaea in München und Ecuador, kannte ich Isabels Arbeits- und Herangehensweise, und der virtuelle Austausch via Video Calls brachte uns schnell in der Entwicklung des Formats weiter voran. Der Entstehungsprozess des Videos ‚Sehnsucht‘ war für uns beide eine spannende und bereichernde Zeit.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Kaum Präsenzveranstaltungen, Eröffnungen etc. wurden in den virtuellen Raum verlegt. Ich verbringe sehr viel mehr Zeit am Computer. Die Reisen, auf denen ich die Eindrücke und Erlebnisse für meine Werkserien fand, sind momentan nicht möglich. Durch die Einschränkung des Bewegungsradius fand bei mir auch eine Besinnung auf das, was bereits vorhanden und in meinen Erinnerungen gespeichert ist, statt.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Aus sich selbst schöpfen. Sich besinnen, in den Flow kommen, meditative und produktive Zeiten folgen aufeinander, wechseln sich ab. Nicht unterkriegen lassen, wieder aufstehen. Es entstehen neue Formate, die Anfang 2020 so noch nicht denkbar waren. Kunst ist am Puls der Zeit. Stimmungen einfangen, aufzeigen, was noch nicht so klar zu definieren ist, all das kann Kunst.

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Monika Humm, geb. 1962 in Bad Griesbach im Rottal, lebt und arbeitet in München. Sie studierte Malerei und Grafik an der Akademie der Bildenden Künste in München bei Sean Scully. Sie kann auf diverse Förderungen und Stipendien, sowie Kunst am Bau Projekte u.a. in HongKong zurückblicken. Ihre Arbeiten wurden in Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland, u.a. in Ungarn, der Schweiz und in Ecuador gezeigt. In Ihren Bildern und Rauminstallationen beleuchtet sie das Verhältnis von Fläche und Raum, von Vielfalt und Einheit, von Gegenständlichkeit und Abstraktion und verbindet Urbanität mit landschaftlichen Strukturen.

www.monika-humm.de

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